"Film ist Staub, der im Kino aufleuchtet"

20. Oktober 2007, 12:32
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Der Filmessay "Staub" widmet sich auf höchst erhellende Weise jenem winzigen Partikel dieser Welt, das die meisten nur beseitigen, ein paar wenige aber auch erforschen wollen

Standard: Herr Bitomsky, das Staubkorn ist der kleinste Teil, den der Mensch mit bloßem Auge wahrnehmen kann. Wenn man einen Film über Staub dreht, wie geht man das Problem der Sichtbarkeit an? Wie macht man sichtbar, was beinahe unsichtbar ist?

Bitomsky: Das war die größte Herausforderung. Beim Drehen habe ich mich manchmal verzweifelt gefragt: Wo ist der Staub? Der kommt im Film ja gar nicht vor. Außerdem hatten wir das Unglück, dass es ein sehr feuchter Sommer war, der letzte August, ein bisschen so wie in diesem Jahr. Überall, wo wir hingingen, war der Staub gebunden, er war irgendetwas Feuchtes am Boden. Hinterher habe ich entdeckt, dass wir den Staub in sehr vielen verschiedenen Medien behandeln können, ihn etwa im Voice-over heraufbeschwören. Oder wir zeigen Maschinerien, die Staub beseitigen, oder solche, die ihn erkenntlich machen sogar jenseits der Schwelle, wo er mit dem bloßen Auge sichtbar ist.

Standard: Sie gewinnen Ihrem Sujet sehr viele Facetten ab. Gibt es eine, die für Sie am Anfang stand und von der aus sich das Weitere entwickelt hat?

Bitomsky: Es war weniger eine Facette als das Gefühl, dass ich einem Gefängnis entgehen konnte, in das sich jeder Dokumentarfilm begibt: Er hat ein Sujet, das fest umrissen ist. Staub hingegen ist vielförmig, mal ganz nah bei uns, wir erleben ihn jeden Tag, mal ganz weit weg, buchstäblich im Weltall. Deshalb habe ich die Möglichkeit gesehen, einen Film zu machen, in dem ich von Thema zu Thema springen kann. Die Idee, eine freiere Form zu wählen, hat mir ziemlich gut gefallen.

Standard: Auch in der freieren Form gibt es strukturierende Elemente. Wie haben Sie die gefunden?

Bitomsky: Beim Schneiden. Es hat eine Weile gedauert, bis die Methode mir vom Film selbst nahegelegt wurde. Es gibt Strecken, wo das eine Kapitel den Aufbau für das nächste stellt, und gleichzeitig gibt es Situationen, in denen man merkt: Jetzt einen Bruch zu haben ist wunderbar. Zum Beispiel in der Szene, in der eine Kamera gereinigt wird. Daraus entwickelt sich ein kleines Kapitel über die Verwandtschaft von Staub und Filmstaub. Es endet mit dem Satz, dass Film Staub ist, der im Kino aufleuchtet. Dann schneiden wir zu einer Putzfrau.

Standard: Gibt es eine große Diskrepanz zwischen dem, was Sie gedreht haben, und dem, was hinterher im Film vorkommt?

Bitomsky: Diskrepanz würde ich es nicht nennen. Es gibt einiges, was wir zweimal, an unterschiedlichen Orten, gedreht haben. Viel wichtiger aber ist, dass ich den Film ursprünglich für Amerika recherchiert habe. Durch verschiedene Gründe, unter anderem durch meine Rücksiedelung nach Berlin, ließ sich das nicht verwirklichen.

Standard: Sie hatten entsprechende Werke und die entsprechenden Wissenschafter in den USA schon kontaktiert?

Bitomsky: Genau. Ein bisschen haben wir dann versucht, alles in Deutschland oder in Europa wiederzufinden. Und tatsächlich, viele Sachen gibt es hier auch. Manches nicht, manches in einer anderen Dimension. Zum Beispiel zeigen wir bei der Bundeswehr, wie ein Staubtest für einen Granatwerfer veranstaltet wird. In den USA wäre ein ganzer Panzer im Staubkanal gewesen. Das ist schon ein wichtiger Unterschied.

Standard: Alles ist größer.

Bitomsky: Ja. Aber hier wie da sieht man die militärische Dimension.

Standard: Neben der naturwissenschaftlichen hat "Staub" eine ausgeprägte philosophische Seite. Wie verhält sich die eine zur anderen?

Bitomsky: Unsere Handlungen sind immer darauf ausgerichtet, Dinge in einen Sinn-, in einen Funktionszusammenhang zu setzen, was aber nicht restlos möglich ist. Es bleiben immer Sachen unberücksichtigt. Das hat mich zu dem Gedanken von Raymond Queneau geführt: Es bleibt immer etwas übrig, womit wir nichts anfangen können, was uns nicht untertan ist.

Standard: Sie zeigen dazu Schaufel, Besen und Staub am Boden. Nach jedem Kehren bleibt Staub zurück.

Bitomsky: Aber das ist kein Grund zu sagen: "Ach wir armen Menschen!" Wenn etwas uns nicht untertan wird, ist das auch wie eine Befreiung. Wir können nicht alles instrumentalisieren.

Standard: Kann Staub schön sein?

Bitomsky: Das muss man erst mal entdecken! Einer der Wissenschafter zeigt auf seinem Bildschirm explodierende, sterbende Planeten und macht dabei sehr deutlich, dass diese Momente eine Schönheit haben. Direkter sieht man es, wenn Künstler aus Hausstaub Kunstwerke machen.

Standard: Aber auch in dem Kalkwerk, das mit den Ablagerungen weißen Staubs aussieht wie der Palast der Schneekönigin. Zugleich wird in dieser Szene die Giftigkeit des Staubs stark betont.

Bitomsky: Man neigt dazu, immer nur eine Seite zu sehen. Sobald sich ein Widerspruch auftut, soll die andere Seite verschwinden. Hier lernt man: Man muss akzeptieren, dass es beide Seiten gibt. Eigentlich bedeutet das auch Freiheit für einen selbst. Man kann seine Haltung gegenüber einer Sache ändern. Nur weil man einmal gesagt hat, etwas sei schlecht, muss man nicht sein Leben lang darüber so denken.

Standard: Die naturwissenschaftlichen Erläuterungen haben den Nebeneffekt, dass jemand, der wenig Vorbildung mitbringt, nicht immer folgen kann. Nehmen Sie das Nichtverstehen bewusst in Kauf?

Bitomsky: Bewusst daran ist, dass ich denke: Man muss solche Momente aushalten können. Nicht alles, was man zum ersten Mal sieht, hört, schmeckt und riecht, kann man sofort verstehen. Mir geht es ja selbst nicht anders, ich bin ja auch kein Physiker, kein Chemiker. Okay, ich habe mich ein bisschen damit beschäftigt im Vorfeld und weiß ein paar Dinge. Aber wenn ich ein Interview führe, passiert es schon, dass ich die falschen Fragen stelle.

Standard: Sie verknüpfen Ihre Ausführungen zum Staub immer wieder mit Geschichte und Niedergang der Industriearbeit. Warum ist es so interessant, sich damit zu befassen?

Bitomsky: Weil deutlich wird, dass ein Zeitalter zu Ende geht. Irgendetwas geschieht, ich stehe auf einem anderen Boden, jetzt brauche ich andere Gerätschaften, um mich zu orientieren. Das gilt auch für das Filmemachen. Das Kino ist in den letzten hundert Jahren der getreue Korrepetitor des industriellen Zeitalters gewesen. Und jetzt müssen wir uns darauf gefasst machen, dass eine bestimmte Art von Filmemachen, eine bestimmte Art, den Blick auf die Welt aufzuzeichnen, zu Ende geht.

Standard: In Ihrem Film sieht es manchmal aus, als produzierte die alte Form der Arbeit ganz viel Staub, die neue Form gar keinen.

Bitomsky: Ja. Aber das ist eine Täuschung.

(Cristina Nord, DER STANDARD/Printausgabe, 20.10.2007)

Zur Person:
Hartmut Bitomsky, 1942 in Bremen geboren, ist einer der bedeutendsten deutschen Dokumentarfilmemacher. Er studierte an der deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, deren Direktor er seit 2006 ist. Von 1974 bis 1985 gehört er zu den Herausgebern der einflussreichen deutschen Zeitschrift Filmkritik. Seine filmischen Arbeiten setzen das Schreiben mit anderen Mitteln fort: In Reichsautobahn, Deutschlandbilder und Der VW-Komplex beschäftigt sich Bitomsky mit deutscher Geschichte und insbesondere mit der Ästhetik des Nationalsozialismus.

Mehrere Filme widmen sich auch den USA und dem Kino: Highway 40 West, Das Kino, der Wind und die Fotografie oder zuletzt B 52, in dem er ausgehend vom gleichnamigen Bomber eine Geschichte der US-Kriegskultur entwirft. Generell unterzieht Bitomsky kulturell verfestigte Bilder, oft auch Archivmaterial, einer neuerlichen Betrachtung. Seine Filme sind im besten Sinn einer essayistischen Form verpflichtet, wobei Bitomskys sonore Erzählstimme darin als Kompass dient und gegen die Verführungskraft der Bilder antritt.

20. 10. Künstlerhaus 16.00; Wh,: 24. 10. Metro 18.30
  • Nach jedem Kehren bleibt ein Streifen Staub zurück: "Wir können nicht alles instrumentalisieren", sagt dazu der deutsche Filmemacher und Autor Hartmut Bitomsky, der diese flüchtige Materie beobachtet hat.
    foto: viennale

    Nach jedem Kehren bleibt ein Streifen Staub zurück: "Wir können nicht alles instrumentalisieren", sagt dazu der deutsche Filmemacher und Autor Hartmut Bitomsky, der diese flüchtige Materie beobachtet hat.

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