Toshiba: "Vista im Business-Segment war eine Fehleinschätzung"

29. Oktober 2007, 10:51
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Notebook-Spezialist schwört auf eigenes Wachstum im Kampf um Marktanteile

Das neue Distributionssystem des Notebook-Spezialisten Toshiba versetzte die Computerbranche im Frühjahr dieses Jahres in helle Aufregung. Auch der Vertrieb des neuen Microsoft Betriebssystems Windows Vista verlief für den IT-Giganten anders als geplant. Zwar scheint die Software mittlerweile bei Privatkunden angekommen zu sein, dennoch zögern weiterhin Businesskunden mit dem Umstieg. pressetext sprach mit Dirk Thomaere, General Manager von Toshiba Europe für den Geschäftsbereich Computersysteme, und dem österreichischen Country Manager Hannes Schipany über zukünftige Trends im DVD-Segment, versäumte Chancen von Mitbewerbern sowie die aktuellen Preisturbulenzen auf dem Speicher- und PC-Markt.

Frage: Herr Thomaere, seit dem 1. Dezember 2006 bekleiden Sie Ihre neue Position bei Toshiba Europe. Welche Herausforderungen gab es bis dato zu meistern und hat sich die Einführung des neuen Distributionssystems gelohnt?

Thomaere: Die Herausforderungen lagen und liegen vor allem darin, den Business-To-Business-Bereich (B2B) auszubauen und das Business-To-Consumer-Segment (B2C) zu stabilisieren. Im B2B-Bereich verfolgen wir das Ziel, in Deutschland, Österreich und der Schweiz noch weiter zu wachsen. Dies soll mithilfe unseres neuen Distributionssystem erreicht werden, von dessen Einführung im April dieses Jahres alle Distributoren profitiert haben. Während das damalige Distributionssetup anders und eher wachstumshemmend aufgebaut war, können wir nun bei den Distributoren umsatzbezogen ein Plus von 55 Prozent Year-on-Year Growth vorweisen können.

Frage: Dennoch nahm der Markt diese Pläne überrascht und keinesfalls kritiklos auf. Immer wieder wurde die Kritik geäußert, dass die großen Distributoren als "Durchlaufstationen" abgewertet würden. Was sagen Sie zu diesen Vorwürfen?

Thomaere: Ich kann sagen, dass die Einteilung des neuen Distributionsmodells in große LFPs (Logistic Fulfillment Partner) und die kleineren BDPs (Business Development Partner) zeigt, dass jetzt auch Letztere verstärkt wachsen und mehr neue Händler an Toshiba heran treten konnten. Vor allem BDPs profitieren von der Umstellung. Zwar haben diese wie auch die LFPs das Modell anfänglich kritisiert, dennoch änderte dies nichts an der Sinnhaftigkeit unserer Überlegungen. Devil und bluechip als Distributoren haben letztlich erkannt, dass sie auf das fokussieren können, was wir mit ihnen diskutiert haben, nämlich neue Zielgruppen anzusprechen. Das gesamte Modell ist so aufgesetzt und mit unseren Partnern erarbeitet worden, um über die BDPs vor allem kleinere Kanäle anzusprechen und die Distributoren dafür zu belohnen. Das hat funktioniert.

Frage: Toshiba hat unlängst angekündigt, AMD-Prozessoren in seine Notebooks zu verbauen, um einen größeren Absatzmarkt zu erreichen. Welche Auswirkungen hatte dieser Schritt auf den Handel und wurden die Erwartungen diesbezüglich erfüllt?

Thomaere: Wir sind bislang sehr zufrieden mit der AMD-Kooperation. Toshiba-Notebooks mit AMD-CPUs werden sich auch künftig gut verkaufen. Die qualitative Akzeptanz des Produkts durch den Markt steht hierbei an oberster Stelle. Diese Zusammenarbeit ermöglicht es uns, vor allem auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz neue Vertriebskanäle anzusprechen und zu erschließen. AMD hat uns dabei geholfen, diese Segmente nachhaltig zu öffnen und einem breiteren Kundenkreis anzubieten.

Frage: Auf welche Produktneuerungen können Kunden 2008 gespannt sein?

Thomaere: 2008 wird eine neue Plattform entstehen. Zuerst einmal werden wir unsere Produkte weiterentwickeln bzw. komplett neu designen. Die Schönheit der Geräte wird hierbei genauso im Vordergrund stehen wie Technologie und Effizienz. Mit von der Partie sind auch SSD-Festplatten und neue Notebooks mit Intel-Prozessoren. Im Gegensatz zu Dell, die den Kunden erst kürzlich mehr Individualität durch eine größere Farbauswahl bei den Notebooks angeboten haben, sind wir schon lange von diesem wichtigen Schritt überzeugt gewesen. Bereits in der Vergangenheit setzten wir diese Pläne mit kupfer-, silber-, rot-, blau- und orangefarbenen Modellen um. Das ist eine Richtung, die sich an den Interessen, Vorlieben und nicht zuletzt auch an der Nachfragestruktur der Konsumenten orientiert.

Frage: Für das erste Quartal 2007 hatte sich Toshiba 18 Prozent Marktanteil bei den Business-Notebooks als Zielmarke gesetzt. Laut IDC verlor das Unternehmen jedoch sieben Prozent. Was waren die Hauptgründe für diese Entwicklung?

Thomaere: Ein Hauptgrund für diesen Einbruch war auch die Fehleinschätzung gegenüber dem neuen Microsoft Betriebssystem Windows Vista als Plattform für das B2B-Segment. Wir hatten zwar die gesamte Schiene Windows Vista vorbereitet, dennoch hat es sich - wie wir alle wissen - dann doch nicht wie gewünscht ergeben. Die meisten B2B-Kunden blieben nach wie vor auf Windows XP Professional fokussiert, was dazu führte, dass wir in den ersten Quartalen Marktanteile verloren. Jetzt wollen wir diesen Rückstand aber Schritt für Schritt aufholen. 18 Prozent waren damals nicht das Ziel, schließlich bezog sich dieser Marktanteil auf die Benelux-Staaten. 18 Prozent bleiben jedoch ein langfristiges B2B-Thema.

Frage: Wie sehen die aktuellen Zahlen bezüglich der Hardwareausstattung mit dem neuen Microsoft-Betriebssystem aus?

Thomaere: Der Consumer-Bereich ist zu 100 Prozent mit Windows Vista ausgestattet. Bei den Geschäftskunden liegt die Verteilung allerdings erst bei 30 Prozent Windows Vista und 70 Prozent Windows XP Professional. Unsere Entwickler haben wir vor diesem Hintergrund darauf hingewiesen, weiter alle nötigen Treiber für Windows XP bereitzustellen und damit eine Versorgung zu ermöglichen. Diese geringe Vista-Verteilung bei B2B wird meiner Einschätzung zufolge auch noch eine ganze Weile auf diesem Niveau bleiben.

Frage: Warum tun sich vor allem Businesskunden fast ein Jahr nach der Einführung von Windows Vista immer noch so schwer mit dem Umstieg?

Thomaere: Vista-Treiber für Access Suites und andere Apparaturen sind derzeit einfach noch nicht ausreichend vorhanden, sodass die Stabilität noch nicht so stark gewährleistet ist. Außerdem kostet die Umrüstung auf ein neues Betriebssystem naturgemäß sehr viel Geld. Auch allgemeine Wartungszyklen in den Unternehmen spielen bei B2B-Kunden eine entscheidende Rolle. Dass Vista in vielen Unternehmen noch nicht angekommen ist, liegt jedoch nicht primär an Vista selbst. Prinzipiell ist es so: Wird ein neues Betriebssystem eingeführt, wird dies aus den genannten Gründen zwangsläufig zurückhaltend aufgenommen. Das hat nichts damit zu tun, dass Windows Vista schlechter wäre als Windows XP.

Schipany: Diese Debatte bezieht sich ausschließlich auf Großkunden. Einer unserer Kunden - eine sehr große Versicherung - setzt auch jetzt noch Windows 2000 ein. Wenn man heute 4.000 bis 5.000 Clients umstellen muss, dann lässt sich so etwas nicht von heute auf morgen erledigen. Vor diesem Hintergrund überlegt man sich eher, Betriebssysteme zu überspringen. Außerdem ist das Freimachen von Budgets auch noch ein relevanter Aspekt - vor allem dann, wenn man als Unternehmen eine Software einsetzt, die sicher und stabil auf Windows 2000 arbeitet.

Frage: Große PC- und Notebook-Hersteller wie Marktführer Hewlett Packard oder Dell nutzen die zumeist kostenfrei von Microsoft angebotene Downgrade-Option der Windows-Versionen Vista Business und Ultimate auf Windows XP. Bietet auch Toshiba seinen Kunden diese Möglichkeit an bzw. wird dies vom Markt indirekt verlangt?

Schipany: Das Downgrading ist eine lizenzrechtliche Angelegenheit, die von Microsoft für den gesamten Markt gilt. Bis vor kurzem hatten wir noch zwei Artikelnummern für Windows XP Professional und Windows Vista. Das wird nun logistisch vereinfacht. Trotzdem können wir dies nicht allein entscheiden, sondern da muss auch Microsoft aktiv mitarbeiten. Mit 1. Oktober liefern wir Maschinen aus, bei denen Windows Vista vorinstalliert ist. Zusätzlich liegt dann noch eine Recovery-CD für Windows XP bei. Betrachtet man Dell und dessen Bestrebungen, auch in Europa in den indirekten Vertrieb einzusteigen, bleibt fraglich, ob dieses Konzept aufgehen wird. Hewlett Packard ist stärker als Dell und ich gehe nicht davon aus, dass man diesen Vorsprung so schnell einholt. Wenn Dell von seinem direkten Supply-System abgeht, könnte sich das negativ auf das Kundenvertrauen auswirken. Schließlich sind Authentizität und Berechenbarkeit wichtig für die Kundenbindung.

Frage: Trotz des allgemeinen Optimismus hat die Computer- und Halbleiterbranche 2007 mit Problemen zu kämpfen gehabt. Marktsegmente wie DRAM- und NAND-Speicherchips gerieten unter Preisdruck, sodass IDC im Halbleitergeschäft 2007 mit einem Wachstum von nur 4,8 Prozent rechnet. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein und wird das Geschäft für 2008 dadurch noch weiter belastet bleiben?

Thomaere: Meiner Einschätzung nach haben sich die Preise im Speichermarkt momentan wieder ein wenig stabilisiert. Dennoch sind Speicherchips sehr billig geworden, ich gehe also davon aus, dass sich die Preise erst einmal in dieser Größenordnung weiter einpendeln. Einen weiteren Preisverfall sehe ich momentan aber nicht. Die Probleme im NAND-Bereich haben vorrangig mit dem Wechsel von verschiedenen GPS-Systemen zu tun. Diese setzten vermehrt auf NAND, anstatt auf Festplatten. Dies wird die Nachfrage im vierten Quartal noch weiter anheizen und damit ein Steigen der Preise verursachen.

Frage: Aus asiatischen Industriekreisen hörte man in den vergangenen Wochen, dass DVD-Laufwerk-Hersteller wie Hitachi Schwierigkeiten haben, ihren Bestellungen aufgrund von Zulieferproblemen nachzukommen. Hat auch Toshiba derzeit mit den Auswirkungen dieser Versorgungsknappheit zu kämpfen?

Thomaere: Wir haben auf Lieferengpässe von DVD-Laufwerken bislang überhaupt kein negatives Feedback bekommen, sodass die Verfügbarkeit für das vierte Quartal 2007 kein Problem für uns darstellt. Somit werden wir auch keine Schwierigkeiten haben bei der Zulieferung von Produkten durch DVD-Komponenten.

Frage: Trotzdem wird darüber spekuliert, dass dieser Lieferengpass bei DVD-Laufwerken vor dem Hintergrund des noch immer nicht endgültig entschiedenen DVD-Nachfolgeformatkriegs zwischen HD-DVD und Blu-ray existiert. Was halten Sie von solchen Einschätzungen und welches Format wird sich mittel- bis langfristig durchsetzen?

Thomaere: Momentan hat diese Diskussion nichts mit der Meldung um Zulieferengpässe von DVD-Komponenten zu tun. Zum Thema der DVD-Nachfolgeformate ist zu sagen, dass jeder derzeit zwar über Blu-ray oder HD-DVD spricht, aber leider fast ausschließlich nur in Bezug auf den Content von Filmen. Ich glaube, dass man auch die Bedeutung eines Nachfolgeformats für den IT-Sektor als Datenträger mit bis zu 50 Gigabyte Speichervolumen berücksichtigen muss. Blu-ray ist im Multimedia-Bereich wiederzufinden, wie bei Sonys Playstation oder in anderen Spielegeräten. Für Softwarehersteller hingegen ergäben sich durch HD-DVD enorme Potenziale. Deshalb wird Toshiba ab sofort HD-DVD-Geräte in die Notebooks integrieren und zusätzlich den Preis stabil halten. Außerdem werden wir eine Kampagne starten und den Notebooks fünf Filme beilegen. (pte)

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