"Man kann sich das nicht vorstellen"

25. Jänner 2008, 08:24
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Dialog mit Zeitzeugen sollte kein Privileg für Schüler der Oberstufe sein - Auch 12-Jährige sind an Zeitgeschichte interessiert

Bregenz - Man könnte einen Bleistift fallen hören. Niemand wetzt ungeduldig auf dem Stuhl, keiner tippt auf dem Handy rum, die Ohrstöpsel bleiben im Hosensack. Eine ganze Schulstunde lang hören 25 Jugendliche konzentriert einem alten Herrn zu. Die 3c des Gymnasiums Gallusstraße hat einen Gast aus Israel. Vor der Tafel steht Naftali Fürst, der zwölf Jahre jung war, als er aus dem KZ Buchenwald befreit wurde. So alt, wie Marcia, Lisa, Clemens und ihre 22 Klassenkolleginnen und Kollegen heute sind.

Für eine Stunde wird aus dem 74-jährigen Großvater wieder der kleine Pressburger Bub. Er erzählt von einer Kindheit, die abrupt in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten endete. Schildert, wie ihm und seinem Bruder durch Tricks und "viel, viel Glück" das Überleben der "Vernichtungsfabrik Auschwitz" gelang. Er erinnert sich an den Abschied von der geliebten Omama, die anders als die blonden, blauäugigen Enkelsöhne bei der Selektion nicht auf die "gute Seite" gekommen ist. Er erzählt von der starken Hoffnung auf ein Wiedersehen mit den Eltern. "Komme, was wolle, wir müssen überleben!", diese Devise hatte der Vater den Buben mit auf den Weg gegeben.

Fürst erzählt von einem Kind, das gerne in der Schule geblieben wäre, stattdessen aber Schaukelpferde für Arier-Kinder anfertigen musste.

"Wie lange warst du eigentlich in der Schule?", will Clemens Guggenberger nach dem Vortrag von Fürst wissen. "Nach dem Krieg vier oder fünf Jahre, da musste ich alle zwölf Jahre aufholen." Die Kinder seufzen tief, wie hart das sein muss, können sie sich vorstellen. "Aber all das andere,", schüttelt Michael Ludescher den Kopf, "wenn ich mir vorstelle, wir da alle mit 12 in einem Konzentrationslager."

Thema für ganz Junge

Michael denkt lange nach und landet wieder in der Gegenwart: "Wir können schon froh sein, dass wir in die Schule gehen dürfen." Er solle da mal nicht übertreiben und "auf dem Boden bleiben", grinst einer hinter ihm. Michael dreht sich um und fragt empört: "Wärst du etwa lieber im Konzentrationslager?"

Die Kinder zeigen sich beeindruckt von den Schilderungen des Gastes. "So etwas zu hören ist ganz anders als ein Buch zu lesen. Furchtbar, wie die Kinder ganz allein waren", sagt Lea Büchele. Der Dialog mit so jungen Schülern war für den Zeitzeugen Fürst eine Premiere: "Wunderbar, wie interessiert sie waren."

Der Pädagoge Joachim Wiesner, der die Lebensgeschichte von Naftali Fürst für das "erinnern.at"-Projekt im Unterricht bearbeitet hat, überlässt der Klasse die Mappe. Der Dialog mit Fürst soll nachbereitet werden. Nächste Woche werden die Schüler das Jüdische Museum Hohenems besuchen. Streng genommen, stehen zwar momentan Renaissance und Reformation auf dem Lehrplan. Aber mindestens so wichtig sei es, "früh genug über Rechtsextremismus zu sprechen", sagt Geschichtelehrer Christian Spitaler. Schließlich seien die Kids auch im Alltag oft mit der Thematik konfrontiert. (Jutta Berger/DER STANDARD-Printausgabe, 19./20. Oktober 2007)

  • 12-jährige Bregenzer Schüler treffen auf den KZ-Überlebenden Naftali Fürst.
    foto: angelika meusberger

    12-jährige Bregenzer Schüler treffen auf den KZ-Überlebenden Naftali Fürst.

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