Die Setzkasten-Punks

30. Oktober 2007, 12:57
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Im polnischen Wroclaw (Breslau) zeugt ein Theaterfestival von der Vitalität theatralischer Wirklichkeitsbefragung: Bei "Dialog" dominieren "Junge Wilde" – 10.000 Besucher kommen

Wie im Vorfeld von Popkonzerten drängeln sich Kartenbesitzer durch die Massen hoffnungsvoller Restplatzanwärter. Abendroben? Nur auf der Bühne. Und: Legere Zugeknöpftheit mit T-Shirt zum Sakko kann man sich auch sparen. So gebietet es das Besucherbild zum 2500 Jahre alten Aischylos-Klassiker Oresteia, der für das derzeit wichtigste polnische Theaterfestival Dialog in Breslau aus Krakau geholt wurde. Dafür sitzt man, wenn nötig, am Boden. Konventionen sind in dieser Theaterlandschaft vorhanden, um gebrochen zu werden: "Junge Unzufriedene" werden die Regiestars dort genannt. Sie sind noch keine 40 und haben in den letzten zehn Jahren mit ihrem Produktionsfeuerwerk jene Regiegeneration von den Bühnen gewischt, die eine stagnierende Theatererneuerung nach 1989 befehligte.

Mit Irokesen-Haarschnitt, Punk-T-Shirt und Ledermantel stellt Oresteia-Regisseur Jan Klata (34) derzeit das Aushängeschild dieser radikalen Phalanx polnischer Theatermacher dar. Er selbst bezeichnet sich als "Theater-DJ" und meint abgeklärt: "Wir haben die Jugendlichen in die Theater gebracht!" Abgeholt werden sie dort, wo sich ihre soziokulturellen Probleme häufen. Klatas Inszenierungen attackieren die Endlosschleife eines unreflektierten Geschichtsverständnisses oder fischen im Themenpark der globalen Medienmaschinerie.

Diesjährig hat die Festivalleiterin Krystyna Meissner (74) den Leitsatz "Kunst ist nur Übertreibung und Entstellung" (Imre Kertész) über die 15 ausgewählten Produktionen geschlagen. Fünf davon kommen aus Hochburgen wie Warschau, Krakau und eben Breslau. Der Rest wird aus dem Ausland geschöpft, die Burg-Produktion mede:a (Regie: Grzegorz Jarzyna) wurde ebenfalls eingeladen.

Zu den weiteren Höhepunkten zählten Andreas Kriegenburgs Tschechow-Inszenierung in München, Drei Schwestern, sowie Angels in America (Kushner, Regie: Krzysztof Warlikowski), und: Stücke der jungen Regiestars Klata und Michal Zadara (31). Die Eckdaten des Theatertreffens, das seit 2001 zweijährig stattfindet, verbürgen seinen Erfolg: Ein Budget von gerade einer Million Euro gewährleistet Theater für 10.000 Besucher. Dank der Jugendlichkeit der Theatergeher ist die Auslastung von 100 Prozent auch für die Zukunft garantiert.

"Virtuelle Kritik"

Die Popularität des polnischen Theaters liegt für Meissner im Potenzial für virtuelle Kritik: "In der Zeit des Kommunismus formte das Theater implizite Bilder des Protests. Damals wie heute wird dort der Diskurs über tabuisierte Probleme offengehalten." Und, angelehnt an Kertész: "Kunst ist, die richtige Form des Protests zu finden." Gerade im Bereich der Formensprache ist die junge Theatergeneration kaum zu schlagen: Sie haben jene des zeitgenössischen deutschen Theaters aufgesogen und im eigenen Setzkasten weiterentwickelt. Licht- bzw. Raumgestaltung, Industrial-Soundteppiche, Ausdruckstanz- und Performanceelemente und große Schauspielbandbreiten bauen atemberaubende Atmosphären. So liegt die Stärke von Klatas Oresteia letztlich in der Grundidee, das Publikum gemeinsam mit den Figuren im Theaternebel der brutalistischen Archaik des Stoffs gefangenzuhalten.

Für die ästhetischen Höhepunkte des Festivals sorgten aber Kartoteka und Odprawa poslow greckich: Für beide hat Michal Zadara, derzeit mit sechs (!) Saisonarbeiten der produktivste Regisseur, an der Grundkonzeption des Theaterbesuchs geschraubt. Letzteres Stück, Die Abfertigung der griechischen Gesandten, wurde 1578 von Jan Kochanowski als politische Intervention gegen Kriegstreiberei geschrieben. Zadara hat drei Publikumstribünen auf die Bühne gestellt, die Sesselreihen im Zuschauerraum werden zur Landschaftskulisse. Die Rolle des Zusehers hat Zadara gestrichen: so gesehen die Definition für großes Theater. (Georg Petermichl aus Breslau, DER STANDARD/Printausgabe, 20.10.2007)

  • Eine "Orestie" als Bewältigung kultureller Überlebensfragen: Kassandra (Malgorzata Galkowska) als Star des Breslauer Theaterfestes.
    foto: sowa

    Eine "Orestie" als Bewältigung kultureller Überlebensfragen: Kassandra (Malgorzata Galkowska) als Star des Breslauer Theaterfestes.

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