Der geteilte Himmel

30. Oktober 2007, 14:10
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Elke Brüns brillante Studie über die deutsche Literatur nach dem Mauerfall

Zur DDR hatte Österreich immer ein besonderes Verhältnis: Irgendwie ist sie uns am Herzen gelegen. Ganz abgesehen von ihrem Gesellschaftssystem (und es war eben eine Kunst, davon abzusehen), gab es, vielleicht aus einer untergründigen Solidarität mit dem Status des kleinen Bruders, beste politische Beziehungen – und ein starkes Interesse an ihrer Literatur. Den Fall der Mauer im Jahr 1989 verfolgte man hierzulande gewiss mit Sympathie, mit der deutschen Wiedervereinigung und ihren Folgen beschäftigte man sich dagegen kaum. Dass die DDR-Autoren gleichsam über Nacht zu Bundesdeutschen geworden waren, konnte man bedauern; und hoffen, dass ihnen ohne die Zwänge der Diktatur der Stoff nicht ausgehen würde.

Interessanterweise hat sich auch die deutsche Literaturwissenschaft nicht wirklich die Frage gestellt, was der gewaltige und von niemandem erwartete historische Umbruch auf dem Felde der Literatur für Früchte getragen habe. Ganz im Ernst wurde da behauptet, dass "ohne die deutsche Vereinigung nahezu die gleichen Texte geschrieben worden wären, die wir jetzt zu lesen bekommen" (Klaus-Michael Bogdal). Andere bemängelten, dass die Innovationslust in ästhetischer Hinsicht mit der revolutionären Entwicklung nicht Schritt zu halten vermöge. Die Debatten, die das Feuilleton über die Stasi-Kollaboration von Christa Wolf, Sascha Anderson oder Monika Maron führte, wurden als Symptom wahrgenommen, aber nicht genau analysiert.

Jetzt hat die Berliner Germanistin Elke Brüns eine brillante Studie vorgelegt, in der ihr nicht weniger gelingt, als dieses von ihr beschriebene Defizit zu tilgen, indem sie die Literatur nicht als hinterdrein hinkende Magd der Zeitgeschichte wahrnimmt, sondern als eigenständiges Referenzsystem, das es, mit den Mitteln der Kultursemiotik, lesen zu lernen gilt. Nur wer die ästhetischen und symbolischen Dimensionen der Texte durchleuchtet, kann tiefer dringen als bis zu einem unpräzisen Begriff von "Wendeliteratur", kann mehr erkennen als eine für viele ärgerliche "Ostalgie" in den jüngsten Werken ostdeutscher Produktion. Gerade das, was trotz "Wende" fortgeschrieben wird, lässt hier tief blicken: Die Staatsdichterin des Ostens und der Staatsdichter des Westens wählen Verkleidungen und suchen Halt an der (literarischen) Tradition: Christa Wolf mit ihrer Mythos-Travestie Medea (1996) und Günter Grass mit seiner Fontane-Hommage Ein weites Feld (1995).

Christa Wolf selbst hat sich im Sinne des Kulturanthropologen René Girard (Das Heilige und die Gewalt) als Sündenbock gesehen, als rituelles Opfer, das eine durch "Entdifferenzierung" in die Krise geratene Gesellschaft zu einen vermag. Durch "Entgrenzung" sei, so der unnostalgische DDR-Autor Kurt Drawert, "die DDR zu einem Zustand geworden, durch den auch die alte Bundesrepublik nicht mehr dieselbe ist". Und die Literatur formt als Einrichtung kollektiver Sinnstiftung für Elke Brüns das "kulturelle Imaginäre" (Winfried Fluck) mit: "Die Literatur des Umbruchs wird solchermaßen zum Austragungsort kultureller Redefinitionen." Brüns konzentriert sich auf die symbolische "Deutungsmacht" der Literatur, auf die Bilder von der verratenen Revolution, vom käuflichen Land als Hure, von der "Wunde" des geteilten Deutschland und von der Vereinigung als einem organischen Prozess. Sie untersucht die Wechselwirkung des bis auf das corpus mysticum des Mittelalters zurückgehenden "body politic", des Leibes der "imaginären Gemeinschaft", mit dem Körper des Einzelnen. So schenkt Thomas Brussig in seinem Roman Helden wie wir (1996) der Revolution ohne Köpfe einen Akteur, der das Unerhörte der Maueröffnung mit besonderem Körpereinsatz bewirkte: Sein Anti-Held Uhltzscht will die Grenzer durch das Entblößen seines abnorm vergrößerten Gliedes außer Gefecht gesetzt haben. Am Schluss steht "der geheilte Pimmel" als hämisches Echo auf Christa Wolfs Der geteilte Himmel (1963). Hier ist der allenthalben – vergeblich – eingeforderte große "Wenderoman" als Farce realisiert.

An den drei Eckdaten der jüngsten deutschen Geschichte, dem Mauerfall am 9. November 1989, der Währungsunion am 1. Juli und dem Beitritt der DDR am 3. Oktober 1990, lässt Elke Brüns, ohne je den Überblick zu verlieren, ein gewaltiges Textcorpus kristallisieren, das von Goethe und Büchner über Christoph Hein und Martin Walser bis zu Robert Menasses Waldviertel-Roman Schubumkehr (1995) reicht: Unter der Hand der Interpretin vertieft sich die formal schlichte Geschichte zur geschichtsphilosophischen Fundgrube. Literaturwissenschaft, so betrieben, nämlich als Umschlagplatz für beides, Gründlichkeit und Geist, bedarf keiner Rechtfertigung, die außerhalb ihrer selbst läge. Wer mehr über jene rätselhaften Vorgänge wissen will, die aus dem friedlichen Schlachtruf "Wir sind das Volk!" die Nationalparole "Wir sind ein Volk" werden ließen, darf sich freuen: Das Standardwerk dazu liegt bereits vor. (Daniela Strigl, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 20./21.10.2007)

Elke Brüns, "Nach dem Mauerfall". € 41,10/315 Seiten. Fink, München 2007.
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    cover: fink
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