Italien erhält einen Abgeordneten mehr, Polen einen Generalanwalt am EuGH - Unterzeichnung am 13. Dezember - Gusenbauer: "Selbstbeschäftigung der Union abgeschlossen" - Gipfel am Freitag fortgesetzt
Lissabon - Nach monatelangem Ringen haben
sich die EU-Staaten auf einen Reformvertrag verständigt und damit ein
neues Fundament für die Europäische Union gelegt. "Das ist ein Sieg
für Europa - mit dem neuen Vertrag kommen wir aus der Sackgasse
heraus, in der wir steckten", sagte der Ministerpräsident Portugals
und EU-Ratsvorsitzende Jose Socrates Freitag kurz nach ein Uhr Früh
auf dem Gipfel der Staats- und Regierungschefs in Lissabon. Der
"Vertrag von Lissabon" soll am 13. Dezember ebendort unterzeichnet
werden. Nach Ratifizierung der Mitgliedsländer wird er
voraussichtlich am 1. Jänner 2009 in Kraft treten.
Reformdiskussion
Der Reformvertrag soll die Union nach der größten Erweiterung
ihrer Geschichte seit 2004 von 15 auf 27 Mitgliedsländer
handlungsfähiger und demokratischer machen. Mit dem Vertrag wird eine
rund zehn Jahre lange Reformdiskussion abgeschlossen. Er markiert
zugleich das Ende der Krise der EU, die mit dem Scheitern der
Verfassung in den Volksabstimmungen Frankreichs und der Niederlande
2005 ausgebrochen war.
Ioannina-Klausel
Der Vertrag bringt neue Spielregeln für Institutionen und
Entscheidungsprozesse in der EU mit sich. Um Einzelheiten wurde unter
den Regierungen bis zum Schluss gerungen. Polen, das mit dem
Widerstand gegen eine Verringerung seines Stimmengewichtes im Rat
schon die Verhandlungen auf dem Juni-Gipfel in die Länge gezogen
hatte, war nach Lissabon mit einer neuen Hürde angereist Die
Regierung der Zwillingsbrüder Lech und Jaroslaw Kaczynski pochte
darauf, die so genannte Ioannina-Klausel verbindlich festzulegen.
Mit diesem Instrument kann eine knapp unterlegene Minderheit über
einen Mehrheitsbeschluss auf einige Monate begrenzte
Nachverhandlungen durchsetzen. Die übrigen Länder wollten vermeiden,
dass die Blockaderegel nur mit einer aufwändigen Vertragsänderung
wieder abzuschaffen wäre. Nun wurde in einem Protokoll festgehalten,
dass die Klausel einstimmig im Ministerrat geändert werden kann.
"Polen hat alles erreicht, was es wollte", freute sich der polnische
Präsident Lech Kaczynski trotzdem, erhält Polen doch auch den Posten
eines Generalanwalts am Europäischen Gerichtshof.
Neue Sitzverteilung im Parlament
Das EU-Gründungsland Italien wieder sah sich durch die geplante
neue Sitzverteilung im auf 750 Sitze verkleinerten Parlament
gegenüber Großbritannien und Frankreich benachteiligt. Bisher hatten
alle drei nach Deutschland größten Länder 78 Mandate. Nun sollte
Italien nur noch 72 Volksvertreter schicken, einen weniger als die
Briten und zwei weniger als die Franzosen. Der Kompromiss: Das
Parlament wird um einen Sitz für Italien aufgestockt, das Mandat des
Parlamentspräsidenten wird nicht mitgezählt, und der Präsident
verliert sein Stimmrecht.
EBPO
Ferner hat sich Bulgarien im Streit mit den EU-Partnern um die kyrillische Schreibweise der Gemeinschaftswährung Euro durchgesetzt. Nach Angaben von EU-Diplomaten können die Bulgaren in Zukunft die Schreibweise EBPO (gesprochen: "Evro") verwenden.
Der Vertrag enthält die wesentlichen Neuerungen des
Verfassungsentwurfs. Neue Abstimmungsregeln und eine Ausweitung der
Themen, die mit Mehrheit statt mit Einstimmigkeit entschieden werden,
gehören ebenso dazu wie stärkere Rechte des Europäischen Parlaments
und der nationalen Volksvertretungen. Ein auf zweieinhalb Jahre
gewählter Ratspräsident soll künftig mehr Kontinuität in die
EU-Politik bringen. Der Rat bestimmt zudem als Repräsentant im
Ausland einen "hohen Vertreter", der zugleich Vizepräsident der
Kommission ist und die EU in der Außenpolitik mit einer Stimme
sprechen lassen soll.
Gusenbauer: "Selbstbeschäftigung der Union abgeschlossen"
Der britische Premierminister Gordon Brown beruhigte seine
Amtskollegen mit der erneuten Versicherung, dass er den Vertrag den
britischen Wählern nicht zur Abstimmung vorlegen werde. Außer Irland,
das laut Verfassung ein Referendum abhalten müsse, werde dies auch
kein anderes EU-Land tun.
Die Gipfelteilnehmer freuten sich darüber, dass die Phase
intensiver Selbstbeschäftigung nun hinter der EU liegt. Bundeskanzler
Alfred Gusenbauer etwa meinte, nun sei die "sechsjährige
Selbstbeschäftigung der Union abgeschlossen", die EU könne sich in
Zukunft "wieder in stärkere Ausmaß mit dem auseinander setzen, was
den Bürgerinnen und Bürgern tatsächlich unter den Nägeln brennt". Vor
dem Hintergrund der aktuellen Stimmungslage schreibe der
Reformvertrag jenes Maß an Integration fest, "das derzeit erreichbar
ist". Außenministerin Ursula Plassnik sagte, der neue Vertrag
ermögliche es, die EU moderner zu verwalten, demokratischer zu
kontrollieren, besser auf die Herausforderungen der Globalisierung zu
reagieren und konkrete Resultate für die Bürger zu erzielen.
Barroso: "Historische Einigung"
EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso würdigte den
Gipfelbeschluss als "historische Einigung" und "große Leistung", der
neue Vertrag gebe der Union "die Kraft zu handeln" und sich um die
konkreten Probleme zu kümmern, die die Bürger direkt beträfen. Mit
dem neuen Vertrag könne Europa beweisen, dass es in Bewegung sei,
sagte Socrates. Bereits am Freitag könnten sich der EU-Gipfel
konkreten Herausforderungen wie der Globalisierung stellen. Auch die
deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wertete die politische
Einigung als "großen Erfolg", die wichtigste Errungenschaft des
Reformvertrages, der die gescheiterte EU-Verfassung ersetzt, ist für
sie kurz zusammengefasst: "Europa wird besser funktionieren."
Luxemburgs Regierungschef Jean-Claude Juncker begrüßte zwar die
Einigung, beharrte aber darauf: "Der Verfassungsvertrag wäre besser
gewesen."
Blick nach außen
Nach der Einigung auf einen neuen Grundlagenvertrag haben die EU-Staats- und Regierungschefs ihren Gipfel in Lissabon am Freitag fortgesetzt. Im Zentrum der Beratungen stehen die Herausforderungen der Globalisierung. Themen sind dabei die Krise am Finanzmarkt und die Vorbereitung der Europäischen Union auf die Welt-Klimakonferenz im Dezember in Bali.
(red/APA/Reuters)