Freie Fahrt nach nirgends

19. Oktober 2007, 00:48
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Tariq Teguias außergewöhnliche Gesellschaftsbeschreibung "Roma wa la n'touma / Rome rather than you"

In der letzten Einstellung des Films sitzt eine junge Frau am Steuer eines Autos. Sie wendet das Gesicht durchs offene Seitenfenster der Kamera zu. Und mitten in dieser direkten Begegnung mit dem Blick der Protagonistin erfolgt der Schnitt ins Schwarz des Abspanns.

Das flüchtige Bewegungsbild, das schon wieder weg ist, bevor man es richtig erfasst hat, wirkt an dieser Stelle wie eine späte Ergänzung zu jenen schwebenden, himmelwärts gewandten, keiner Person zuordenbaren Fahrtaufnahmen, die ab der ersten Einstellung den Film hindurch immer wieder auftauchen. Und auch wenn das ein bisschen in die Irre führt, kann man Roma wa la n'touma/Rome rather than you, das Spielfilmdebüt des 40-jährigen gebürtigen Algeriers Tariq Teguia, vor diesem Hintergrund vielleicht zunächst einmal als Roadmovie beschreiben.

Die darin vorkommenden Fahrten und Gänge werden in und um Algier zurückgelegt. Ein junger Mann namens Kamel (Rachid Amrani), der einmal in Rom als Pizzabäcker gearbeitet hat, will erneut ins Ausland gehen. Aber auf legalem Weg bekommt er die nötigen Papiere nicht. Seine Freundin Zina (Samira Kaddour) hat zwar eine gute Stelle. Aber schon ist dort von einer Kollegin die Rede, der ihr Ehemann das Arbeiten untersagt. Und so sind es vor den schlechten ökonomischen Aussichten eher die spürbaren gesellschaftlichen Beschränkungen, die beide von Emigration träumen lassen.

Mit einer ordentlichen Portion Skepsis und Abgeklärtheit allerdings: Bereits Kafka, sagt Zina, habe in der Fackel der amerikanischen Freiheitsstatue ein Schwert gesehen - er habe wohl auch kein Visum erhalten, meint ihr Begleiter.

Um diesem Schicksal vorzubeugen, unternehmen Kamel und Zina eine Autofahrt ins Umland, um einen Schlepper zu kontaktieren. Der Mann ist nicht auffindbar. Dafür trifft man einen Bekannten, vertrödelt den Nachmittag, bis die Mischung aus Lethargie und Unbeschwertheit recht abrupt in ihr Gegenteil kippt.

Roma wa la n'touma hat diese mitunter dokumentarisch anmutenden, in lange Einstellungen gefassten Szenen allerdings schon vorher mit scheinbar rätselhaften, beunruhigenden Bildern durchsetzt: Jedes für sich bleibt eindeutig lesbar. Aber an dem jeweiligen Platz, an dem sie in der Erzählung auftauchen, ergeben heimliche Waffenübergaben und -übungen, nächtliche Fluchtversuche am Containerhafen oder die Stimme eines Predigers, der Fragen nach rechtgläubigem Verhalten beantwortet, zunächst keinen Sinn.

Dazu kommen Anspielungen auf die jüngere algerische Geschichte - etwa auf den Sänger Cheb Hasni, der 1994 auf offener Straße erschossen wurde. Das erste Bild von Zina zeigt sie mit einem Buch vor dem Gesicht - Chester Himes' Gefängnisroman Cast The First Stone bleibt nicht die einzige Bezugnahme auf afroamerikanische (Gegen-)Kultur. Und schließlich bewirkt die Manipulation der Tonspur eigentümliche Verfremdungen.

Mit handelsüblichem, dramatisch zugespitztem Sozialrealismus hat Roma wa la n' touma also ebenso wenig zu tun wie mit den Globalisierungskurzschlüssen von Hollywood-Drehbuchvirtuosen. In jedem Fall eine Entdeckung dieser Viennale. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.10.2007)

23. 10. 15.30 Gartenbau
Wh.: 24. 10. 13.30 Künstlerhaus
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    foto: viennale
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