Das Überlebensdokument

18. Oktober 2007, 23:41
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"Yoman/Diary", sechs Stunden lang und über Jahre hinweg vom israelischen Filmemacher David Perlov gedreht, verwebt souverän Privates mit Zeitgeschichte

Eine der denkwürdigsten Projektionen dieser Viennale findet am 21. 10. in der Urania statt.


Im Mai 1973 kauft David Perlov eine Kamera. Er hat nicht viel zu tun, seine ersten beiden Spielfilme liegen schon ein paar Jahre zurück. Sein Leben ist geprägt durch "Unsicherheit und viel freie Zeit". Von Zeit zu Zeit, hat ihm ein Freund gesagt, muss ein Künstler einfach wie eine Pflanze sein, er muss "vegetieren". Diesen Zustand will David Perlov erkunden.

Als er mit der Kamera in die Küche kommt, winkt ihm seine Tochter zu. Er soll sich zu ihr an den Tisch setzen, aber für den Filmemacher, der begonnen hat, mit der Kamera ein Tagebuch zu führen, stellt sich die Alternative jetzt so: Er kann "entweder die Suppe essen oder die Suppe filmen".

Wenige Tage später beginnt der Jom-Kippur-Krieg, und David Perlov sitzt die meiste Zeit vor dem Fernseher, denn dies ist der erste "übertragene" Krieg in Israel, mit ständig neuen aktuellen Bildern von der Front. Der Kriegsbericht-erstattung setzt Perlov den Alltag seiner Familie in Tel Aviv entgegen - die Nation ist unter Spannung, aber das Leben geht weiter. Vom Fenster der Wohnung aus ist ein Hochhaus zu sehen, dessen letzte Stockwerke gerade fertiggestellt werden. Dort wollen die Perlovs einziehen.

Und so ist der Höhepunkt im ersten Teil des sechsteiligen Filmprojekts Yoman/Diary eben nicht der Sieg Israels im Krieg, sondern der Umzug der Familie: Mira, die Ehefrau, und Yael und Naomi, die Zwillingstöchter.

Mann im Spiegel

Zehn Jahre hat Perlov sein Filmtagebuch gedreht, und während dieser Zeit hat er wohl auch schon ständig geschnitten: Alles Spontane in diesem Dokument ist gleichzeitig gut überlegt und souverän organisiert. Mit sonorer Stimme spricht er aus dem Off seinen Kommentar, selbstreflexiv und aufrichtig, so wie er sich in den Bildern auch manchmal selbst zu erkennen gibt, als der Mann im Spiegel.

Zeitgeschichte und privates Leben verbinden sich unausweichlich. In Israel kann man nicht einfach so vor sich hin leben, das Gefühl für Stabilität ist gering ausgeprägt, die politischen Umstände drängen sich immer wieder in den Vordergrund. Yael und Naomi bekommen ihren Einberufungsbefehl, sie können nicht mehr durch die Wohnung tanzen.

Als Perlov 1978 vom israelischen Fernsehen (seinem liebsten Feind) ein wenig Geld bekommt, beginnt er in Farbe zu drehen. Seine erste "offizielle" Expedition führt ihn zu einem Friedhof der Pioniere - viele haben Selbstmord begangen in den 40er-Jahren, weil sie keine Idee davon hatten, wie schwierig der Aufbau eines Staatswesens in Palästina sein würde. Hoffnungen und Enttäuschungen prägen das Diary: Der aufsehenerregende Besuch des ägyptischen Präsidenten Saddat in Jerusalem, der Wahlsieg der Rechten, ständig schlägt das Pendel um. Perlov filmt die Kinder der Nachbarn, drei Halbwüchsige, die ihm ein Gefühl von Hoffnung geben - den starken Moment intensiviert er durch ein Musikstück von Bach.

Man könnte an Pasolini denken, der ähnlich mit Großaufnahmen und Musik gearbeitet hat, oder auch an Jonas Mekas, dessen Filmtitel As I Was Moving Ahead Occasionally I Saw Brief Glimpses of Beauty auch ein Motto des Tagebuchprojekts von David Perlov sein könnte. Im ersten Teil kehrt er nach zwanzig Jahren zum ersten Mal wieder nach Sao Paolo zurück, wo er aufgewachsen ist. Die wenigen Szenen aus der brasilianischen Metropole sind von wehmütiger Schönheit. Später kommen Freunde aus Brasilien zu Besuch nach Israel - die Szene, in der Fela (die "Nachtigall aus Montevideo") ein Lied singt, ist ein Beleg dafür, dass eine Kamera nahezu jeden Menschen zu einem Star machen kann.

Gleichzeitig tauchen Stars in Perlovs Diary in ganz alltäglicher Weise auf, Klaus Kinski zum Beispiel, der für die Dreharbeiten zu einem Film über die Geiselbefreiung in Entebbe im Land ist. Unentwegt rauchend und fotografierend, ist der Schauspieler vor allem auf sein kleines Kind konzentriert, während Perlov sich für einen arabischen Jungen interessiert, der auch ins Bild will.

Diary packt zehn Jahre Zeitgenossenschaft in knapp sechs Stunden - die Vorführung bei der Viennale (zu der Perlovs Tochter Yael erwartet wird, der Filmemacher starb 2003) schafft auch filmhistorische Zusammenhänge, weil besser verständlich wird, woraus sich das Spiel mit der Tagebuchform etwa bei Avi Mograbi herleiten lässt. David Perlov ist kein Ironiker, er nimmt sich und die Kamera ernst, sein Diary ist ein Überlebensdokument. (Bert Rebhandl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.10.2007)

21. 10. Urania 13.30, 16.00, 18.30
  • Wehmütige Schönheit: "Yoman/Diary" von David Perlov.
    foto: viennale

    Wehmütige Schönheit: "Yoman/Diary" von David Perlov.

  • Exzentrisch: Klaus Kinskis Kind in "Yoman".
    foto: viennale

    Exzentrisch: Klaus Kinskis Kind in "Yoman".

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