Geschichtsbilderwerfer

18. Oktober 2007, 23:25
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Ergebnisse eines ambitionierten Projekts zur Filmgeschichte: "Proletarisches Kino in Österreich. Eine Filmschau zur linken Filmkultur der Ersten Republik"

Fluchtpunkt der Schau ist das Bemühen der österreichischen Arbeiterbewegung, ab den frühen 1920er-Jahren dem bürgerlichen Medium Film eine autonome Produktion gegenüberzustellen. Nicht nur die SDAP (Sozialdemokratische Arbeiterpartei), sondern auch einzelne ihrer Organisationen sowie die Kommunistische Partei versuchten, Film für Selbstdarstellung und Identitätsbildung, aber natürlich auch für Aufklärung und Propaganda zu nutzen.

Brigitte Mayr und Michael Omasta von Synema haben aus den Ergebnissen ihrer Forschungen rund um Fritz Rosenfeld, dem Filmkritiker der Wiener Arbeiter-Zeitung, den sie als "einflussreichsten Kritiker der Ersten Republik" bezeichnen, sieben Programme zusammengestellt.

Arbeiterbewegung

Der zweite, größere Teil der Schau basiert auf den jahrelangen umfassenden Archivrecherchen von Christian Dewald, dem Leiter der wissenschaftlichen Abteilung des Filmarchivs Austria. Er präsentiert insgesamt elf Programme mit Dokumentar- und Spielfilmen aus der Zeit von 1913 bis 1947/48, die die Geschichte und Kultur der Arbeiterbewegung in Österreich und speziell in Wien begleiten und bezeugen.

Die Programme sind thematisch geordnet, ihre Titel - z. B. "Kampf" und "Der Wille des Volkes", "Maifeiern" und "Festkultur" oder "Körper" - funktionieren als Thesen über die Eckpunkte proletarischer Identität der 1920er-Jahre. Neben Bildern aus dem proletarischen "Alltag" stehen jene von zentralen Ereignissen der Ersten Republik:

Die Dokumente von der Ausrufung der Republik in Wien (1918) oder auch vom Justizpalastbrand (Der Brand des Justizpalastes in Wien, 1927 und Wien am 15. und 16. Juli 1927, 1927) sind Teil des kollektiven Gedächtnisses geworden und können hier in ihrer ursprünglichen Form - nämlich ungeschnitten und vor allem stumm (ohne die illustrativen Soundscapes à la Österreich I) - wiedergesehen werden.

So wenig kunstvoll auch die meisten der Dokumentarfilme sind, durch ihre rohe Oberfläche blickt Geschichte uns vielfältig an: nicht nur in den Gesichtern der fernen "Ikonen", wie etwa Karl Seitz, Bürgermeister des "roten Wien" (1923-1934), dessen rollendes R (Bürgermeister Seitz spricht, 1930) und dessen Lächeln in Großaufnahme (Die Maifeier der Wiener Arbeiterschaft, 1923) ihn lebendig werden lassen; sondern auch in den unbewussten, ganz und gar zufälligen Blicken und Gesten der anonymen Frauen, Männer und Kinder, die immer wieder aus den Masseninszenierungen hervortreten, um ihren Platz im Gedächtnis der Geschichte zurückzufordern.

Der früheste Spielfilm, Der Kampf der Gewalten (1919), ist eine vergleichsweise untypische Produktion, endet er doch mit dem Triumph der Fabrikherren, weil die Arbeiter ohne sie "ein Rumpf ohne Kopf" sind; er kann auch als Parabel zum "österreichischen Weg" gelesen werden: Der (kommunistischen) Revolution - hier in Gestalt einer Frau - wird Einhalt geboten, und alle anderen einigen sich irgendwie ...

Wahlaufrufe

Viele der Spielfilme, die im Rahmen der Reihe zu sehen sind, wurden anlässlich bevorstehender Wahlgänge hergestellt. Wiener Kinder (1927), Das Notizbuch des Mr. Pim (1930) oder auch Die vom 17er Haus (1932) bedienen sich dialektischer Argumentationsfiguren: Das Neue wird dem Alten gegenübergestellt, am Ende bleibt nur, den Schluss zu ziehen, der durch das mehrfache Einzoomen auf den Aufruf "Wählet sozialdemokratisch" schon angezeigt ist.

Wiener Kinder fokussiert auf das von den Sozialdemokraten initiierte Wäschepaket für Neugeborene. Das Notizbuch des Mr. Pim ist der Versuch Frank Rossaks (1901-1957), einem Pionier linker Filmarbeit in Österreich, dem drei Programme der Reihe gewidmet sind, einen sozialistischen Spielfilm zu drehen. Hier wird der amerikanische Zeitungsherausgeber Mr. Pim, quasi aus der Höhle des Kapitalismus kommend, von seiner Tochter und seinem charmanten Schwiegersohn in die Errungenschaften des "roten Wien" eingeführt.

Die vom 17er Haus verknüpft spielerisch das Science-Fiction-Genre (wie es vor allem durch Fritz Langs Metropolis, 1927 geprägt war) mit der Strategie des "antizipatorischen Sozialismus": Die Rahmenhandlung des Films ist im Jahr 2032 situiert, die Menschen bewegen sich mittels Luft-Omnibussen und Stratosphärenschiffen fort, Licht und Heizung funktionieren drahtlos, es existieren scheinbar auch Varianten der Webcams (hier Fern-Seher genannt) - vor allem aber weiß 2032 jedes Kind, dass Kapitalismus und mehr noch: Krieg dumm ist, "das scheußlichste und übelste Verbrechen, das die Menschheit an sich selbst begehen konnte" ... (Sylvia Szely / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.10.2007)

Im Rahmen der Eröffnung der Filmschau am 20. 10. um 18.30 im Metro-Kino Präsentation der zweibändigen Buch-Edition "Proletarisches Kino in Österreich" und der DVD-Box; (Arbeiter Kino 1 & 2); Galavorführung mit der Live-Vertonung dreier Stummfilme durch Lars Stigler und Dieter Kovacic (dieb13) am 25. 10. um 21.00 im Metro-Kino
  • Geschichte blickt uns, in Form von Masseninszenierungen oder als Demonstration proletarischen Selbstbewusstseins, vielfältig an: "Der Gewerbe-Festzug" (1929).
    foto: filmarchiv austria

    Geschichte blickt uns, in Form von Masseninszenierungen oder als Demonstration proletarischen Selbstbewusstseins, vielfältig an: "Der Gewerbe-Festzug" (1929).

  • Kehrseite der Feierlichkeiten: Fotodokument aus dem Wien des Jahres 1930.
    foto: filmarchiv austria

    Kehrseite der Feierlichkeiten: Fotodokument aus dem Wien des Jahres 1930.

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