Der Phantomschmerz Liebe

19. Oktober 2007, 00:28
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Viennale Special: Nina Menkes, eine der interessantesten Erscheinungen des unabhängigen US-Kinos, im Interview

Nach ihren kompromisslosen Arbeiten in den 80er- und 90er-Jahren und einer langen Pause meldete sich die Filmemacherin Anfang 2007 mit "Phantom Love" zurück. Isabella Reicher traf Nina Menkes, der die Viennale ein Special widmet, zum Gespräch.


Standard: Frau Menkes, zwischen Ihrem vorigen Spielfilm, "The Bloody Child", und dem aktuellen, "Phantom Love", sind gut zehn Jahre vergangen - wieso die lange Pause?

Menkes: Nun, zum einen musste ich eine Art traumatische Trennung von meiner Schwester Tinka, der Hauptdarstellerin all meiner Filme bis dahin, bewältigen. Es hat gut fünf Jahre gedauert, das zu akzeptieren und überhaupt ernsthaft daran zu denken, mit jemand anderem zu arbeiten. Dazu kommt, dass es nicht leicht ist, für Filme wie meine Geld aufzustellen (lacht).

Ich bin irgendwann wirklich angestanden. Schließlich bin ich nach Israel gefahren, eigentlich nur, um etwas auszuspannen. Dann habe ich aber diese Frau getroffen, die man vielleicht am ehesten als Schamanin bezeichnen könnte. Ich habe mit ihr zu arbeiten begonnen, und plötzlich ging es nur so dahin: Buch, Geld, Dreh, Sundance. Unglaublich. Ganz verstehe ich es noch immer nicht.

Standard: Im Zentrum von "Phantom Love" steht wie in all Ihren Spielfilmen eine Frau, die eine Form von Suche durchlebt. Die erste Hälfte scheint sehr offensichtlich, es geschehen ganz konkrete Dinge, aber zugleich bleibt alles auch sehr mysteriös. Im zweiten Teil, wenn tatsächlich auch surreale Bilder, Träume, Fantasien ins Spiel kommen, beginnt sich das Rätsel paradoxerweise zu erhellen - die Verschränkung dieser beiden Ebenen fand ich sehr interessant.

Menkes: Das beschreibt zum einen den Prozess, den ich selbst durchlaufen habe. Ich fühlte mich wie in einer Falle. Dann sind nach und nach diese Bilder in mir aufgetaucht. Einer meiner Lieblingsfilme ist Sans toit ni loi von Agnès Varda. Die Frau, die Sandrine Bonnaire da spielt, erfriert am Ende. Das entspricht irgendwie der Figur, um die sich meine Filme fünfzehn Jahre lang gedreht haben. Diese gefrorene, entfremdete Frau - sehr schön, sehr sexy, in gewisser Weise voller Leben, aber eben blockiert. Diese Figur beginnt langsam aufzutauen.

Standard: Also müsste sich Ihr nächster Film ja eigentlich noch deutlicher von den früheren unterscheiden?

Menkes: Ja, sollte man meinen, oder? Aber ich weiß ehrlich nicht, was passieren wird. Weil Phantom Love überraschend gut ankommt, sieht es aus, als könnte ich das vorher geplante Projekt doch noch realisieren. In Bezug auf den Prozess, den ich innerlich durchlaufen habe, und auf den emotionalen Gehalt dieses Films heißt das tatsächlich ,vorher': Ich habe einen anderen Blick darauf. Ob das gut oder schlecht ist - wir werden sehen.

Standard: Das Drehbuch ist fertig?

Menkes: Ja, es geht auch um zwei Schwestern. Die Geschichte spielt in Kairo und Los Angeles. Wir verhandeln gerade wegen der Besetzung.

Standard: Sie unterrichten an der CalArts in Los Angeles. Wie reagieren eigentlich Ihre Studierenden, speziell die Frauen, auf Ihre Filme?

Menkes: Die meisten können damit etwas anfangen, mögen die Filme auch. Natürlich kommen zu mir auch nur die ,most sophisticated students' (lacht). Aber es gibt auch für sie noch so viele Kämpfe auszutragen - wie viele Regisseurinnen waren beispielsweise in diesem Jahr in Cannes vertreten? Von 300 Filmemachern vielleicht fünf? Und es hat nichts damit zu tun, dass wir schlechtere Filme machen. Auch für mich ist es immer noch ein Kampf - selbst wenn dann ein Wunder geschieht wie bei Phantom Love und derselbe Produzent auch gleich noch den nächsten Film mit mir machen will.

Standard: Es ist das zweite Mal, dass Sie mit Ihren Filmen nach Wien kommen.

Menkes: Mein Vater stammt aus Wien. Er ist der einzige Überlebende, die übrige Familie wurde im Dritten Reich umgebracht. Ich habe also eine persönliche Geschichte, die mit Wien verbunden ist, obwohl ich die Stadt kaum kenne und kein Deutsch spreche. Als ich das letzte Mal hier war, 1998 bei der Reihe "Frauen und Wahnsinn im Film", hat eine der Veranstalterinnen, Wilbirg Brainin-Donnenberg, zu mir gesagt, dass sie zwar diese Familiengeschichte nicht gekannt hatte, dass das aber in meinen Filmen sei.

Ich war schockiert, weil mir plötzlich klar wurde, dass es stimmte, aber es war mir überhaupt nicht bewusst gewesen. Meine Arbeiten schienen mir immer feministische Bestandsaufnahmen über das Leben von Frauen in den USA zu sein. Was ja zutrifft, aber diese andere Geschichte steckt eben auch drin.

Es gab auch immer Leute, die mich auf Ähnlichkeiten meiner Filme mit denen von Chantal Akerman hingewiesen haben. Sie ist ebenfalls die Tochter von Holocaust-Überlebenden, und tatsächlich habe ich, als ich ihre Arbeiten dann sah, eine ähnliche Erfahrung von Entfremdung und Hoffnungslosigkeit wahrgenommen, die jedes Verstehen und jede Erklärung übersteigt. Das geht so tief. Es greift in die Erfahrung des Frauseins über, und so fort.

Standard: Hat das bezüglich Ihrer Arbeit auch etwas verändert?

Menkes: Als ich das Casting für Phantom Love anging und klar war, ich würde nicht mit Tinka arbeiten, da haben wir viel herumüberlegt. Ich hatte dieser Vorstellung von einer Frau in Coreatown in L.A.. Also dachte ich zuerst, klar, eine Koreanerin. Dann habe ich einige koreanische Schauspielerinnen vorsprechen lassen, bis ich mir dachte 'Hey, Nina, was machst du da, das stimmt doch nicht'. Und dann wusste ich, es muss eine Jüdin sein.

Ich habe dann Marina Shoif gefunden. Sie ist russische Jüdin, aber sie lebt in Tel Aviv, seit sie sechzehn ist. Mit ihr hatte ich plötzlich mein 'body double' - so wie früher Tinka mein 'body double' war. Und ja - weshalb ich das überhaupt aufbringe: diese Verbindung zu einer jüdischen Erfahrung, die ich nicht in einem religiösen Sinne lebe, ich bin sehr weltlich aufgewachsen - aber es ist fast so, als gäbe es da ein genetisches Gedächtnis, tief drinnen.

Standard: Dazu fällt mir auch dieser Eindruck der zeitlichen Entrücktheit und Isoliertheit ein, den Ihre Filme und Figuren selbst dann erwecken, wenn es wie etwa in "Phantom Love" ganz konkrete Bezüge auf die Gegenwart gibt.

Menkes: Ich glaube, dass das grundsätzlich auf alle meine Filme zutrifft, hier ist es nur stärker akzentuiert. Ich versuche immer zu erreichen, dass man nicht eindeutig feststellen kann, wann die Geschichte spielt. Ich möchte es zeitlos haben, weil der gesamte Film sich auch in dieser Sphäre des Unbewussten abspielt - und dort, in diesem anderen Raum, dieser alternativen Realität ist die Zeit aufgehoben, wie wir alle wissen.

Es ist mir nie darum gegangen, mit meinen Arbeiten, eine Erfahrung zu schaffen, die möglichst leicht zu konsumieren ist. Es ist vielleicht hart, sich diese Filme anzusehen, aber wenn man sich darauf einlässt, dann bekommt man Vitamine und Nährstoffe statt Popcorn. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.10.2007)

  • Mit dem auf Super-8 gedrehten Kurzfilm "A Soft Warrior"   machte die damalige Filmstudentin Nina Menkes 1981 erstmals auf sich aufmerksam. Vor der Kamera: ihre Schwester Tinka (re.).
    foto: viennale

    Mit dem auf Super-8 gedrehten Kurzfilm "A Soft Warrior" machte die damalige Filmstudentin Nina Menkes 1981 erstmals auf sich aufmerksam. Vor der Kamera: ihre Schwester Tinka (re.).

  • Mehr als 25 Jahre später, in Menkes' jüngster Arbeit, "Phantom Love", hat ihre Heldin - "diese gefrorene Frau" - gelernt zu schweben.
    foto: viennale

    Mehr als 25 Jahre später, in Menkes' jüngster Arbeit, "Phantom Love", hat ihre Heldin - "diese gefrorene Frau" - gelernt zu schweben.

  • Die Filme, die US-Regisseurin Nina Menkes seit ihrer Studienzeit an der UCLA in den frühen 80er-Jahren dreht, entziehen sich einer einfachen Kategorisierung: Es sind fiktionale Arbeiten, aber vorher noch sind sie visuell, assoziativ, traumhaft, fragmentarisch. Im Mittelpunkt stehen Frauenfiguren, Einzelkämpferinnen - bis 1996 von Menkes' jüngerer Schwester Tinka verkörpert -, und die Filme, die um die Erfahrung gesellschaftlicher Zurichtung, um Tabus, Isoliertheit, "Schmerz, Wut und Verzweiflung" kreisen, sind als "feministische Bestandsaufnahmen über das Leben von Frauen in den USA" lesbar und zugleich Teil eines unabhängigen amerikanischen Kinos. (irr)
    foto: viennale

    Die Filme, die US-Regisseurin Nina Menkes seit ihrer Studienzeit an der UCLA in den frühen 80er-Jahren dreht, entziehen sich einer einfachen Kategorisierung: Es sind fiktionale Arbeiten, aber vorher noch sind sie visuell, assoziativ, traumhaft, fragmentarisch. Im Mittelpunkt stehen Frauenfiguren, Einzelkämpferinnen - bis 1996 von Menkes' jüngerer Schwester Tinka verkörpert -, und die Filme, die um die Erfahrung gesellschaftlicher Zurichtung, um Tabus, Isoliertheit, "Schmerz, Wut und Verzweiflung" kreisen, sind als "feministische Bestandsaufnahmen über das Leben von Frauen in den USA" lesbar und zugleich Teil eines unabhängigen amerikanischen Kinos. (irr)

  • "Magdalena Viraga. The Story of a Red Sea Crossing" (USA 1986)
    foto: viennale

    "Magdalena Viraga. The Story of a Red Sea Crossing" (USA 1986)

  • "The Bloody Child" (USA  1996)
    foto: viennale

    "The Bloody Child" (USA 1996)

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