"Erneuerer traditioneller Techniken"

19. Oktober 2007, 16:02
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Mit "Kunst nach 1970" startete die Albertina eine Ausstellungsreihe, die die umfassenden Bestände des Hauses an zeitgenössischer Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg präsentieren wird

Anne Katrin Feßler bat Kuratorin Antonia Hoerschelmann zum Gespräch.



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STANDARD: Mehr als 20.000 Werke der Kunst seit 1970 gehören zur Sammlung der Albertina. Wie sucht man daraus 120 Exponate für eine Ausstellung aus?

Hoerschelmann: Das erfordert viele Durchgänge, um das Material und die Künstler auszuwählen und Gruppierungen zu schaffen, die die Schwerpunkte der Sammlung erkennbar machen. Sechzehn Künstler und Künstlerinnen sind zu sehen, die auf der Basis von traditionellen grafischen Techniken wie dem Holzschnitt, dem Aquarell oder auch der Kohlezeichnung neue künstlerische Positionen formulieren.

STANDARD: Wie kann man sich diese Auswahl vorstellen? Arbeiten sie dabei mit Originalen oder Reproduktionen?

Hoerschelmann: Dafür ist es unerlässlich, die Kunstwerke im Original zu sehen. Gerade dieser Ausstellungszyklus bietet die Möglichkeit, zum Teil erst in den letzten Jahren erworbene Werke neu zu bearbeiten, zu rahmen und - wenn es die Maße erlauben - auch mit entspiegeltem, bruchsicherem Glas zu versehen.

STANDARD: Mehr als 90 Prozent der Arbeiten in der Ausstellung sind neuere Ankäufe. Hat das bei der Auswahl für die Ausstellung eine Rolle gespielt?

Hoerschelmann: Grundsätzlich wurde es durch das neue Museumsgesetz leichter, neue Werke zu gewinnen: Vielfach konnten seitdem bedeutende Arbeiten mit der Hilfe von Dritten erworben werden. Hinzu kommen die Dauerleihgaben der Sammlungen Bat- liner und Forberg, die Kooperation mit der Sammlung Rheingold und unter anderem jene mit der Oesterreichischen Nationalbank. Bereits seit den 1980er-Jahren konnte die Albertina Dank der Erwerbungen durch die Stiftung Ludwig wichtige Werke der neuen Kunstgeschichte erhalten.

STANDARD: Welchen Zusammenhalt gibt es zwischen den 16 präsentierten Künstlerpositionen?

Hoerschelmann: "Kunst nach 1970" ist der erste Teil einer Ausstellungsfolge, die zwar Kunst der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg thematisiert, dabei allerdings keine Chronologie nachzeichnet. Vielmehr will dieser Zyklus anhand von Gegenüberstellungen künstlerischer Sammlungsschwerpunkte, Einblicke in die Vielfalt der Sammlung anbieten.

STANDARD: Wie beurteilen Sie den Umstand, dass die Technik künstlerischer Arbeiten bei der Betrachtung von Kunst sehr in den Hintergrund geraten ist? Hoerschelmann: Gerade in der aktuellen Auswahl der Kunstwerke ist die Neuformulierung traditioneller, künstlerischer Techniken das dominierende verbindende Element. Dazu drei Beispiele: Anselm Kiefer, Franz Gertsch und die junge Leipziger Künstlerin Christiane Baumgartner haben den Holzschnitt auf diametral unterschiedliche Weise erneuert. Nicht allein das monumentale Format, sondern auch ein neuer Umgang mit dem Material Holz hat dabei eine Rolle gespielt. Bei Georg Baselitz und Herbert Brandl entwickelt das Aquarell eine neue, selbstbewusste und faszinierende Qualität. Und in der Gegenüberstellung von Arbeiten des Amerikaners Robert Longo mit jenen des Südafrikaners William Kentridge zeigt sich die monumentale Aussagekraft der Kohlezeichnung.

STANDARD: Die Schau ist stark männlich dominiert. Wieso?

Hoerschelmann: Obwohl in den letzten Jahren ein Sammlungsschwerpunkt auf Künstlerinnen gelegt wurde, ergab sich diesmal durch die Auswahl der "Erneuerer" traditioneller zeichnerischer und grafischer Techniken diese männliche Dominanz: Bei den folgenden Präsentationen und der Verlagerung auf eine jüngere Generation wird sich das zugunsten der Künstlerinnen verschieben.

STANDARD: Neben der Grande Dame der österreichischen Malerei, Maria Lassnig, ist noch Christiane Baumgartner in der Ausstellung vertreten. Wie hat das gerade eine Künstlerin einer viel jüngeren Generation geschafft?

Hoerschelmann: Das stimmt. Christiane Baumgartner, die 1967 geboren wurde, ist die jüngste Künstlerin der Ausstellung. Die Auswahl hat sich aus der Gegenüberstellung mit Franz Gertsch ergeben. Auch sie fertigt monumentale Holzschnitte.

STANDARD: Hier in der Ausstellung fallen vor allem die Gegenüberstellungen bestimmter Künstlerpersönlichkeiten, die stark an der jeweils vorhandenen Technik orientiert sind, ins Auge. Was hat es damit auf sich?

Hoerschelmann: Betrachten wir zum Beispiel die Kombination Kirkeby und Weiler: Für Weiler wie für den um eine Generation jüngeren Dänen Kirkeby ist Natur das große Thema. Beeindruckend zeigen sich hier die Korrelationen im Werk von zwei Künstlern, die von ganz unterschiedlichen künstlerischen Standpunkten ausgehen. Weiler verschränkt in seinem Werk Spiritualität und Natur, hat Vorlagen in der deutschen Romantik und der chinesischen Malerei. Positionen, die von Kandinsky und Mondrian bis zu Kirkeby reichen. - Dieser philosophischen Begegnung mit Natur steht ihre zunächst wissenschaftliche Erforschung durch Per Kirkeby gegenüber, der zunächst Geologie studiert hatte. Oder Longo und Kentridge: Da begegnet im Medium Kohlezeichnung fotografischer Realismus der Expression, wobei stets das bedrohliche Schwarz der Kohle zum Ausdrucksträger von Gefahr und Unterdrückung wird.

STANDARD: Warum wurde bei den Werken von Maria Lassnig, Alex Katz und Arnulf Rainer auf diese Gegenüberstellung verzichtet?

Hoerschelmann: Um sich vereinzelt in ein OEuvre ohne Gegenüberstellung vertiefen zu können. Auch in Zukunft wird manchen Künstlern temporär ein eigener Raum gewidmet. Das kann natürlich nur dann überlegt werden, wenn dazu umfassend Sammlungswerke der Künstler vorhanden sind.

STANDARD: Wann und in welcher Form wird diese neue Ausstellungsreihe, die mit "Kunst nach 1970" begonnen wurde, fortgesetzt?

Hoerschelmann: Die nächste Präsentation ist für Herbst 2008 in den neuen Räumen geplant. Wieder wird sie nicht alle Künstler unserer Sammlung zur Gegenwartskunst beinhalten können: Die Konzeption ist noch in Arbeit ...

STANDARD: Wird die Annäherung weiterhin über das Zeichnerische und Druckgrafische im Werk der Künstler erfolgen?

Hoerschelmann: Ja, natürlich. Auch in Zukunft werden beim Blick auf die unterschiedlichsten Themen, die zeichnerischen und druckgrafischen Elemente im Fokus stehen.

STANDARD: Trotz einigen zeitgenössischen Engagements in Ausstellungs- und Sammlungstätigkeit ist die Albertina in den Köpfen der meisten Menschen noch mit den Alten Meistern verknüpft. Wie kann diese Verknüpfung gelöst werden?

Hoerschelmann: Die Albertina hat sich schon immer für die zeitgenössische Kunst interessiert und diese auch nach Möglichkeit gesammelt. Ich persönlich wünsche mir, dass nicht die "Verknüpfung" mit den Alten Meistern gelöst, sondern die Albertina in Zukunft auch mit der klassischen Moderne und der zeitgenössischen Kunst in Verbindung gebracht wird. (Interview: Anne Katrin Feßler /SPEZIAL / DER STANDARD, Printausgabe, 19.10.2007)

  • Kuratorin Antonia Hoerschelmann im Raum, der ganz den "body awareness"-Bildern von Maria Lassnig gewidmet ist.  Zur Person: Antonia Hoerschelmann studierte Kunstgeschichte,  Archäologie und Philosophie in Wien. Seit 1992 ist sie in der Albertina Kuratorin für Kunst des 20. Jahrhunderts und zeichnete unter anderem für die Edvard-Munch-, Siegfried-Anzinger- und Alex-Katz-Ausstellungen verantwortlich.
    foto: standard / fischer

    Kuratorin Antonia Hoerschelmann im Raum, der ganz den "body awareness"-Bildern von Maria Lassnig gewidmet ist.

    Zur Person:

    Antonia Hoerschelmann
    studierte Kunstgeschichte, Archäologie und Philosophie in Wien. Seit 1992 ist sie in der Albertina Kuratorin für Kunst des 20. Jahrhunderts und zeichnete unter anderem für die Edvard-Munch-, Siegfried-Anzinger- und Alex-Katz-Ausstellungen verantwortlich.

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