Einen "Pisa-Absturz" hat es nie gegeben

11. Jänner 2008, 15:16
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Und die AHS sind besser als manche Vergleichsstudie behauptet - Von Erich Neuwirth

Wenn in der Öffentlichkeit mit Statistiken argumentiert wird, ist das für Statistiker oft schmerzhaft - so auch in der aktuellen schulpolitischen Debatte, in der beispielsweise mit hartnäckiger Bestimmtheit immer wieder auf den sogenannten "Pisa-Absturz" Bezug genommen wird. Faktum ist: In den ursprünglich publizierten Ergebnissen für Pisa 2000 waren die Berufsschüler zu gering gewichtet, weshalb die Resultate zu positiv ausfielen. Dieser Fehler wurde zwar später entdeckt und korrigiert - mit der Konsequenz, dass die Pisa-Ergebnisse 2000 und 2003 für Mathematik und Lesen nahezu gleich waren -, im offiziellen nationalen Pisa-2003-Bericht finden sich allerdings immer noch die falschen Werte für 2000. Was dem Schauermärchen vom "Absturz" unvermindert Nahrung gibt.

Beispiel Nr. 2: Im Standard: vom 4. Oktober liest man "dass in Österreich auch die Gymnasien bei Pisa deutlich schlechter abschneiden, als es diese Schulform in anderen Ländern tut". Wieder eine falsche Schlussfolgerung aus - diesmal numerisch richtigen - Pisa-Ergebnissen. Es gibt tatsächlich einen Artikel (von G. Haider, dem nationalen Projektleiter von Pisa), in dem das sinngemäß steht. Was aber noch lange nicht heißt, dass das auch stimmt.

Der betreffende Text ist in einem vom Bildungsministerium mitfinanzierten Buch enthalten und bezieht sich auf die Pisa-Mathematik-Ergebnisse von Gymnasiasten in sechs Ländern (Österreich, Deutschland, Slowakei, Tschechien, Ungarn und Schweiz). Dabei liegen Österreichs AHS-Schüler mit 571 Punkten vor Ungarn an vorletzter Stelle. Nur: Um dieses Ergebnis richtig einzuordnen, muss man auch den Gymasiastenanteil an den Gesamtschülerzahlen der jeweiligen Länder kennen. Dabei ist evident: Je weniger Schüler das Gymnasium besuchen, desto besser sind die Ergebnisse - und Österreich passt genau in diese Reihenfolge. Einzige Irritation: Das Ergebnis für Deutschland ist besser als das österreichische, obwohl der Gymnasiastenanteil dort höher ist als hierzulande. Des Rätsels Lösung: Österreich ist das einzige Land, in dem nicht nur das Gymnasium die Hochschulreife verleiht sondern auch noch eine zweite Schulform: die Berufsbildenden Höheren Schulen (BHS). Daher muss man diese in die Ergebnisse einbeziehen, wobei sich zeigt, dass die Leistungswerte der BHS- Schüler jenen der Gymnasiasten so nahe kommen wie sonst keine zweitbeste Schulform in den anderen Ländern.Und: In Österreich haben AHS und BHS zusammen mehr Schüler als die Gymnasien in den Vergleichsstaaten. Die Behauptung, dass diese Schulformen in Österreich eklatant schlechtere Ergebnisse erzielen als die Gymnasien der anderen Ländern, ist daher unzulässig.

PS: Diese Klarstellungen sind weder ein hinreichendes Argument für die Abschaffung des Gymnasiums noch dagegen. Sie sollen nur zu mehr Sachlichkeit in der Debatte beitragen. Die Diskussion selbst ist schwierig genug. (Erich Neuwirth/ DER STANDARD-Printausgabe, 19. Oktober 2007)

Zur Person

Erich Neuwirth lehrt Informatik, Statistik und Mathematik an der Universität Wien.

  • Erich Neuwirth beklagt irreführenden Umgang mit statistischen Daten.
    foto. standard/cremer

    Erich Neuwirth beklagt irreführenden Umgang mit statistischen Daten.

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