AHS-Daimler und HS-Chrysler: Clash der Betriebskulturen

11. Jänner 2008, 15:16
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Die Einführung der "Neuen Mittelschule" ist unter den derzeitigen Bedingungen zum Scheitern verurteilt - Von Johannes M. Lehner

Alle Studien sprechen dafür: Die Gesamtschule oder "Neue Mittelschule" ist das überlegene Modell gegenüber der frühen Trennung der Schüler in Gymnasien (AHS) und Hauptschulen (HS). Lange hat es gebraucht, viele Pisa-Hiobsmeldungen und eine sozialdemokratische Regierungsbeteiligung: und jetzt soll es dafür umso schneller gehen - oder doch nicht so schnell? Denn vor einer flächendeckenden Umstellung schreckt die Ministerin zurück. Vielmehr soll es Schulversuche geben. Fragt sich nur was hier versucht werden soll?

Man stelle sich vor, man hätte probeweise nur in ausgewählten Regionen Österreichs vom Schilling auf den Euro umgestellt. Der Euro wäre bald wieder von der Bildfläche verschwunden, die Vorteile wären nie sichtbar geworden, nur die Nachteile. Aber viel schlimmer noch ist die Vorstellung, der Euro wäre mit jener Einstellung eingeführt worden, mit der man jetzt ein Schulmodell implementieren will, das mit "ehernen" Traditionen bricht und daher durchaus als umwälzende Veränderung qualifiziert werden kann. So wie es aussieht soll dies nach dem Motto passieren: "Geh Claudia, leg den Schalter auf Gesamtschule um!" Laut Bankenvertretern hat die Euro-Umstellung alleine den Kreditinstituten ca. 600 Millionen Euro gekostet, die Hälfte davon bereits in der Vorbereitungszeit vor 1999. Im Vergleich zu den Veränderungen, die mit der geplanten Reform des Schulsystems verbunden sind, war jedoch die Euro-Umstellung ziemlich unproblematisch. Die Komplexität einer Vereinigung von AHS- und HS-Unterstufe kann eher mit dem Zusammenschluss zweier so unterschiedlicher Unternehmen wie Daimler und Chrysler verglichen werden.

Die Euro-Umstellung ...

Woran ist der "Daimler-Chrysler-Merger" gescheitert? Sicher nicht an einem Mangel an Argumenten, die für einen derartigen Zusammenschluss zweier Unternehmen sprechen - seien es mögliche Synergieeffekte, die Kostenvorteile bei Produktion und Einkauf oder die besseren gemeinsamen Entwicklungschancen. Das Zusammenlegen von AHS und HS wird ebenso wenig an einem möglichen Grundirrtum scheitern. Vielmehr dürfte wohl eine Vorentscheidung über die Karriere bei einem Lebensalter von 10 Jahren tatsächlich zu früh sein, da in diesem Alter noch kaum vorhersagbar ist, in welche Richtung sich die Schüler/innen entwickeln werden. und von einem gemeinsamen Unterricht nicht nur die "Spätentwickler", sondern alle profitieren können.

Das vorprogrammierte Misslingen hat andere Gründe: Wie beim Daimler- Chrysler-Merger prallen beim Zusammengehen von AHS und HS sehr unterschiedliche Kulturen aufeinander, die ohne weiteres Zutun kaum miteinander verträglich sind: Hier die AHS-Kultur, in der die Lehrer via Universitätsausbildungen stark am Fach orientiert sind - akademisch geprägt, von den Schülern als Professoren angesprochen und einen gewissen Mindestrespekt gewohnt; dort die Hauptschule mit in Pädagogischen Akademien ausgebildeten Lehrern - mehr um didaktische als akademische Standards bemüht, den Umgang mit schwierigen Schülern aus benachteiligten Schichten gewohnt.

Auch wenn solche Charakterisierungen zu stark vereinfachen: Der "Clash der Kulturen" ist vorhersehbar. Die Unterschiede im Dienstrecht stellen dabei nur eine relativ unbedeutende Facette dar, wenn sich die auch am stärksten im Geldbörserl auswirkt und wenn sie daher die Standesvertretungen am meisten bewegt.

Heißt das, man lässt besser die Finger von einer solchen Reform? Wohl kaum! Ein gehöriges Stück mehr Professionalität, Vorbereitung, warum nicht auch Projektmanagement bei deren Implementierung sei jedoch angeraten. Und dazu gehört auch Geld. Qualität kommt eben nicht gratis: Wenn plötzlich Menschen aus unterschiedlichen Kulturen intensiv zusammenarbeiten sollen, dann brauchen sie dafür zunächst selbst Training, bevor sie gemeinsam zum Training der 10- bis-14-Jährigen zugelassen werden. Die Direktorinnen und Direktoren werden mit völlig neuen Konflikten konfrontiert. Waren diese mangels Vorbereitung auf die Führungsaufgaben bisher schon manchmal überfordert, so wird dies in einer Situation, mit der die hoch bezahlten Manager von Daimler-Chrysler nicht zu Rande kamen, wohl zur Regel.

... als Modellprojekt

Man nehme sich demgegenüber ein Beispiel an der Euro-Umstellung. Wie viel musste für Schulungen der Angestellten, wie viel musste für Informationen ausgegeben werden, damit letztlich am 1.1. 2002 alle Österreicher plötzlich nicht nur Euros in der Hand hatten, sondern auch damit umgehen konnten. Angesichts der "Schalter-Umlege-Mentalität", die im Gegensatz dazu bei der unvergleichlich komplexeren Schulreform an den Tag gelegt wird - und übrigens auch bei vielen anderen Reformen wie der Bologna-Umstellung im Uni-Bereich, reiben sich die Privatschulbetreiber schon die Hände: Denn diese und viele Eltern sehen schon das staatliche System an die Wand fahren.

Wenn dies nur in einzelnen Schulversuchen passiert, dann kann dies bloß den Schaden begrenzen - das Ergebnis steht schon fest. (Johannes M. Lehner/DER STANDARD-Printausgabe, 19. Oktober 2007)

Zur Person

Johannes M. Lehner lehrt Betriebswirtschaft und Organisationsmanagement an der Universität Linz.

  • Johannes M. Lehner: Man stelle sich vor, man hätte probeweise nur in ausgewählten Regionen Österreichs vom Schilling auf den Euro umgestellt.
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    Johannes M. Lehner: Man stelle sich vor, man hätte probeweise nur in ausgewählten Regionen Österreichs vom Schilling auf den Euro umgestellt.

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    Geh Claudia, leg den Schalter auf Gesamtschule um": So soll es gehen. Geht es so?

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