Die Götter müssen verrückt sein

19. Oktober 2007, 12:38
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Der knallige US-Plastikpopstar Gwen Stefani begeisterte in der Wiener Stadthalle mit süßen Fluchten aus dem goldenen Käfig

... närrischer Popmusik. Dass Wien eine Nachbildung von Disneyland sei, erfuhr man nebenbei. Glänzend unterhalten, und: wieder was gelernt!


Wien – Keine Sorge. Was auch immer sich an diesem Abend noch ereignen wird: Die Frisur hält!

Die atemberaubend platinblond aufgetollte Gwen Stefani aus Orange Country, Kalifornien, Hausfrau, Mutter, Superstar, gerade 39 geworden und neben Madonna das zweite große späte Mädchen des Pop, hat heute in der Wiener Stadthalle einiges zu erledigen. Sie muss sich immerhin durch sämtliche derzeit verfügbaren musikalischen Trendsportarten hecheln. Sie muss so tun, als ob das gar nicht anstrengend wäre. Sie hat gut zehn Kostümwechsel zu absolvieren. Soll ihren Mund knallig-kirschrot halten und das Make-up mit Wattebäuschchen trockentupfen.

Und Gwen möchte gegen Ende des Konzerts ihre Minivan-großen Leibwächter quälen und ihnen den Schaum der einsetzenden Kiefersperre auf die Lippen treiben. Die Chefin begibt sich schließlich täglich laut Tourneeplan spontan ins Publikum. Sie rennt quer durch den Saal und singt hinten auf den Rängen irgendetwas ehrlich gefühlt Ranschmeißerisches. In der Art, dass heute die größte Zeit ihres Lebens oder die Welt schön sei. Na, sie wissen schon. Pop ist Blendwerk. Und Las Vegas eine Stadt, in der ehrlich nur kurz währt. Zwischenfrage: Braucht man für Leibwächter eigentlich einen Waffenschein? Oder reicht es, wenn diese einen haben?

Dabei ist die Wiener Stadthalle, wie auch alle anderen Stationen der seit Mitte September laufenden Europatournee, erschütternd weit davon entfernt, ausverkauft und bezüglich des eventuellen Körperkontakts mit dem Star des Abends außer Rand und Band zu sein. Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass Gwen Stefani zu den medial bestdokumentierten und verkaufenden Frauen im Geschäft zählt.

Ihre Hits rattern, knattern, jodeln und schrillen im Dauersperrfeuer aus Formatradios und Musikfernsehen. In Japan wird sie vom dortigen jungen Weibsvolk zwischen Riot Girl, Marie Antoinette, HipHop-Bitch, Heidi und Trapp-Familie from outer space wegen ihrer beiden Modelinien Harajuku Lovers und L.A.M.B. als Gottheit verehrt. Sie lässt sich ihre Musik von edlen Produzenten wie Pharrell Williams, Linda Perry, Dr. Dre oder André 3000 von Outkast maßschneidern. Obendrein hätte man für einige ihrer Videos den Pop erfinden müssen.

Quietschvergnügt

Etwa für "The Sweet Escape". Das wird zum Konzertbeginn mit japanischen "Harajuku Girls" und in Cop-Uniformen steckenden, zärtlich mit dem Schlagstock neckenden JazzgymnastiktänzerInnen nachgestellt. Im goldenen, mit schwedischen Gardinen gesicherten und von einer Discokugel beleuchteten Käfig sitzt da die Gwen und lacht sich einen, dass man es auch der tatsächlich quietschvernügten Musik anhört.

Immerhin geht es aber nicht um die Haftproblematik in US-Gefängnissen, sondern eher darum, dass Gwen ihren Boyfriend schlecht behandelt hat. Das sieht sie jetzt ein. Sie kann aber – Achtung, das Symbol der Gitterstäbe! – halt auch nicht so leicht aus ihrer Haut schlüpfen, damit sie schnellschnell ein besserer Mensch wird. Schwamm drüber, das muss der Boyfriend aushalten. Schließlich findet sie, das Beste, das man jetzt tun kann, ist tanzen und eine gut Zeit haben. Inzwischen werden ihre Freundinnen in Handschellen abgeführt, es geht aber alles irgendwie gut aus: "Wuhuu, wiehuu! Wuhuu, wiehuu!"

Gwen Stefani ist in diesem Popformat, das sonst noch von Pink, Christina Aguilera oder Britney Spears bespielt wird, mit Sicherheit das zünftigste, mit ihrem rein auf Oberfläche ausgerichteten Design vom Preis-Leistungs-Verhältnis betrachtet überzeugendste und unterhaltsamste Modell.

Der Live-Höhepunkt einer möglicherweise nicht durchgehend live gesungenen Show in Wien, neben "Hollaback Girl", der HipHop-Rekonstruktion von "Wenn ich einmal reich wär" in "Rich Girl" oder der dem langen Warten auf den großen Hit ein Ende setzenden Zugabe "What You Waiting For?": das Stück "Wind It Up". Zwischen Sound Of Music und Grenadiermarsch angesiedelt, jodelt und kiekst es in dieser Randalierttrommelnummer vertraut alpenländisch. Interkontinentale Nachbarschaftspflege.

Immerhin handelt es sich bei der heute von ihr bespielten Stadt Wien, so Gwen Stefani in einer launigen Zwischenmoderation, ja um nichts anderes als einen äußerst gelungenen Nachbau einer europäischen Mustermetropole, wie sie einst bei ihr daheim im kalifornischen Disneyland in Anaheim erfunden wurde. Ist das Leben nicht wunderbar und voller ironischer Schlenker von Göttern, die einen über den Durst getrunken haben? (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.10.2007)

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    foto: standard / fischer
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