"Der Gusenbauer ist noch nicht vorbeigekommen"

27. Februar 2008, 22:37
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Im Demokratie-Zelt am Ballhausplatz werden mit Unterstützung von Hans-Peter Martin Unterschriften für eine Volksabstimmung über den EU-Vertrag gesammelt - eine Reportage

Es regnet. Trotzdem sind am Donnerstag Vormittag eine Hand voll Pensionisten zum Ballhausplatz gekommen, um das Demokratie-Zelt, das hier seit zwei Tagen steht, zu besichtigen.

"Das Volk wird nie gefragt." "Das ist eine Schweinerei." "Das ist wie in einer Diktatur." Die Pensionisten sind aufgebracht. Sie können der Idee der Demokratie-Plattform, die das Zelt aufgestellt hat, etwas abgewinnen. Ziel der Initiative rund um Martin Ehrenhauser ist es, eine Volksabstimmung zum EU-Vertrag zu erreichen. Es liegen Unterschriftenlisten und Informationsbroschüren auf und die Bürgerinnen und Bürger können "Botschaften an die EU" schreiben, die am Zaun zum Volksgarten aufgehängt werden.

"Mehr Demokratie"

Das drei Quadratmeter große Zelt, das kleiner ausgefallen ist, als geplant, weil "aus Sicherheitsgründen ein 40 Quadratmeter Zelt nicht genehmigt wurde", dient als Platz zum Austausch. "Wir fordern mehr Demokratie", erklärt Martin Ehrenhauser, der seit drei Tagen am Ballhausplatz verweilt. "Wir dürfen die Demokratie nicht vergessen, sonst ist sie schneller weg, als wir glauben", appelliert er an die Bürger.

Als EU-Gegner würde sich Ehrenhauser nicht bezeichnen: "Ich bin ein Freund der europäischen Idee und trete für eine europäische Nachbarschaftspolitik ein." Er ist aber nicht damit einverstanden, wie der EU-Vertrag zustande kommt: "Die Verhandlungen finden hinter verschlossenen Türen statt, die Bürger dürfen nicht mitentscheiden." Ob die geforderte Volksabstimmung realistisch ist? Ehrenhauser antwortet mit einer Gegenfrage: "Wie hoch ist die Chance, dass Gusenbauer noch ein linker Sozialdemokrat wird?"

Unterstützung von Hans-Peter Martin

Trotzdem ist er zuversichtlich. Unterstützt wird Ehrenhauser in seinem Anliegen vom EU-Parlamentarier Hans-Peter Martin: "Er kooperiert mit uns und hilft uns." Bei der Eröffnung des Demokratie-Zelts waren er und der dänische EU-Parlamentarier Jens-Peter Bonde anwesend. Und Martin hat auch die Kronen Zeitung zum Ballhausplatz gebracht. Seit Tagen berichtet das Boulevard-Blatt mit Schlagzeilen wie "Vor der EU nicht in die Knie gehen!" über den EU-Vertrag und die Initiative der Demokratie-Plattform. "Ich bin froh, dass die Medien über das Zelt berichten, ob das Kronen Zeitung ist oder ein anderes Medium ist mir egal", so Ehrenhauser.

Wichtig ist ihm festzuhalten, dass die Demokratie-Plattform unabhängig ist und keiner Partei nahe steht. Er will auch keine Partei gründen ("Ich will keine Parteifunktionäre und bin gegen Fraktionszwang"), seine Vorbilder sind vielmehr Organisationen wie Greenpeace oder attac.

Pensionisten und junge Christen

Ehrenhauser will "Demokraten mit sozialem Gewissen" ansprechen. Ob die auch schon alle vorbeigekommen sind? "Es waren schon viele wunderbare Menschen hier: Pensionisten und junge Christen, der Altersdurchschnitt ist eher hoch." Und wie ist der Zuspruch von Seiten der Politik? "Der Gusenbauer ist noch nicht vorbeigekommen." (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 18.10.2007)

Das Demokratie-Zelt steht noch bis Freitag, 17 Uhr, am Ballhausplatz.

Link: Demokratie-Plattform

  • Obwohl es regnet, haben sich einige Menschen beim Demokratie-Zelt am Ballhausplatz eingefunden. Der Alterdurchschnitt ist eher hoch.
    foto: rwh/derstandard.at

    Obwohl es regnet, haben sich einige Menschen beim Demokratie-Zelt am Ballhausplatz eingefunden. Der Alterdurchschnitt ist eher hoch.

  • Initiator Martin Ehrenhauser klärt die Passanten auf. Im Zelt unterschreiben andere bereits für eine Volksabstimmung.
    foto: rwh/derstandard.at

    Initiator Martin Ehrenhauser klärt die Passanten auf. Im Zelt unterschreiben andere bereits für eine Volksabstimmung.

  • Von den Bürgern können Botschaften verfasst werden, die gesammelt und rund um das Demokratie-Zelt aufgehängt werden.
    foto: rwh/derstandard.at

    Von den Bürgern können Botschaften verfasst werden, die gesammelt und rund um das Demokratie-Zelt aufgehängt werden.

  • In den Mitteilungen lassen die Bürger ihrer Wut freien Lauf. Sie schimpfen über "kapitalistische Kommissare" oder appellieren: "Österreicher(innen), bitte aufwachen!"
    foto: rwh/derstandard.at

    In den Mitteilungen lassen die Bürger ihrer Wut freien Lauf. Sie schimpfen über "kapitalistische Kommissare" oder appellieren: "Österreicher(innen), bitte aufwachen!"

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