Aus dem Laden, aus dem Sinn

4. Juli 2007, 18:00
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Dass das alte Wien verschwindet, wird vielerorts beklagt – nur: das was weg ist, geht trotzdem kaum wem ab

Es war vor ein paar Tagen. Da tippte mir einer, den ich nicht kannte, in der Straßenbahn auf die Schulter und fragte eine jener Fragen, mit denen sonst eigentlich ich mich unbeliebt mache. Weil die meisten Leute darauf keine Antwort haben – und sich dann lieber über den Fragesteller ärgern als darüber, dass sie die Antwort nicht wissen. Und mir ging es diesmal genauso.

Dabei hatte der Fragesteller es doch gar nicht böse gemeint. Sondern nur geglaubt, dass ich so was doch wissen würde. Weil ich doch Stadt-Urgestein sei und außerdem ja eigentlich von Berufswegen ein genaues Auge haben sollte. Und an dieser Ecke – genauer: dort wo die Westbahnstraße Neubaugasse sich kreuzen – wäre ich doch sicher schon eine Milliarde Male vorbei gekommen. So wie er ja eigentlich auch.

Leiberlladen

Der Fremde zeigte auf ein Geschäft am Eck. Ein T-Shirt-Laden. Jedenfalls schlossen wir das aus den Bildern, die über den Schaufenstern hingen. Der Shop, sagte der Fremde, sie neu. Oder jedenfalls ziemlich neu. Deswegen fiele er ihm ja auch seit ein paar Tagen auf – und irgendwann sei dann da eine Frage in ihm herangereift: Was war eigentlich in diesem Lokal, bevor der Shirt-Shop eingezogen ist?

Nicht, dass das wirklich wichtig wäre, beteuerte der Fremde. Eigentlich sei es ja sogar egal. Denn der Umstand, dass er es nicht wusste, obwohl er mittlerweile seit einer Woche zweimal am Tag beim Vorbeifahren versuche, sich zu erinnern, sage ja nur, dass das, was hier früher war, in seiner Welt keine Rolle gespielt habe. Aber weil er sich doch eigentlich für einen Stadtbenutzer halte, der sich für seine Umwelt interessiere, sagte der Fremde, ärgere ihn dieses Nicht-Erinnern jeden Tag aufs Neue. Und immer ein bisserl mehr.

Phänomen

Ich dachte nach, seufzte und gab mich geschlagen: Keine Ahnung. Aber das Phänomen, tröstete ich den fremden, sei mir wohl bekannt. Und zwar nicht nur bei Shops in beinahe bester Lage: Auch dort, wo Kaufmannschaft, Stadtidentitäts- und Kulturerbeschützer Leute wie meinereinen aufhussten, doch medial eine Lanze für das Bewahren und das Authentische, Alteingesessene oder sonst wie „Echte“ zu brechen, ist, das, was Wien angeblich einzigartig macht, in dem Augenblick vergessen, in dem etwas Neues am selben Ort eröffne.

Was früher im Haas Haus gewesen sei, wisse ich ebenso wenig, wie die Namen jener Geschäfte, die auf der Kärntner Straße daheim waren, bevor die großen Ketten einzogen. Und jedes Mal, wenn am Graben oder am Kohlmarkt in den Räumen von edlen, kleinen Traditionsbetrieben teure Nobelmarken eröffneten hatten, hatte ich die ehrwürdigen, wichtigen Gäste mit den guten Namen verärgert, wenn ich sie gefragt hatte, wer denn etwa vor Gucci, Dolce & Gabbana, Diesel, Montblanc oder Lacoste hier Ware feil geboten hätte. Da das schon immer allererste Adressen für allererste Ware gewesen sind, müssten die geschlossenen Läden doch eine schmerzende Lücke im besseren Wiener Shoppingbewusstsein hinterlassen haben.

Keine Antwort

Nur: Ich habe auf diese Fragen kaum je Antworten bekommen. Und zwar unabhängig davon, ob ich alte oder junge Leute fragte. Manchmal – aber längst nicht immer – wissen die neuen Betreiber, wer vor ihnen hier war (in der Regel dann, wenn ihnen der Denkmalschutz irgendwelche Auflagen aufs Aug gedrückt hat). Aber schon zwei Wochen nach der Eröffnung hat das Personal der Nachbargeschäfte keine Ahnung mehr, was noch ein Jahr zuvor nebenan verkauft wurde. Aber, ist man sich einig, eine Schande, sei es schon, wie das alte Wien verschwände. Irgendwie halt.

Der Fremde in der Straßenbahn nickte. Und sagte, er sei jetzt ein bisserl von sich selbst enttäuscht: Während wir geplaudert hatten, wären ihm eine ganze Menge Geschäfte eingefallen, an denen er vor 20 Jahren jeden Tag am Schulweg vorbeimarschiert sei – aber was da zwischen Kaiserstraße (der elterlichen Wohnung) und Rahlgasse (der Schule) auf der Mariahilfer Straße gewesen sei, könne er sich beim besten Willen nicht mehr ins Gedächtnis rufen.(Thomas Rottenberg, derStandard.at, 18.9.2007)

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