Die Rache des Rentiers

20. Oktober 2007, 17:00
4 Postings

Der schwere Strickpullover ist der Advent-Albtraum einer ganzen Generation - Die Designer haben ihn trotzdem aus der Mottenkiste hervorgezogen

Wenn es gilt, ein Krisenszenario zu skizzieren, dann besitzt Hollywood allemal mehr Überzeugungskraft als eine UN-Behörde. Digitale Spezialeffekte versus Statistiktabellen. Dass der Klimawandel kommt, daran gibt es nach der Mediensaison 2007 keine Zweifel mehr. Bei der Präparation für die Klimakrise scheinen die Menschen aber eher die Eiswüsten aus Emmerichs "The Day After Tomorrow" im Sinn zu haben als das subtropische Mitteleuropa der Weltklimarat-Prognose. Oder wie soll man sich die Panikkäufe von Strickjacken und anderen monströsen Woll-Konstruktionen in den vergangenen Wochen sonst erklären? Der Mensch rüstet sich für die nächste Eiszeit. Die Mode-Designer bei C&A und D&G orientieren sich an den Überlebensmodellen des Wollnashorns.

Die Schaufensterpuppen der Boutiquen haben schwere Strickjacken auf den Schultern. Jedes Modehaus hat eine Jacke oder einen Poncho mit einem groben, kunstfertig-leichtfertigen Maschenmuster und überlangen Ärmeln im Angebot. Manche Kreationen, wie etwa von Burberry Prorsum, sind wahre Anti-Kälte-Kettenhemden, knielang und gewebt aus Schafs- und Baumwollgarn in natürlichen Grau- und Beige-Tönen - die Plastikmenschen in der Fußgängerzone könnten auch in den Schaukästen der prähistorischen Abteilung des Naturkundemuseums stehen.

Wollprodukt mit Initial

Der Strickpullover ist der Advent-Albtraum einer ganzen Generation: Stellvertretend bekam der Zauberlehrling Harry Potter in J. K. Rowlings Romanen zu jedem Weihnachtsfest ein Wollprodukt mit eingesticktem Initial und legte den neuen Pullover mit leicht gequältem Lächeln und so schnell wie möglich, wie es in dem Buch heißt, in seine Kleiderkiste. Der klassische Norweger-Pullover mit den Rentiermustern, den Waldsilhouetten und Christbaumkugelketten ist immer noch untragbar, und nur wenige Designer wie der ewig flamboyante Gaultier setzen weiter oder schon wieder auf Ethnomuster in Strick.

Vorbild für den neuen Strick-Stil ist nicht etwa die bescheidene Öko-Mode der 80er-Jahre. Die "Strickeria"-Kollektionen der Designer sind hochmodische Kreationen, zwar aus identischen Materialien wie die Landmode gefertigt, sie weisen jedoch kleine Extravaganzen auf, die sie im Ernstfall Naturkontakt untragbar machen würden. Die monströsen Strickkreationen des neuen Stars der Szene, der jungen Sandra Backlund aus Schweden, sind wunderschön, aber bedecken nur in seltenen Fällen die schutzbedürftige Haut. Brrr!

Noch cooler als Kleidungsstücke, die nur aussehen, als habe die weitsichtige Oma beim Kaminfeuerlicht ein paar Knöpfe vergessen, sind natürlich Teile, die man tatsächlich selbst mit heißer Nadel gestrickt hat. Denn das Klappern mit den Stricknadeln ist wieder gesellschaftsfähig. Madonna, Uma Thurman und Julia Roberts outeten sich als Handarbeit-Fans. In London stricken die Mitglieder des legendären "Cast Off Club" (to cast off = abketten) in der U-Bahn, in Museen und Nachtclubs. In den USA gibt es eigene Knit-Cafés, in denen man es sich zwischen Wolle und grünem Tee gemütlich macht. "The new Yoga", titelte ein Lifestyle-Magazin und fand sogar einen Wissenschafter, Herbert Benson, Professor der Harvard Medical School, der dies bestätigt.

Zurück mit der Zukunft!

Die Tätigkeit mit Nadeln und Wolle senkt den Blutdruck und baut Stress ab, so Benson, das rhythmische, monotone Stricken, unterstützt vom Klappern der Nadeln, wirkt ähnlich wie ein beruhigend vor sich hergesagtes Mantra. Der Mensch ist schon ein paradoxes Wesen. Ausgerechnet jetzt, wo die Wahrscheinlichkeit von Wetterphänomenen (alias Naturkatastrophen) immer größer wird, verzichtet er auf Goretex, atmungsaktive Textilien und verklebte Nähte - auch Modernismen wie Reißverschlüsse werden abgeschafft. Stattdessen schließen die Gucci-Jacken mit einem Hirschhorn-Knebel. Burberry setzt auf "Leder- und Druckverschlüsse". Zurück mit der Zukunft! Her mit echter Schafswolle! Obwohl wir alle wissen, dass Huftiere dem Menschen, was den CO2-Footprint betrifft (Verdauung!), kaum nachstehen.

Vertreter des Strickwarenverbandes freuen sich über den "Trend zur Low-Tech-Kleidung". Und, keine Frage, etwas Halbfertiges haftet den XXL-Wollbergen auch wirklich an - in ihnen kann man sich verlieren wie die Katze im Wollknäuel. Der Chalet-Chic erobert die Stadt. Dabei hat man vergessen, dass dieser Hütten-Look Indoor-Mode ist. Wer mit den wunderbaren Strickjacken in einen Regenschauer oder Klimawandel gerät, wird sich bald die seelenlose Funktionsbekleidung zurückwünschen. (Tobias Moorstedt/Der Standard/rondo/19/10/2007)

  • Star der neuen "Strickeria"-Szene ist die Schwedin Sandra  Backlund.
    foto: hersteller

    Star der neuen "Strickeria"-Szene ist die Schwedin Sandra Backlund.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Aber auch Stella McCartney...

  • Bild nicht mehr verfügbar

    ...oder Burberry haben Grobgestricktes im Angebot.

Share if you care.