Herrlich, diese Haie

  • Grauhai. Mehr Bilder dieser Unterwasserschönheiten mit unverdient schlechtem Ruf gibt es in der Ansichtssache.
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    Grauhai. Mehr Bilder dieser Unterwasserschönheiten mit unverdient schlechtem Ruf gibt es in der Ansichtssache.

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In der Regenzeit ist Cocos Island ein unwirtliches Stück Land vor der Küste Costa Ricas. Doch mit dem Regen kommen die Haie. Ein Lokalaugenschein unter Wasser

Der Wellengang zerrt an den Nerven. Selbst die härtesten Kerle haben den Kampf gegen die Seekrankheit längst verloren, keine Pille hat geholfen. Diesmal sei es besonders schlimm, sagt Eduardo, unser Guide für die nächsten Tage. Nach 30 Stunden mit nichts als Pazifik rundherum beginnt man langsam zu zweifeln, ob man jemals wieder Festland zu Gesicht bekommt. "Keine Sorge, es dauert nicht mehr lange", sagen die beiden Ami-Kumpel Harry und Abraham. Sie müssen es wissen, schließlich fahren sie schon das vierte Mal auf diese Tauchexpedition mit. "Die letzten Male hatten wir Pech - kein einziger Walhai."

Einmal im Leben einem Walhai zu begegnen, muss man wissen, ist für einen Taucher wie ein Sechser im Lotto. "Wir haben schon über 900 Tauchgänge. Aber, wie gesagt, einen Walhai haben wir noch nie gesehen."

Schrilles Glockenläuten. Die Motoren werden leiser. Nach 32 Stunden ununterbrochener Überfahrt hat die Undersea Hunter ihr Ziel erreicht: Cocos Island, ein zwei mal fünf Kilometer großer Felsgupf, der 550 Kilometer vor der Küste Costa Ricas liegt. Wildester Dschungel, Nationalpark, zudem Unesco-Weltnaturerbe seit 1997.

Bis auf ein paar Ranger, die in einer schäbigen Hütte direkt am Wasser wohnen und hier Tag für Tag nach illegalen Fischern Ausschau halten, ist Cocos Island völlig menschenleer. Nicht zuletzt dieser Tatsache ist es zu verdanken, dass die Insel zu den vielfältigsten und außergewöhnlichsten Biotopen der Erde zählt. Fauna und Flora sind intakt, viele Pflanzen- und Tierarten, die man hier antrifft, sind endemisch. Das heißt: Es gibt sie ausschließlich hier und an keinem anderen Ort der Welt. Bis heute wurden 235 Pflanzen-, 362 Insekten- und 85 Vogelarten gezählt. Ganz zu schweigen von dem, was sich unter Wasser abspielt.

Cocos Island liegt fast am Äquator, doch von Hitze kann keine Rede sein. "Die Isla del Coco ist bekannt für ihr unbeständiges Wetter", erklärt Eduardo Herreño mit aussagekräftigem Schmunzeln, "ihr dürft euch nicht wundern, falls es die kommende Woche nur schüttet."

Eduardo wird recht behalten: 25 Grad Celsius Lufttemperatur, eine ganze Stunde Sonnenschein in zehn Tagen, dazu drei Meter hohe Wellen, ununterbrochen Regenstürme und eine klitzekleine Tsunami-Warnung zwischendurch sind nicht gerade die besten Eckdaten für einen beschaulichen Traumurlaub im Paradies. Nicht, wenn man fünf Riesen hingeblättert hat. Doch deswegen sei man ja nicht nach Cocos gekommen, Divers, nicht wahr?

Am nächsten Tag, nachdem alle wieder normale Gesichtsfarbe angenommen haben, geht's los. Ein Sprung ins kalte Wasser. Nach wenigen Sekunden schießt der erste Hammerhai vorbei. Das Herz bleibt einem stehen. Seit den üblen Blockbuster-Filmen aus Hollywood ist der Ruf der Haie nicht der beste. Angeblich sind sie gefährliche Bestien, greifen alles und jeden an und fressen Menschen. Nichts davon ist wahr, es sei denn, man ist Fisch oder hat dementsprechend fischig riechendes Blut in den Adern.

Haie zählen zu den bedrohtesten Tierarten der Welt. In manchen Regionen der Erde ist ihr Bestand in den vergangenen Jahren um 90 Prozent zurückgegangen. Der Grund ist einfach: Wenn Chinesen feiern, dann feiern sie mit Haifischflossensuppe. Und weil es viele Chinesen gibt, gibt es wenig Haie.

In vielen Teilen der Erde hat das nautische Ökosystem längst sein Gleichgewicht verloren, denn das oberste Glied der Nahrungskette ist beinahe ausgerottet. Die Fischpopulationen steigen, ruinieren ganze Korallenriffe und rotten ihrerseits wieder die kleinsten Meereslebewesen aus. Die ökologischen Folgen sind nicht auszumalen. Nicht so jedoch auf Cocos Island.

Tausende Haie suchen diesen Ort vorzugsweise in der Regenzeit auf. Hier haben sie einerseits genug zu fressen, andererseits ist die Pazifikinsel so etwas wie eine Beauty-Farm für pelagische Großfische. Innerhalb bestimmter Markierungen, die für den Menschen unsichtbar sind, ist das Gesetz des Fressens und Gefressenwerdens aufgehoben - eine Art nonverbales Agreement zwischen Haien und Korallenfischen.

In den so genannten Putzerstationen legen die großen Haie ihren Hunger ad acta und lassen sich von ihren kleinen Artgenossen reinigen. Wild umtänzeln die bunten Winzlinge ihre sonst gefürchteten Gegner und befreien sie von Hautparasiten und Pilzen - gelegentlich halten sie sich sogar im Maul auf und entsorgen dort die Nahrungsreste zwischen den Zähnen. Für die einen ist es schmackhafte Nahrung, für die anderen gründliche Mundpflege und wohltuendes Peeling.

Schon schießt der zweite Hammerhai vorbei. Der dritte. Der vierte. Nach wenigen Minuten ist klar: Cocos Island wird seinem Ruf gerecht. Nach dem ersten Tauchgang hat man mehr Haie gesehen als im ganzen bisherigen Leben. "Vergesst nicht: Die Haie haben Angst vor euch", erklärt Eduardo, "wenn ihr wollt, dass sie auf euch zukommen, müsst ihr euch regungslos hinter den Felsen verstecken und die Luft anhalten." Schwarze Monster in Neopren und Latex, noch dazu mit permanentem Ausstoß von Luftblasen - das ist zu viel Fetisch für einen ahnungslosen Hai, ganz gleich welcher Größe.

Nicht bewegen, nicht atmen. Nach ein paar Tagen wagt sich ein Hammerhai in Griffweite heran, schwimmt auf mich zu, sieht mir mit seinem breiten Hammerkopf in die Augen, inspiziert den dicken, schwarzen Neopren-Fremdling und zieht mit einem abrupten Ruck wieder ab.

Noch zutraulicher sind die Weißspitzenriffhaie. Gelangweilt liegen sie tagsüber im Sandgrund und dulden jede Art der freundschaftlichen Annäherung. Manche haben Verletzungen davongetragen - und nicht nur kleine Schrammen. Eine abgerissene Flosse, ein verbohrter Fischerhaken im Maul, tiefe Schürfwunden. Einer von ihnen hat sich am Haken verbissen, ist nicht mehr losgekommen und ist schließlich erstickt.

Roger Murillo und Venizio Menzen, ihres Zeichens Ranger am Strand von Cocos, geben uns Bescheid: In der Nacht seien Fischerboote hier gewesen. Das Netz haben sie im Wasser zurückgelassen, ungeschoren hätten sie sich in der Morgendämmerung auf und davon gemacht. Murillo, der eben von seinem Landurlaub für die nächsten 30 Tage wieder auf die Insel zurückgekehrt ist, beklagt sich: "Wir versuchen, beste Arbeit zu leisten, aber das Dilemma ist, dass die meisten Fischer in der Nacht kommen und unbemerkt wieder verschwinden. Man sieht sie einfach nicht!" Immerhin: Eine Handvoll Illegale werden pro Jahr geschnappt und anschließend dem Gericht übergeben.

Nach ein paar Tagen mit Hammerhaien, Weißspitzenriffhaien, Silvertips, Galapagos-Hochseehaien, Mantas, Adlerrochen, Schildkröten und Delfinen geschieht das Unfassbare: In 30 Meter i i Tiefe beginnt Eduardo wie wild mit einem Stück Metall auf die Pressluftflasche zu klopfen, alle drehen sich um. Weiße Punkte auf schwarzem Hintergrund kommen näher. Breites Maul, mächtiger Körper, viele Meter Länge. Es ist wahr: ein Sechser im Lotto. Völlig ohne Scheu schwimmt der Walhai neben uns vorbei. Ein kräftiger Schlag mit der Schwanzflosse, weg ist das Tier.

Seit 1978 ist Cocos Island als Nationalpark deklariert, seit 1992 wird die Insel rund um die Uhr von Rangern überwacht, seit zehn Jahren gilt sie als Weltnaturerbe der Unesco. Wenn es um Natur geht, den größten Schatz des Landes, dann kennt die costa-ricanische Regierung keinen Spaß. Die Auflagen sind streng, die Gesetze rigoros. Gerade einmal drei Schiffe haben die Lizenz, die Insel zum Tauchen anzufahren. Das macht die Warteliste lang und schraubt den Preis in konkurrenzlos galaktische Sphären. "Das war ein cooler Kerl da unten, dieser Riese", sagen Harry und Abraham, "jetzt können wir seelenruhig sterben." (Wojciech Czaja/Der Standard/RONDO/19.10.2007)

Beste Reisezeit: In der Regenzeit wird der Pazifik zur brodelnden Haisuppe. Unter Mitnahme einer Regenjacke empfehlen sich daher die Monate Mai bis Oktober.

Für die Einreise nach Costa Rica ist kein Visum erforderlich. Anreise am günstigsten mit der Martin Air über Amsterdam nach San José. In der Regel werden die Flüge über Miami geführt. Ab dann mit dem Bus zur Westküste nach Puntarenas.

Schiffe: Man hat die Wahl zwischen drei Schiffen, die eine Lizenz für Cocos Island besitzen: Aggressor, Sea Hunter und Undersea Hunter, die letzten beiden werden von einem Unternehmen betrieben. Die Wartezeit auf freie Plätze beträgt bis zu zwei Jahre. Unterm Strich günstiger ist es, direkt von Österreich ein Pauschalangebot zu buchen, beispielsweise bei Joe Far Tours.

Tauchen: Cocos Island ist leider nichts für Anfänger. In die starken Strömungen und Dünungen sollten sich nur Leute werfen, die mit dem Tauchen bereits bestens vertraut sind. In der Regel sind mindestens 50 Tauchgänge vorzuweisen.

Allgemeine Informationen: Infos zur Insel unter cocosisland.org, Infos zum Haitauchen unter sharkproject.org.


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8 Postings
Walhaie...

Wer zu 90% Walhaie sehen möchte, der fährt nach Praia de Tofo (Mozambique - Nähe Inhambane).

Wir konnten in ca. 2 Stunden mit 5 verschiedenen Walhaien schnorcheln, ohne dass diese auch nur irgendwie Anstalten zur Flucht gemacht hätten. Nebenbei ist Mozambique ein Traumland und für Alternativtouristen absolut zu empfehlen - Fotos? http://picasaweb.google.de/reinhard.... e672472007

"wenn...

...Chinesen feiern, dann feiern sie mit Haifischflossensuppe. Und weil es viele Chinesen gibt, gibt es wenig Haie." dank fuer diesen satz :-))

so ganz ist's leider nicht ...

Sehr viel Unterstützung erhalten die Rangers auf Cocos von Costa Rica nicht. Auch wenn das Land in Bezug auf ECO-Tourism sehr weit ist: für die handvoll Touristen, die aufgrund der strengen Auflagen nach Cocos kommen ist es scheinbar der Aufwand nicht Wert Cocos mehr als bisher zu schützen.
Die Coast Guard ist meilenweit weg. Die "illegalen" Fischerflotten aus Taiwan haben sich "Rechte" durch den Bau einer Brücke erkauft. Der Vertrag läuft bald aus, die Chinesen warten schon.
Die Longlines werden einfach ausserhalb der Schutzzone ausgelegt und treiben mit der Strömung durch das Welterbe. Dir Ranger bringen nur einen Bruchteil in's Trockene. Bald wird Cocos wie bei einem El Ninjo aussehen. Traumhafte Insel - nur keine Haie mehr ... :-(

oder auf die malediven

auch hier wenn man weiß wo sind die chancen sehr groß bes. zwischen jänner und märz. und zudem viel preisgünstiger

Nach 30 Stunden mit nichts als Pazifik rundherum beginnt man langsam zu zweifeln

you ain´t seen nothing yet... ;-)

lol dachte ich mir auch ... 30 Stunden sind gar nix ...

Walhaie

Wenn du Walhaie mit 85 %iger Sicherheit sehen willst, dann komm im Juni nach Belize. 1 /12 Bootsstunden von Hopkins entfernt gibt es sie fast immer zu sehen, und man muss dafür nicht 5000 auslegen.

Lotto 6er im Stundentakt!

Hi! Ich war diesen August auf Reethi Beach ( Malediven)! Wenn du ein echter Wahlhai-Fan bist, dann musst du dort hin, uns wurde es, um es überspitzt zu formulieren, schon richtig langweilig, nachdem wir pro Tag mindestens ein Wahlhai gesehen haben. Einer der Einheimischen will angeblich einmal an einem Tag 19 Wahlhai gesehen haben! Das hab dann aber nicht mal mehr ich geglaubt obwohl seine Kollegen keinen Zweifel daran hegten, dass er die Wahrheit gesagt hat. Dazu kamen dann noch 5.5 Meter Spannweiten Mantas und ein paar 3 Meter lange Geigenrochen. War echt genial, kann ich nur weiterempfehlen!

PS: Wir hatten einmal 30 Minuten mit dem Walhai geschnorchelt ohne, dass der Anstalten gemacht hätte abzuhauen. Solange man ihn nicht berührt...

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