Kindheit in tödlichen Baracken

29. Oktober 2007, 13:10
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Naftali Fürst wurde 1932 in Bratislava geboren, überlebte zwischen 1938 und 1945 vier Konzentrationslager und lebt heute in Haifa

Um sich und sein Schicksal Pädagogen und Schülern zur Diskussion zu stellen, ist er derzeit in Österreich.

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Hohenems - Naftali Fürst hat Glück. Die Ankunft des Neunjährigen in Auschwitz fällt auf den 3. November 1942. Den ersten Tag, an dem die Nazis die ankommenden Judenkinder nicht mehr gleich ins Gas schicken. Aber der bisher angehäufte Leichenberg muss weg. Aus Schloten über Krematorien raucht es noch immer. Die Öfen sollten noch Tage lang verschlingen, was Nationalsozialisten von Juden übrig ließen.

"Seht ihr das Feuer?, haben sie uns gefragt", erinnerte sich Naftali Fürst am vergangenen Montag in einem Zeitzeugengespräch im Jüdischen Museum Hohenems, "dort kommt ihr auch hinein."

Sie kommen nicht. Weder er, noch sein Bruder Shmuel, noch seine Eltern. Ihre Losung lautet: nicht aufgeben. Überleben, irgendwie überleben. Das tun sie. Wie, weiß Naftali Fürst heute nicht mehr.

Der 1932 in Bratislava geborene und heute in Haifa lebende Mann ist für ein pädagogisches Projekt von erinnern.at nach Österreich gekommen. "Meine Kindheit war wunderschön", erzählte er, "aber viel zu kurz."

Auf dem Todesmarsch

Sie endet 1938, Naftali ist kaum sechs Jahre alt. Es folgen Vertreibung, Flucht, die vier Konzentrationslager Sered, Auschwitz, Budy und Buchenwald sowie ein fünftägiger Todesmarsch von Polen nach Deutschland. Dann das Wiedersehen mit der Familie, die Emigration nach Israel.

Warum er erzählt? "Weil ich zur letzten Generation gehöre, die das erzählen kann." Und die Relevanz seiner Geschichte? "Eine immer größere. Weil immer mehr Menschen die Geschichte vergessen oder aber nichts daraus lernen."

Naftali Fürst erzählte seine Geschichte in Anekdoten, die jenes unverhoffte Glück zum Ausdruck brachten, ohne das sich die arithmetische Todesbilanz des Holocausts von gut sechs Millionen um einige Hunderttausend erhöht hätte.

Krankheit, Schwäche, Hunger, Kälte; und wer zurückbleibt, wird erschossen. Das sind Hunderte. Viele bleiben während des Todesmarsches stehen, obwohl sie noch gehen könnten - die quälende Ungewissheit gegen die tödliche Gewissheit eintauschend, ein verzweifelter Ausweg. Naftali und Shmuel aber gehen, der eine den anderen stützend, als ihnen am dritten Tag eine Frau ein Brot mit Leberwurst zusteckt. Es stillt den schmerzlichen Hunger und nährt den Glauben daran, dass es noch Menschen gibt da draußen. Beides gibt Kraft genug, um den Marsch zu überleben.

Dann Buchenwald. Naftalis Bruder soll mit weiteren Kindern verlegt werden. Doch die beiden wollen zusammenbleiben, Shmuel tauscht mit einem Kind, bleibt mit Naftali im verhassten Lager. Der Transport der anderen Kinder wird von den Alliierten ausgebombt.

Dann Kriegsende und jahrzehntelanges Schweigen. Warum? "Täter wollten nichts sagen, Opfer konnten noch nicht und die Welt wollte nichts hören", bedauerte Fürst. Kann man überhaupt aus der Geschichte lernen? "Es machen viele ihre Doktorate", sinnierte der alte Mann, "ob sie auch begreifen, ist eine andere Sache, wenngleich ich hoffe. Dennoch: In Ruanda und anderswo werden wieder Menschen systematisch ermordet - und die Staaten schweigen." (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 10. 2007)

Wissen
Erfahrbares Schicksal: Im vom österreichischen Unterrichtsministerium initiierten Programm "erinnern.at" (siehe gleichlautende Homepage im Internet) entstand das Naftali-Fürst-Projekt: In didaktisch begleiteten Seminaren mit Lehrern und in Treffen mit Schülern in Vorarlberg, Tirol und Wien soll das Schicksal Naftali Fürsts exemplarisch für die Opfer der Shoah dargelegt, so Teil der Erinnerungskultur werden - besonders jener der Kinder und Jugend. Diese sollen unter fachkundiger (geschulter) Begleitung einen verantwortungsvollen und kritischen Umgang mit der Geschichte lernen. Hiezu wurde das Leben des Naftali Fürst in einer Familienchronik niedergeschrieben und ein illustrierter Unterrichtsbehelf ausgearbeitet. (fei)

Link
Furststory.com
  • Naftali Fürst (gelb umrahmt) wird am 11. April 1945 von den Alliierten im KZ Buchenwald gemeinsam mit den anderen jüdischen Insassen befreit. Das gestellte Bild im Todestrakt wurde drei Tage nach der Befreiung von einem US-Soldaten aufgenommen.
    foto: naftali fürst

    Naftali Fürst (gelb umrahmt) wird am 11. April 1945 von den Alliierten im KZ Buchenwald gemeinsam mit den anderen jüdischen Insassen befreit. Das gestellte Bild im Todestrakt wurde drei Tage nach der Befreiung von einem US-Soldaten aufgenommen.

  • Heute lebt Naftali Fürst gemeinsam mit seiner Lebenspartnerin Tova Wagman (kleines Foto) in Haifa. Für ein pädagogisches Projekt ist der knapp 75-Jährige derzeit in Österreich.
    foto: jüdisches museum hohenems

    Heute lebt Naftali Fürst gemeinsam mit seiner Lebenspartnerin Tova Wagman (kleines Foto) in Haifa. Für ein pädagogisches Projekt ist der knapp 75-Jährige derzeit in Österreich.

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