Kunst ohne "ästhetische Masturbation": Oliviero Toscani im Interview

22. Oktober 2007, 16:48
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Vom Traum des täglichen Druckwerks, warum sich Technologie und Kreativität widersprechen und worum es in seiner neuesten Kampagne wirklich geht

Privat negiert Toscani Fernsehen und Kino und liest bevorzugt Zeitungen ohne Bilder am Titel. Der Starfotograf sprach mit Anne Katrin Feßler.


Standard: "Technologie" und "Kreativität" widersprechen einander, sagten Sie jüngst bei einem Gespräch im "net.culture.space" im MQ. Kreativität entspränge dem Zustand "totaler Unsicherheit". Inwiefern?

Toscani: Technologie hat überhaupt nichts mit Kreativität zu tun. Das ist ein großes Missverständnis. Der Computer ist ein sicheres Werkzeug, er produziert eine Sicherheit der Mittelmäßigkeit. Man tut etwas, was bereits getan wurde. Du kannst aber nicht gleichzeitig sicher und kreativ sein. So funktioniert es nicht.

Standard: Andere kritisieren, zeitgenössische Kunst sei in gesellschaftspolitischen Fragen generell zu wenig kreativ, sei zu dokumentarisch ...

Toscani: Ich glaube, alles hat dokumentarisch zu sein. Picassos Guernica zum Beispiel zeigt 9/11 – nur sechzig Jahre zuvor. Das gleiche Thema. Beides vermittelt das gleiche Gefühl, denn Kunst hat nichts mit Geschmack – mit dem Geschmack der Gesellschaft – zu tun. Genau genommen ist es manchmal gegen den Geschmack, ist gegen Trends und Moden. Manchmal ist es total unmoralisch, so wie 9/11.

Standard: Wenn nicht mit Moral, mit welchem Begriff verknüpft sich für Sie Kunst?

Toscani: Mit dem menschlichen Wesen, und das hat nichts mit Moral zu tun: Wir können armselig, gewalttätig, grausam sein. Schauen wir die Geschichte an. Wir könnten beschämt sein, der menschlichen Art anzugehören. Jede große Kunst ist Ausdruck des menschlichen Wesens.

Standard: Und wie beschreiben Sie in diesem Zusammenhang Ihre Arbeit – etwa die Kampagne gegen Magersucht?

Toscani: Es ist keine Kampagne gegen Magersucht. Es ist ein Porträt der Gesellschaft. Mich kümmert das Thema, weil wir eine anorektische Gesellschaft sind und die magersüchtigen Frauen sind das erste leibhaftige Opfer davon. Wir sind alle anorektisch, alle von falschen Selbstbildern bestimmt, süchtig nach gutem Aussehen, Erfolg, Reichtum. Wir werden alle daran sterben, weil wir den Medien folgen, weil wir Konsens wollen. Und wenn man etwas zeigt, das mit dem Geschmack der Gesellschaft nicht konform geht, verstößt man gegen die Regeln.

Standard: Ihre Arbeit ist nicht moralisierend, nicht konform. Weil sie Kunst ist?

Toscani: Ich bin nicht derjenige, der darüber zu urteilen hat. Ich bin ein Mensch des Imaginären, stelle mir Bilder vor. Ich konstruiere meine Bilder wie ein Filmemacher, aber das Ergebnis läuft nicht 90 Minuten. Man braucht nur ein Bild.

Standard: Vieles von dem, was heute "künstlerisch" genannt wird, sagten Sie, sei nicht rebellierend. Sind sie ein Rebell?

Toscani: Das meiste von dem, was heute in den Galerien gezeigt wird, ist Schwachsinn. Es existiert nur für die Behaglichkeiten einer pseudo-intellektuellen Gesellschaft. Es ist wie eine große gesellschaftliche, ästhetische Masturbation, um die Wohnzimmer einiger reicher Leute auszustatten oder in diese Art von Markt zu finden. Das ist schon okay, aber sie sollen mir nicht erzählen, dass das Kunst ist.

Standard: Was ist dann Kunst?

Toscani: Eine Zeitung ist Kunst. Und mich persönlich hat die FAZ fasziniert, weil die bisher ohne Bild auf der Titelseite auskam. Eine ganze Seite nur Schrift in einer Welt von Bildern und Medien. Man musste sehr couragiert sein, ein solches Zeitungsprojekt zu machen. Das erfüllt mich mit Leidenschaft.

Standard: Sie fasziniert das Imaginäre am Bilderlosen?

Toscani: Ja, wenn ich das lese, kann ich mir alles vorstellen. Mein Traum wäre es, eine Tageszeitung zu machen. Aber leider kostet das zu viel Geld.

Standard: Auch Kunst kostet viel Geld. Viele glauben, die "Creative Industries" wären die perfekte Antwort auf die Löcher in den Subventionstöpfen.

Toscani: Schwachsinn. "Creative Industries" sind nur daran interessiert, Geld zu machen. Aber es ist schon okay. Firmen müssen Profit machen.

Standard: Hatten Sie selbst nie Aufträge zu erfüllen, die Ihre Kreativität beschnitten?

Toscani: Ja. Wenn ich herausfand, dass ich meine Kreativität nicht ausleben konnte, habe ich es gelassen. Ich kann so nicht arbeiten. Jedes Problem kann mit Kreativität besser gelöst werden. Man muss dafür kämpfen.

Standard: Zurück zu Ihrer Kampagne: Warum ist man geschockt, wenn man die Realität auf einem Plakat sieht?

Toscani: Die beste Arbeit, die ich je gemacht habe! Sie schockiert, weil sie nicht dem konventionellen Geschmack entspricht. Die Gesellschaft hat einen schlechten Geschmack. Das Plakat entspricht dem Geschmack der Gesellschaft für Bilder von Plakatwänden, und die Leute beschweren sich, weil sie erkennen müssen, dass sie selbst so sind. Ich hab damit ein Selbstporträt gemacht – von jedem. Das ist das, was ich erreichen will.

Standard: Die Medien benutzen und damit auch zerstören?

Toscani: Du kannst Fernsehen mit Fernsehen zerstören. Ich zerstöre aber nicht, sondern gehe weiter. Ich versuche das richtige Bild für die richtige Zeit zu finden. Und die richtigen Bilder sind jene, die am meisten stören. So war es immer. Denken Sie an 9/11: Ist es per se abstoßend oder ist es eher abstoßend zu sagen, es sieht gut aus. Na? – Natürlich ist es hässlicher zu sagen, dass es schön aussieht. Bin Laden hat das richtige Bild im richtigen Moment gemacht. Das ist tragisch, aber kein Künstler – abgesehen von Picasso – hat das bisher geschafft. Die Bilder von 9/11 waren für mich Guernica im Fernsehen. Und waren die Leute erfreut, als Picasso "Guernica" gemalt hat? – Der schlimmste Zustand eines Menschen, den man sich vorstellen kann, ist die Mutter mit ihrem toten Kind: die Pietà. Die geht nicht einher mit Moral und gutem Geschmack, sondern mit etwas viel Größerem. Das ist Kunst. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.10.2007)

Zur Person:
Oliviero Toscani, 1942 in Mailand als Sohn eines Fotoreporters geboren, arbeitete zunächst als Modefotograf (Elle, Vogue). International bekannt wurde er für seine kontroversiell diskutierten Benetton-Kampagnen (1982–2000). Heute zeigen namhafte Museen seine vielfach ausgezeichneten Aufnahmen.
  • Toscani verstand stets zu provozieren: mit Bildern von HIV-Infizierten oder kopulierenden Pferden.
    foto: standard /newald

    Toscani verstand stets zu provozieren: mit Bildern von HIV-Infizierten oder kopulierenden Pferden.

  • Aktueller Aufreger von Toscani ist das Foto eines 31 Kilo leichten, schwer magersüchtigen Models. Der Fotograf wollte damit ein Porträt von jedem von uns machen: "Wir sind alle anorektisch, alle von falschen Selbstbildern bestimmt."
    foto: toscani

    Aktueller Aufreger von Toscani ist das Foto eines 31 Kilo leichten, schwer magersüchtigen Models. Der Fotograf wollte damit ein Porträt von jedem von uns machen: "Wir sind alle anorektisch, alle von falschen Selbstbildern bestimmt."

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