"Bild und Realität klaffen auseinander"

20. Oktober 2007, 20:26
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Wie Studenten US-Unternehmen als potenzielle Arbeitgeber bewerten, belegten die Ergebnisse der Online-Erhebung der US-Handelskammer (AmCham). Im aktuellen Karrierenforum wurde über mögliche Handlungsstränge beider Seiten diskutiert

Nach der endgültigen Auswertung der 2400 Fragebögen, die im Rahmen der Imagebefragung amerikanischer Unternehmen unter österreichischen Studenten an den Initiator, die US-Handelskammer in Wien, zurückgegangen waren, kam es nun zur Diskussion über die - doch in einigen Punkten - überraschenden Ergebnissen.

Die fünf Diskussionsteilnehmer - Helmut Meier, Senior Vice President des Strategieberaters Booz Allen Hamilton in Wien (BAH), Helmut Eichert, Managing Director Oracle, Marion Maurer, Director Human Resources & Quality bei Xerox, Christian Wallpach, Geschäftsführer von Trialox und Linda Inci, Informatikerin bei Oracle - waren sich in den großen Themenbereichen, die aus der Studienauswertung besonders hervor stachen und von Helmut Eichert zusammengefasst wurden, einig:

  • Die Studenten seien über die US-Unternehmen - immerhin 350 US-Niederlassungen gebe es in Österreich - noch zu wenig informiert.
  • Die Jobvorstellungen der befragten Studenten passen nicht oder wenig zum dem, was US-Unternehmen anbieten, aber auch fordern.
  • Das Bild der Studierenden von den US-Unternehmen sei vor allem eines von enormer Leistungsorientiertheit - dies auch oder vor allem im Vergleich zu etwa österreichischen Firmen.

Letzter Punkt lasse, zumindest was die Auswertung der Umfrage betrifft, die Vermutung zu, dass seitens der Studenten eine mehr zurückhaltende Haltung gegenüber Leistung und Leistungserbringung in Unternehmen vorherrsche. "Das kann man schon so sagen", sagt Eichert. Dabei müsse man allerdings unterscheiden: zwischen der Realität und dem Bild, das Studierende in ihren Köpfen tragen, so Helmut Meier weiter. Denn: Die Leistungsanforderungen in einem US- und in einem österreichischen Unternehmen seien durchaus vergleichbar, so Meier. Er sehe, bezogen auf die Studenten, eine Holschuld, sich mehr und eingehender über die Unternehmen zu informieren. Andererseits aber auch eine Bringschuld seitens der Unternehmen, sich nach außen hin klarer darzustellen. "Beim Kampf um die Talente suchen alle Unternehmen die besten Kandidaten - hier sind die Unternehmen deutlich gefordert, mehr zu tun", sagt er.

Bessere Informationen

Es liege aber auch im Aufgabenbereich von etwa Karrierecentern an den Universitäten, ergänzt Christian Wallpach, die Studenten mit besseren Informationen zu den Unternehmen zu versorgen. "Man konnte bei den Ergebnissen zwar erkennen, dass die Studierenden breite Kanäle zur Verbesserung ihres Informationsstandes nutzen, diese aber auch rein qualitativ dadurch abflachen", so Wallpach weiter. Es liege aber auch in der Verantwortung der Unternehmen, sich mehr im Bereich der Praktika zu engagieren, so Helmut Eichert. "Man sollte die Studenten besser animieren und motivieren, im Rahmen eines Praktikums Unternehmen auch genauer kennen zu lernen", schließt sich Wallpach an.

Dies sei durchaus auch als Appell an die Ausbildungsstätten zu interpretieren, sagt Marion Maurer, die jene zur Zeit angebotene Lehre - in manchen Institutionen - als "eher weltfremd" bezeichnet. Aufklärungsarbeit zu potenziellen und guten Einstiegsjobs - wie etwa im Vertrieb - sei immanent, so Maurer weiter. Bei Oracle, schließt sich Helmut Eichert an, beginne jeder Karriereweg im Vertrieb. Wenn man aber die Ergebnisse der Studie ins Auge fasse, sei zu erkennen, wie die Studentenwünsche und die Angebote der Unternehmen auseinander klaffen. Dies liege wohl an der Schieflage des Vertriebsimages - weitestgehend als "Klinkenputzen" in den Köpfen verankert. Dieses Bild sei längst veraltet.

Was dem Vertrieb zu Grunde liege und manch einem schwer falle, sei nämlich die Messbarkeit von Erfolg und Misserfolg, sagt Meier. Die Qualität des Dranbleibens ließe sich auch an der Verarbeitung vor allem von Misserfolgen ableiten. Aber im Vertrieb Erfolg zu haben, sei "toll", sagt er und erinnert sich an seine eigene Studentenzeit, als er als Zubrot T-Shirts am Campus verkauft habe. "In diesen Erfolgserlebnissen liegt Suchtpotenzial", schließt sich Maurer an, die selbst im Vertrieb gearbeitet hat.

Die Praxis solle während der Ausbildung jedenfalls keine Nebenrolle mehr einnehmen, schließt sich Wallpach an. Und was den Vertrieb betreffe, so sei auffällig, dass es an den Universitäten keine ausschließlich auf Vertrieb fokussierte Ausbildung gebe - auch erfahre man wenig über die Praxis, so Wallpach weiter.

"Praxis-Gefälle" 

Eine Aussage, der sich Linda Inci anschießt, wobei das "Praxis-Gefälle" zwischen TU und WU schon zu bedenken sei. Inci, die selbst zu den Befragten Studenten gehörte, wollte immer schon in einem US-Unternehmen arbeiten und wurde von Oracle, ihrem heutigen Arbeitgeber, wegen eines Praktikums kontaktiert. Dieses freie wurde alsbald in ein fixes Dienstverhältnis umgeformt.

Die von den Befragten kommunizierte Kategorisierung der US-Firmen in "Hire & fire" drücke wiederum den enormen Informationsbedarf aus, waren sich alle eins. "Eine Assoziation, die sich festgesetzt hat", sagt Wallpach. Und ein Ergebnis, das zeige, dass der Leistungsanspruch auch österreichischer Unternehmen besser kommuniziert werden müsse, weil er nämlich in ebensolcher Form vorhanden sei, sagt er. Es werde, schließt sich Helmut Meier an, bei allen Unternehmen kein "Kuschelkurs" gefahren. Eichert ortet den Ursprung dieser Assoziation auch darin, dass US-Firmen schneller bereit seien, etwas Neues auszuprobieren - "wenn es funktioniert ist es gut, wenn nicht, wird es auch schnell fallen gelassen", sagt er. Man müsse in jedem Fall stärker kommunizieren, dass man für Leistung auch belohnt werde - Leistung müsse in Verhältnis zu Verantwortung gestellt werden, das sei in der zentraleuropäischen Gesellschaft noch nicht verankert genug, sagt Meier. Es bestehe nämlich in Wahrheit keine andere Chance als sich durch Leistung in den Vordergrund zu stellen, so Meier weiter.

Bei den Job-Auswahlkriterien war zu bemerken, dass viele der Befragten nicht messbare Faktoren zu den wichtigsten zählten: Von der viel zitierten Work-Life-Balance bis hin zu Corporate Social Responsibilty - also Assoziationen, die meist in den Bereich der Unternehmenskultur fallen. Selbstbestimmung und oben genannte Faktoren, so Helmut Meier, seien nicht zu verkennende Bestandteile, auch der Bereich der Diversity - etwa im Angebot flexibler Arbeitszeiten. "Wenn man das als Unternehmen nicht anbietet, sind die Leistungsträger schnell weg", sagt er. Die Mitglieder starten jetzt eine "kommunikative Großoffensive". (Heidi Aichinger, Der Standard, Printausgabe 7./8.10.2006)

  • Es diskutierten (von li.):
Linda Inci,Informatikerin,Oracle; Helmut Eichert, Managing Director Oracle; Helmut Meier, General Manager Booz Allen Hamilton Präsident der US-Handelskammer
(AmCham); Marion Maurer, Director Human Resources & Quality Xerox; Christian
Wallpach, Geschäftsführer Trialox
    foto: matthias cremer

    Es diskutierten (von li.):
    Linda Inci,Informatikerin,Oracle; Helmut Eichert, Managing Director Oracle; Helmut Meier, General Manager Booz Allen Hamilton Präsident der US-Handelskammer (AmCham); Marion Maurer, Director Human Resources & Quality Xerox; Christian Wallpach, Geschäftsführer Trialox

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