Leben mit Autismus

18. Oktober 2007, 16:49
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Der richtige Umgang mit autistischen Menschen hat einen entscheidenden Einfluss auf ihre Lebensqualität - Der Trend für ihr Leben lautet jedenfalls Besserung

"Man kann niemandem ein neues Gehirn verpassen", spricht die international anerkannte New Yorker Wissenschafterin Isabelle Rapin beim zweiten Autismus-Forum in Wien wahre Worte. Aussicht auf Heilung gibt es beim Autismus nämlich keine.

Ihre gute Botschaft aber lautet: Es gebe kein Kind, für das man nicht etwas verbessern kann. Auch wenn es schwer autistisch ist, könne man immer etwas tun. Wo Prävention nicht möglich ist, ist Intervention also umso wichtiger.

Medikamente

Gegen Autismus selbst gibt es keine Medikamente, denn Autismus ist keine medizinische Diagnose, sondern eine verhaltensdefinierte Störung. Medikamente können zwar unterstützend bei den zu behandelnden Symptomen wirken, bleiben aber letztendlich immer nur eine zusätzliche Hilfe. Häufige Beispiele für diese Symptome sind Depressionen, selbst verletzendes oder aggressives Verhalten oder Schlafstörungen.

Erziehung als Behandlungsweg

Wissenschaftlich anerkannte Methoden zur Behandlung von autistischen Störungen sind die heilpädagogische Förderung, die Förderung einzelner Funktionen (z.B. Ergotherapie) und die Verhaltenstherapie.

"Die hauptsächliche Behandlung geschieht heute aber durch die Umwelt, die Eltern und Lehrer", betont US-Wissenschafterin Rapin. "Sie haben die Kraft Hirnfunktionen bei den autistischen Kindern zu verändern, vorausgesetzt sie machen es richtig." Ist das Gehirn erst voll entwickelt, werden Veränderungen immer schwieriger. Eine passende Behandlung so früh wie möglich ist daher das Um und Auf und dabei spielt die Erziehung eine große Rolle.

Verhalten beibringen

Der erste Schritt dabei: das Kind unter elterliche Kontrolle bringen, denn nur so ist ein Zusammenleben im Alltag möglich. "Don´t let your child lead you on the nose", so die Wissenschafterin wörtlich. Ein autistisches Kind macht zwar vieles nicht absichtlich, lotet aber trotzdem auch die Schwächen der Bezugspersonen aus.

Soziale Interaktion

Autistische Menschen haben das soziale Problem, dass sie einfach nicht von selbst wissen, wie sie sich in Situationen verhalten sollen, die für andere alltäglich und problemlos bewältigbar sind. Auch die so genannten High-functioning Autisten können in alltäglichen Situationen völlig unpassend reagieren - den Arzt zum Beispiel völlig übertrieben begrüßen, weil sie das vielleicht einmal im Fernsehen gesehen haben.

Positives verstärken und "verführen"

Wichtig ist daher, dass den Kindern langsam und geduldig das Verhalten in wirklichen Lebenssituationen beigebracht wird und das ohne Drill und Gewalt. Der Umgang mit Autisten habe immer auch mit Verführen zu tun, damit dass sie bereit sind etwas Neues anzunehmen, so Therese Zöttl, pädagogische Leiterin von Rainman´s Home. "Wesentlich ist dabei, dass das positive Erleben in Situationen verstärkt wird", die Motivation dazu könne zum Beispiel durch Nutzung von speziellen Interessen kommen, an den Schwächen könne auch nebenbei gearbeitet werden.

In der Praxis

Erfolgreiche Arbeit mit Autisten setze vor allem das Erkennen von Strukturen voraus, so Zöttl, die auch an einem Sonderpädagogischen Zentrum in Wien arbeitet. Man müsse sich bewusst werden, dass Autisten mit für uns einfachen Forderungen überfordert sind, weil sie mitunter die einzelnen Schritte nicht beherrschen.

Hilfreich: Die Schaffung von Sicherheit durch zuverlässige und vorhersehbare Ereignisse, Anfang und Ende einer Handlung ankündigen (z.B. "Wir beginnen mit fünf Rechnungen") und zum Beispiel dem Kind nicht gleich einen ganzen Stoß Zeichenblätter hinlegen, weil es sein kann, dass es so lange nicht aufhört zu zeichnen bis der Stoß aufgebraucht ist.

Zeit

Und noch etwas ist besonders wichtig im Umgang mit Autisten: die Zeit. "Was normalerweise in kurzer Zeit im Gehirn abläuft, dauert bei Autisten minutenlang", erklärt Anton Diestelberger, Obmann von Rainman´s Home, den Grund. Das sollte man immer bedenken, wenn man eine Botschaft ausspricht.

Kommunikation und Rigidität

Kommunikationsdefizite können am besten mit visueller Sprache verbessert werden: "Über Spaghetti sollte man zum Beispiel dann reden, wenn sie vor dem Kind stehen", so Rapin. "Wenn autistische Kinder nicht reden, muss es nicht sein, dass sie es nicht können", wenn sie sehen, worüber gesprochen wird, tun sie sich leichter. "Autisten denken anscheinend in Bildern, brauchen die Sprache daher nicht so wie wir, darauf gibt es Hinweise aus der Hirnforschung", erklärt Zöttl einen möglichen Grund.

Autistische Kinder neigen auch zu starren Verhaltensmustern, sind häufig unfähig ihr Verhalten anzupassen (Rigidität). Hier kann es helfen ihnen aufzuzeichnen oder aufzuschreiben, was gleich passieren wird oder das Geschehen anzukündigen: "In fünf Minuten gehen wir baden".

Stereotypen

Unangenehm gegenüber Außenstehenden, vor allem für Angehörige, können stereotype Verhaltensweisen der Autisten, wie zum Beispiel wiederholtes Klopfen auf den immer gleichen Gegenstand, sein. Eltern wollen dem Kind oft antrainieren das nicht zu tun, es sei aber eine Bewegungsstörung, für die das Kind nichts kann. Stereotypen Verhaltensweisen sollte man aber, soweit möglich, nicht zu große Aufmerksamkeit widmen, rät Rapin. Wichtiger sei es wieder am richtigen Verhalten zu arbeiten.

Prognose

Autismus ist eine Störung, die das ganze Leben begleitet, aber der normale Trend lautet Verbesserung. "Wir haben es schließlich mit keinem Gehirntumor zu tun", betont Rapin. Zeit ist somit wohl der wichtigste Faktor bei der Therapie.

Auch Therese Zöttl schließt sich dem an: "Eines muss man wissen, autistische Menschen haben alle Zeit der Welt, nur wir haben keine". (Marietta Türk, derStandard.at, 17.10.2007)

  • Autistische Menschen müssen gefördert werden
    foto: verein rainman´s home

    Autistische Menschen müssen gefördert werden

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