Nicht die Menge zählt -
Auf das "Was" kommt es an

16. Oktober 2007, 14:42
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Mangelernährte Kinder können wenig mit der Lebens­mittel­hilfe anfangen -"Ärzte ohne Grenzen" fordert zum Welternährungstag therapeutische Nahrung für die Kleinsten

"Es geht nicht nur darum, wie viel Essen ein Kind bekommt. Was wirklich zählt, ist, was in diesem Essen enthalten ist", sagt Christophe Fournier, Internationaler Präsident von Ärzte ohne Grenzen anlässlich des heutigen Welternährungstages. Denn Hilfe könne sich nicht nur darauf konzentrieren, den Hunger zu stillen, sondern müsse vor allem die Folgen von Mangelernährung behandeln.

Größtes Risiko

Kinder unter fünf Jahren tragen das größte Risiko an Mangelernährung zu sterben. "Ohne die richtigen Mengen an Vitaminen und Nährstoffen sind sie anfälliger für Krankheiten. Aufrufe zu mehr Nahrungsmittelhilfe vernachlässigen diesen Aspekt", so Fournier weiter.

Schwere akute Mangelernährung

Schwere, akute Mangelernährung in der frühen Kindheit ist weit verbreitet. Die sogenannten "Unterernährungs-Brennpunkte" liegen am Horn von Afrika, in der Sahel-Zone und in Südasien. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass derzeit mehr als 20 Millionen kleine Kinder an schwerer, akuter Mangelernährung leiden. Fünf Millionen sterben jährlich an den Folgen. Nur drei Prozent der Kinder erhalten, nach Schätzungen von Ärzte ohne Grenzen, die dringend nötige therapeutische Fertignahrung.

Therapeutische Fertignahrung

Milchpulver, Zucker und pflanzliche Fette sind die Bestandteile der therapeutischen Fertignahrung (ready-to-use food/RUF). Diese wird in kleinen Rationen verpackt und enthält alle notwendigen Nährstoffe, Vitamine und Mineralien.

Wird ein mangelernährtes Kind damit ernährt, kann es sich erholen und altersgerechte Wachstumsschübe nachholen. Die Nahrung muss nicht von medizinischem Personal verabreicht werden, sondern kann von den Müttern selbst gefüttert werden.

Behandlung mit RUF

Ärzte ohne Grenzen nutzt die therapeutische Fertignahrung seit die ersten Produkte dieser Art in den späten 90er Jahren auf den Markt kamen. Im Jahr 2006 hat die Organisation mehr als 150.000 Kinder mit akuter Mangelernährung in 22 Ländern behandelt.

Die Leitlinien der WHO, des Welternährungsprogramms (WFP) und des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF) greifen allerdings leider zu kurz. Therapeutische Fertignahrung ist demnach nur für schwer mangelernährte Kinder vorgesehen. Deshalb betreibt Ärzte ohne Grenzen ein Pilotprogramm in Niger.

Vorbeugende Anwendung

Erste Ergebnisse dieses Projekts für 62.000 Kinder zeigen, dass der Einsatz von therapeutischer Fertignahrung viel effektiver ist, als den Müttern angereichertes Mehl und Speiseöl zur Verfügung zu stellen.

"Anstatt darauf zu warten, dass die Kinder schwer erkranken, haben wir uns entschieden, frühzeitig zu handeln", sagt Susan Shepherd, medizinische Koordinatorin in Maradi (Niger). "In unserem Pilotprogramm erhalten Kinder unter drei Jahren therapeutische Fertignahrung, wenn sie in Dörfern leben, die von Nahrungsmittelknappheit betroffen sind. Dadurch erhalten sie alle Nährstoffe, die in ihrem normalen Ernährungsplan fehlen."

750 Millionen Euro fehlen

Ärzte ohne Grenzen ruft Geldgeber und die Vereinten Nationen dazu auf, sich schneller für die Einführung dieser Nahrung einzusetzen und ihren Gebrauch auszuweiten. Es müssen Gelder in Höhe von 750 Millionen Euro aufgebracht werden, um die am meisten betroffenen Kinder zu erreichen. Um unterernährte Kinder zu heilen, müssen die Strategien für Nahrungsmittelhilfe überarbeitet und neu entwickelte Produkte einbezogen werden. (nia, derStandard.at )

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    foto: ärzte ohne grenzen/anne yzebe
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  • Dossier zur Behandlung von Mangelernährung

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