Powerpoint-Karaoke greift um sich

16. Oktober 2007, 19:17
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"Einer labert, alles lacht" - Eine neue Form der Unterhaltung führt Powerpoint- Präsentationen ad absurdum

Eine neue Form der Unterhaltung führt Powerpoint-Präsentationen ad absurdum: Beim Powerpoint-Karaoke halten Freiwillige Vorträge auf der Grundlage ihnen zuvor nicht bekannter Präsentationsfolien.

Eine Google-Suche mit einem Stichwort und dem Dateiformat ".ppt"

Weltweit werden täglich mehr als 30 Millionen Präsentationen mit der Powerpoint-Software illustriert - so lautet zumindest eine Schätzung von Experten. Trotz der bewegten Bilder an der Wand können solche Vorträge manchmal recht ermüdend sein. Und das war wahrscheinlich Auslöser für die Idee zum Powerpoint-Karaoke. Dazu braucht man nur einen Computer mit Internet-Anschluss und Präsentationen. Die sind im Internet leicht zu bekommen. Eine Google-Suche mit einem Stichwort und dem Dateiformat ".ppt" liefert Präsentationen für jeden Geschmack.

"Recyclingpapier im Büro: Kriterien für die Papierauswahl"

Gibt man etwa den Suchbegriff "Vision" ein, liefert die Suchmaschine über 2,4 Millionen Ergebnisse. Dabei stößt man auf Vorträge mit so anregenden Titeln wie "Aggregatzustände von Anforderungen erkennen und nutzen", "Recyclingpapier im Büro: Kriterien für die Papierauswahl" oder "Strategische Steuerung gemeinnütziger Konzernorganisationen". Jetzt kann es losgehen. Die Karaoke-Redner lassen sich einfach von den Folien anregen und stellen sich der Aufgabe, mit einem möglichst interessanten Vortrag ihr Publikum zu begeistern - auch wenn sie überhaupt keine Ahnung vom Thema haben. Besonders groß ist natürlich die Freude, wenn die Folien vor einem größeren Publikum an die Wand geworfen werden.

Die Flut von Präsentationen hat ihre Gründe. "Es ist inzwischen schwer, ohne Powerpoint aufzutreten", sagt der Berliner Soziologe Frederik Pötzsch. Er hat mit Kollegen drei Jahre lang über Powerpoint geforscht. Mehr als 800 Präsentationen haben die Wissenschaftler untersucht und ausgewertet - auch beim Powerpoint-Karaoke.

"Wenn der Vortrag ganz schlecht ist, kann man sich immerhin darauf freuen, dass ein schönes Bild kommt."

Das Präsentations-Programm trägt einem Trend zur Visualisierung der Kommunikation Rechnung: "Wir möchten sehen, worüber wir sprechen", sagt Pötzsch. Interessant sei das Programm deshalb vor allem bei Themen, bei denen es viel zu sehen gebe - unabhängig von der Qualität der Präsentation: "Wenn der Vortrag ganz schlecht ist, kann man sich immerhin darauf freuen, dass ein schönes Bild kommt." Oder darüber, dass jemand beim PowerPoint-Karaoke die Schwächen von Präsentationen in humoristische Höhepunkte verwandelt.

"Bei Recherchen im Internet sind wir immer wieder über Präsentationen gestolpert."

Die Zentrale Intelligenz Agentur (ZIA) in Berlin, ein Netzwerk aus Künstlern, Wissenschaftlern und Journalisten, hat PowerPoint-Karaoke gar zum Wettbewerb gemacht. In der Agentur entstand auch zuerst die Idee zum Karaoke der anderen Art, sagt Holm Friebe von der ZIA: "Bei Recherchen im Internet sind wir immer wieder über Präsentationen gestolpert." Man habe sich einfach gefragt, was passiere, "wenn man die Präsentationen in einen anderen Kontext wie einen Club oder eine Kneipe setzt und Leute sie halten lässt, die keine Ahnung davon haben".

Die Antwort: Eine ganze Menge. Die Kandidaten kennen nur den Titel der Präsentation, die Anzahl der Folien, eine vorher festgelegte Schwierigkeitsstufe von 1 bis 10 und eine Kurzbeschreibung in einem Satz. Dort heißt es beispielsweise «Unterirdisch nichts sagende Angeberpräsentation direkt aus der Bullshithölle» oder «Kurzes und konsternierendes Kurzreferat».

Den Besten kauft man alles ab

"Sehr dankbar sind Präsentationen, bei denen jedes Bild schon ein Lacher ist", sagt Friebe. Schwieriger seien dagegen text- und formellastige Folien. Manche Teilnehmer präsentierten so überzeugend, dass man ihnen das Gesagte abkaufe, hat Friebe beobachtet: "Es ist erstaunlich, wie weit die Kulturtechnik des Bluffens in die Gesellschaft eingesickert ist."

Eine Jury bewertet die Darbietungen nach Schwierigkeitsgrad, Körpersprache und Überzeugungskraft. "Legendär war die Präsentation zu Pellet-Heizungen", sagt Friebe. Ebenfalls Klassiker: die China-Kontakte der IHK Bochum oder das Ökosystem Pansen. Wer sich mit solchen Themen freiwillig auseinandersetzt, muss belohnt werden: Als Preise für die besten Karaoke-Darbietungen gibt es Bücher, Theater-Abos und Gratis-Wodka für den Abend.

"Einer labert, alles lacht!"

Inzwischen hat sich der Karaoke-Wettbewerb der anderen Art etabliert und findet in unregelmäßigen Abständen statt. Außer in Berlin war die Veranstaltung schon in Hamburg, Bremen und Zürich zu Gast. Und inzwischen gibt es auch schon zahlreiche Nachahmer. So hat jetzt auch die Münchener PR-Agentur Maisberger Whiteoaks für November zum Powerpoint-Karaoke eingeladen. Das Motto lautet: "Einer labert, alles lacht!" (APA/AP)

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