Mit "kinderfreien Zonen" zu werben ist gefährlich - Karin Bauer
Die einfache Frage zuerst: Wo stören Kinder eigentlich nicht? Sie stören im Wirtshaus, im Flugzeug. Sie sind zu laut und zu lästig beim Shoppen, beim Chillen, beim Socializen. Sie stören sogar, wenn sie noch gar nicht da sind, etwa beim Bewerbungsgespräch einer jungen Frau mit einem Personalchef, der fürchtet, die könnte ja noch schwanger werden. Dass Kinder die lineare Karriereentwicklung stören und das exponentielle Gehaltswachstum auch, wird regelmäßig mittels Daten und Fakten nachgewiesen.
Ob (kleine) Kinder regelmäßig in ein (verrauchtes) Wirtshaus gehören, ist diskussionswürdig, zwischen den beiden Eltern oder sogar mit den Eltern zu besprechen. Kinderverbote sind aber nicht nur unerträglich, sondern auch gefährlich. Dahinter verbirgt sich die Denke von Hilfssheriffs, die jeder Gesellschaftsgruppe sagen, wohin sie gehört, also: Kinder nach Hause zu ihren Mamis, die, wenn sie Bedarf an sozialem Austausch haben, gefälligst auf dem Spielplatz ihre Äpfelchen schälen sollen. Wo gehören denn dann die Alten hin? Nicht jeder will Falten sehen, ewige Jugend liegt im Trend – vielleicht finden sich noch ein paar Unternehmer aus der Liga Speis & Trank, die Altenverbote verhängen? Das, was die Kinder quirlig sind, sind die Alten langsam. Das will sicher nicht jeder Wirt, dass seine Speisenkarten ewig goutiert werden und dann vielleicht noch die Schrift zu klein ist.
Es ist nicht nur degoutant, mit "kinderfreien Zonen" zu werben, sondern es ist gefährlich, weil es einer Segmentierung der Gesellschaft nach dem Motto "Jeder andere stört" Vorschub leistet. Wenn solche Werbung ankommt, dann haben wir wirklich ein Problem. Wenn wir Kinder nicht als Normalität annehmen können, wie gehen wir dann mit uns selbst um?
(Karin Bauer/DER STANDARD, Printausgabe, 16.10.2007)