Malerei für Generationen von Malern

22. Oktober 2007, 16:48
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Das KHM zeigt eine fulminante Ausstellung zum Spätwerk Tizians: Die bis heute diskutierte Eigenart der Malweise und die stark sinnliche Komponente stehen im Mittelpunkt

Wien – Nach Bellini, Giorgione, Tizian und die Renaissance der venezianischen Malerei im Vorjahr zeigt das Wiener Kunsthistorische Museum nun Tizian solo: erneut eine herausragende Schau auf einer soliden kunsthistorischen Basis jenseits der derzeit so beliebten Von-X-bis-Y-Anhäufungen von erwartbar Zugkräftigem. Noch dazu liegt der Fokus auf Tizians Spätwerk, das sich bis heute ob seiner Eigenart eher Spezialisten und Kennern erschließt, als es – wie Hochglänzendes und Geschlossenes – die Massen mobilisiert.

Und das bis heute Künstler fesselt und beschäftigt: Tizian bestellte ebenso den Nährboden für Kollegen wie Schiavone, Tintoretto oder Jacobo Bassano, wie er bis in die unmittelbare Gegenwart herauf Maler wie etwa Herbert Brandl oder Walter Vopava beschäftigt. Tizians letzte 25 Lebensjahre waren – durchaus von zeitgenössischer Häme begleitet – geprägt vom Versuch, der Malerei der Vorgänger, Michelangelo etwa oder Raphael, eine andere Malweise entgegenzusetzen, die Möglichkeiten des Malens selbst weiter auszureizen.

Tizian "öffnete" seinen Pinselstrich, ließ expressive Hiebe ebenso als konstituierendes Element stehen, wie fallweise zaudernde oder fahrige Wischer. Er einte immer wieder in einer Arbeit verschiedenste Umgangsformen mit dem Material Farbe.

Inmitten von "Fleckenmalerei" finden sich immer wieder auch illusionistische Partien, da stehen Skizzenhaftes und weiter Ausgeführtes gleichberechtigt nebeneinander. Tizians Formen lösen sich auf, seine Leinwände dieser Jahre wirken, trotz Vielfärbigkeit, immer wieder monochrom.

Variationsbreite

Diese Eigenart im Spätwerk hat immer wieder zu Vermutungen bzw. Unterstellungen Anlass gegeben, die Gemälde wären unvollendet oder gar von der zittrigen Hand eines Meisters weit im Jenseits des Höhepunktes seiner Fähigkeiten angelegt worden. Und auch die Rolle seiner Mitarbeiter wurde immer wieder neu (über)bewertet. Letztlich aber ist es die enorme Variationsbreite, sind es die verschiedensten Techniken in ein und derselben Arbeit, aus denen sich Dynamik und wohl auch Dramatik des Spätwerks ableiten. Die Ausstellung im Kunsthistorischen Museum versammelt etwa 60 Gemälde, darüber hinaus sind Grafiken aus dem Bestand der Albertina zu sehen, die verdeutlichen, welche Popularität sein Werk hatte, die aber auch zeigen, wie die "Reproduktion" annähernd alles Sublime aus den Arbeiten tilgt.

Eine der Schlüsselarbeiten aus dem Spätwerk: Die Schindung des Marsyas aus dem Erzbischöflichen Museum Olomouc. Das Thema des hochdramatischen Bildes stammt aus den Metamorphosen des Ovid: Der Satyr Marsyas verliert einen Sängerwettstreit gegen Apollo und wird von eben diesem zur Strafe bei lebendigem Leib gehäutet. Apollo setzt das Messer an, ein Schoßhund leckt Marsyas Blut auf. Midas beobachtet die Szene als melancholischer Richter. In König Midas ist unschwer Tizian selbst zu erkennen – als nachdenklicher Künstler am Ende seines Lebens.

Ebenfalls den Metamorphosen entlehnt: die Danae aus dem Prado in Madrid. Annähernd parallel zur Schmerzensmystik und zu den Todesvisionen, wie sie im Marsyas umgesetzt werden, schafft Tizian ein ungemein sinnliches Spätwerk als Huldigung an den weiblichen Körper: Jupiter kommt als Goldregen vom Himmel. Die schöne Danae empfängt ihn mit weit geöffneten Schenkeln, während eine schmutzig-dunkle Dienerin versucht, mit ihrer Schürze eine Portion der göttlichen Spermien für sich abzubekommen. Die Schau bleibt bis 6. Jänner in Wien und geht dann weiter an die Gallerie dell’Accademia nach Venedig. (Markus Mittringer /DER STANDARD, Printausgabe, 16.10.2007)

  • Tizians malerisch eigenwilliger Kommentar auf eine der Gründungsgeschichten des alten Roms: "Tarquinus und Lucretia".
    foto: the fitzwilliam museum, university of cambridge

    Tizians malerisch eigenwilliger Kommentar auf eine der Gründungsgeschichten des alten Roms: "Tarquinus und Lucretia".

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