Lillys und Lieblichkeiten

15. Oktober 2007, 18:48
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Die "WerkstattNacht" des Wiener Burgtheaters im Kasino dient als Umschlagplatz für noch neue, unfertige Dramentexte

Der Jahrgang 2007 fühlt sich in der Alltagswelt überwiegend wohl.


Wien – Eine über die Jahre lieb gewordene Veranstaltung wie die WerkstattNacht des Burgtheaters im Kasino am Schwarzenbergplatz erinnert an die Freuden pränataler Diagnostik. Ausgebacken im geburtlichen Sinn werden Stücke: Mehr oder minder jugendliche Fütterungsagenten des immerzu gefräßigen Theaterbetriebes reisen mit halbfertigen Szenenfolgen nach Wien.

Dort wird dem Nachwuchs während zweier Wochen ordentlich Bescheid gestoßen. Man blickt den Nachfahren Brechts und Büchners sympathisierend über die Schulter. Man überprüft Fragmente hinsichtlich ihrer Bühnentauglichkeit. Man reklamiert Striche in knisterndes Skizzenpapier hinein, und man behängt dürre Dramenskelette mit viel szenischem Frischfleisch, das Tutoren, Regisseure und Schauspieler zubüßen dürfen.

Was die Burg von anderen zirka fünf Dutzend "Stückemärkten" im Sprachraum unterscheidet, ist die Geltung ihres monumentalen Anspruchs. Die halbszenische "Aufführung" von acht Gustierproben beschenkt die Texte mit halben Fertigkeiten – und allerlei Halbherzigkeiten. Noch bedenklicher indes erscheint der Konformitätsdruck: Dramaturgen erklären mit ihren guten Gründen, was als bühnentauglich zu gelten hat. Exzentrizitäten scheiden damit ebenso aus wie jener sehr gesunde Drang, den angeblichen "Notwendigkeiten" des Bühnenbetriebes den Krieg am Laptop zu erklären.

Der Jahrgang 2007, der unter Anleitung der Burgdramaturginnen Susanne Meister und Britta Kampert zu Werke ging, erfreut sich, um ein etwas antik anmutendes Wort zu gebrauchen, einer nahezu unverschämten "Daseinszuversicht". Es dominieren leichthändige Konversationsetüden. Innerfamiliäre Zerfallsprozesse werden in milder, ironischer Alltagssprachlichkeit aufs Korn genommen – und von einer Schar allzu unterschiedlich gestimmter Burg-Mimen am Tisch sitzend oder am Pult brütend zu Lachnummern hochdeklamiert.

Die Problemzonen

Die großen, dichtungserogenen Problemzonen muten mitunter wie vom PC heruntergeladen an: Rasch sind die Figuren der heute 25- bis 35-Jährigen mit der Klimakatastrophe oder mit dem Genmais bei der Hand, wenn es darum geht, unsere Wohlstandsgefährdungen ohne allzu große Dringlichkeit anzuprangern. Es wird auch viel (unglücklich) geliebt: Der zünftige Neo-Dramatiker startet seine Lauschangriffe vom Fußsockel des Couchtischs aus und arbeitet sich von dort zielstrebig in die Debattenkuhle des abbezahlten Eigenheims vor.

Was bleiben wird von dieser gleichwohl verdienstvollen halbszenischen Schnitzeljagd? Der Ravensburger Philipp Löhle (Lilly Link) besitzt eine derbe Lakonie – und verhandelt immerhin die Revolutionsunwilligkeit nachrückender Junger. Der bereits etablierte Löhle wird demnächst mit einer Uraufführung in Bochum geadelt.

Der Zürcher Andreas Liebmann hat mit Die Toten von Heilbronn eine tadellose Familienexplosion hinbekommen: Es ertönen allerliebst alberne Phrasen aus des deutschen Spießers Wunderhorn. Und auch die Bremerin Katharina Schmitt stellt sich erfolgversprechend den Zeitläuften: Ihr Pariser-Unruhen-Text Platz der Republik wechselt souverän Tonlagen und Register – und zwingt den Sozialhilfeempfänger mit dem Politiker auf dem Massagetisch in ein Dramengewebe zusammen. Es gibt sie also, die Talente. (Ronald Pohl /DER STANDARD, Printausgabe, 16.10.2007)

  • Politisches, vom noch nicht trockenen Blatt gelesen: Daniel Jesch (Vordergrund) deklamiert im Burg-Kasino aus Katharina Schmitts "Platz der Republik".
    foto: reinhard werner

    Politisches, vom noch nicht trockenen Blatt gelesen: Daniel Jesch (Vordergrund) deklamiert im Burg-Kasino aus Katharina Schmitts "Platz der Republik".

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