Interview: Kleine Drüse, große Probleme

15. Oktober 2007, 11:20
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Gabriela Kornek, Onkologin am Wiener AKH, spricht über Bauch­speichel­drüsenkrebs und die noch unbefriedigende Therapie (Langversion)

derStandard.at: Pankreaskarzinome werden spät diagnostiziert und haben eine ernüchternde Prognose. Daran haben auch die letzten Jahrzehnte medizinische Forschung und neue Medikamente nichts geändert. Gibt es trotzdem Hoffnung für die Patienten?

Kornek: Es stimmt, Bauchspeicheldrüsenkrebs ist besonders bösartig und schlecht behandelbar. Wenn eine Operation nicht mehr möglich ist, dann ist die Lebenserwartung kürzer als ein Jahr. Trotzdem gibt es Grund zu hoffen, denn wir stehen unmittelbar vor einem therapeutischen Durchbruch. Die Kombination aus neuen Chemotherapien und zielgerichteten Therapien wird hier entscheidende Verbesserungen bringen.

derStandard.at: Was können die neuen Medikamente?

Kornek: Relativ neu ist Capecitabine, ein Chemotherapeutikum, das in Form von Tabletten verabreicht wird. Das besondere an dieser Substanz ist, dass sie als inaktive Form eingenommen wird und erst im Tumor selbst zum aktiven Chemotherapeutikum wird. In Kombination mit der Standardtherapie Gemcitabine und den neuen zielgerichteten Therapien Erlotinib und Cetuximab wird sich die Prognose der Erkrankung hoffentlich verändern.

derStandard.at: Heilung versprechen diese medikamentösen Therapien aber nicht, oder?

Kornek: Nein, Heilung ist nur operativ möglich. Aber das Ziel ist den Patienten maßgeschneiderte Therapien anzubieten. Angenommen der Bauchspeicheldrüsenkrebs ist nicht mehr operabel, dann begnügen wir uns nicht mehr damit zu sagen: Das ist ein Karzinom. Heute versuchen die Pathologen nach der Gewebeentnahme die Tumormerkmale viel genauer zu bestimmen und für jeden Patienten ein individuelles Krankheitsprofil zu erstellen.

derStandard.at: Spielt Bestrahlung in der Therapie eine Rolle?

Kornek: Ja, allerdings wird sie in Europa aus meiner Sicht nach wie vor unterbewertet. Vor allem dann wenn eine Operation nicht mehr möglich ist, wäre eine Chemotherapie mit nachfolgender Strahlentherapie sehr sinnvoll.

derStandard.at: Was macht den Bauchspeicheldrüsenkrebs für sie zur Herausforderung?

Kornek: Unsere Grenzen sind klar. Einerseits hatten wir bis jetzt medikamentös nicht viel anzubieten und andererseits ist die Operation technisch sehr schwierig. Dazu kommt dass mit der Entfernung der Bauchspeicheldrüse eine wichtige Verdauungsdrüse verloren geht. Die Patienten sind nach der Operation häufig insulinpflichtige Diabetiker und müssen ein Leben lang Verdauungsenzyme einnehmen.

derStandard.at: Das heißt der Gewichtsverlust, der oft nach der Operation auftritt hängt mit dem Verlust der Verdauungsdrüse zusammen?

Kornek: Ja, denn der massive Gewichtsverlust kommt oft nur deshalb zustande, weil die Verdauungsenzyme unterdosiert geschluckt werden und daher die aufgenommene Nahrung völlig unverdaut wieder ausgeschieden wird. Es ist daher ganz wichtig, dass diese Patienten eine Diätberatung bekommen. (Regina Philipp,derStandard.at,15.10.2007)

  • Gabriela Kornek, Onkologin am Wiener AKH
    foto: kornek

    Gabriela Kornek, Onkologin am Wiener AKH

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