Ein Dorf mit Erinnerungskultur

14. Oktober 2007, 19:24
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Silbertal zeichnet Weg eines Einwohners zum KZ-Schergen nach

Während einige der größten Verbrecher der NS-Zeit immer noch auf der Flucht sind (siehe Artikel oben), zeigt ein kleines Dorf im Montafon vor, was es heißt, sich mit seiner Geschichte auseinanderzusetzen. Die Geschichtswerkstatt Silbertal versucht, die Motive des KZ-Aufsehers Josef Vallaster zu ergründen, seinen Weg vom Montafoner Bauernhof in die Tötungsanstalt Schloss Hartheim und die Vernichtungslager Belzec und Sobibór nachzuzeichnen.

Sieben Dorfbewohner arbeiten in der "Werkstatt" mit. Bürgermeister Willi Säly (ÖVP) will zeigen, "dass unsere Gemeinde Erinnerungskultur hat und sich auch unangenehmen Fragen der eigenen Geschichte stellen kann, ohne dabei Porzellan zu zerschlagen". Säly, der nicht nur als Bürgermeister in der Werkstatt mitarbeitet, sondern auch als einer "mit mehr oder weniger belasteten familiären Erinnerungen", sieht es als "wohl schwierigsten Teil der Arbeit" an, jene zu überzeugen, die meinen, man müsse "endlich einen Schlussstrich unter die NS-Geschichte ziehen".

Erster Zeitzeuge in der Geschichtswerkstatt war der Wiener Eucharistinerpater Leo Kuchar. Seine Einschätzung: "Diese Menschen haben ehrliches Interesse, die Vergangenheit restlos aufzuklären." Der 80-Jährige, selbst KZ-Überlebender, stieß bei den Recherchen über den Tod seiner jüdischen Mutter auf Vallasters Namen. "Jetzt hab ich diesen Namen auf dem Kriegerdenkmal wiedergefunden." Eines der Themen in der Geschichtswerkstatt ist, wie man künftig mit dem "Stein des Anstoßes" (Säly) umgehen wird.

Öffentliche Diskussion

Vergangenen Samstag stellte sich die Werkstatt erstmals einer öffentlichen Diskussion. Florian Schwanninger, Leiter der Dokumentationsstelle Schloss Hartheim, referierte über das NS-Euthanasieprogramm. Mindestens zehn Menschen aus dem Montafon wurden in Hartheim als "lebensunwert" ermordet. Josef Vallaster war dort als "Oberbrenner" mitverantwortlich für die Vergasungsmaschinerie.

Nächster Gast in der Geschichtswerkstatt wird Klaus Vallaster sein, der 1942 geborene Sohn des SS-Mannes. Der Berliner Pensionist wird für eine Woche nach Silbertal kommen und mit Leo Kuchar in Hartheim zusammentreffen. Kuchar: "Ich will ihn ermutigen, sich weiter mit seinem Schicksal als Sohn eines Täters auseinanderzusetzen."

Klaus Vallaster hat seinen Vater nie gesehen. 1942, als er geboren wurde, zog der Silbertaler mit dem Vernichtungstross in die Lager Belzec und Sobibór. Dort wurde er am 14. Oktober 1943 beim Lageraufstand erschlagen. (Jutta Berger, DER STANDARD; Printausgabe, 15.10.2007)

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