Raunzerei der Extraklasse

Allzu viele Heurige in Grinzing verharrten in der touristischen Vermarktung ihrer Tradition – und vergaßen auf das Erneuern, das Beleben ihrer Geschichte

Die alten Grinzinger Betriebe waren über die Jahre in die Zwickmühle geraten. Und das kennt man ja aus der Verhaltensforschung. Dort heißt es: Gerät ein Tier unter Druck und fühlt sich bedrängt, wird es aggressiv, wird zum Angstbeißer. Ähnlich war es in den vergangenen Jahren vielen alteingesessenen Betrieben in Grinzing ergangen. Rundum erblühte das "Wiener Weinwunder", da zeigten durchaus auch Traditionsbetriebe, wie zeitgemäßes Weinmachen aussieht – durch die geglückte Verbindung von Tradition und Moderne. Allen voran die WienWein-Gruppe von Michael Edlmoser, Werner Christ, Fritz Wieninger und den Zahel-Brüdern.

Teils manifestierte sich das auch architektonisch: Christ und Wieninger erhielten ihre traditionelle Ausschank – ergänzten sie aber durch moderne Zubauten. Und dann bekamen die Grinzinger sogar aus der direkten Nachbarschaft Druck – auch wenn niemand auftrat, um gegen Grinzing zu arbeiten. Oben, am Cobenzl, machte Thomas Podsednik aus dem heruntergekommenen historischen Stadt-Weingut einen modernen Vorzeigebetrieb – und räumte dafür prompt Preise und Auszeichungen ab. Und unten, in der Grinzinger Straße, investierten Stefan Hajszan und Franz Schmid, dass es nur so pfeift.

Die Reaktion auf diese Erneuerung und Aufbruchstimmung? Eine Raunzerei der Extraklasse. Natürlich kann man es kritisieren, wenn die Stadt Wien alte Winzerbauten umwidmet. Ja, unter anderen wurde etwa das Haus des Weinhauers Berger von einer Immobilienfirma übernommen – allerdings nach einem Insolvenzverfahren. „Unsere Heurigen sind ein Kulturerbe Wiens, für dessen Erhaltung die Stadt sorgen müsste“, wetterte etwa Franz Hengl von der „Vereinigung der Freunde Grinzings“.

In erster Linie ist es aber die Aufgabe der Heurigenwirte selbst, darauf zu achten, dass ihr Betrieb floriert. Doch allzu viele in Grinzing verharrten in der touristischen Vermarktung ihrer Tradition – und vergaßen auf das Erneuern, das Beleben ihrer Geschichte. Und es waren schon die Grinzinger selbst, die die Weingärten vom Nussberg herunterwirtschafteten und teils mit Hypotheken hoffnungslos überschuldeten. Die Grinzinger waren es nicht, die den Nussberg schließlich retteten – sondern die Winzer aus Mauer und Stammersdorf. Und jetzt auch die Quereinsteiger Hajszan und Schmid.

Letztere seien ja gar keine Winzer, heißt es prompt in Grinzing – wo gleichzeitig gejammert wird, dass es für viele Traditionsbetriebe keine Nachfolger gibt. Na und? Man kann sich auch abseits der Verwandten umschauen – wie es nun Franz Mayer am Pfarrplatz bewiesen hat. Und: Man kann die Sache auch selbst in die Hand nehmen – wie es jetzt die neue Winzergruppe von Grinzing beweisen will. (Roman David-Freihsl/DER STANDARD – Printausgabe, 13./14.10.2007)

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