"Das ist wie beim Klopapier"

12. Oktober 2007, 18:23
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"Falter"-Chefredakteur Armin Thurnher glaubt im STANDARD-Interview an die Poesie und die Macht der Wiederholung

Wie er meint, die Menschheit verbessert zu haben, warum sein Hund Cato nicht Caesar heißt, und was er selbst mit Klopapier-Erzeugern gemein hat, erfragte Renate Graber.

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STANDARD: Wer hat Ihnen den Kopfpolster geschenkt?

Thurnher: Welchen Kopfpolster?

STANDARD: Der, auf den Matthäus, Kapitel 23, Vers 12 eingestickt ist. Sollte auf Ihrem Sofa in Ihrem Büro liegen.

Thurnher: Ich habe kein Sofa im Büro.

STANDARD: Sollten Sie aber. Klaus Nüchtern schrieb davon, im "Falter"-Editorial.

Thurnher: Aber der lügt ja wie gedruckt.

STANDARD: Auf dem Polster sollte stehen: "Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden" und so fort. Gelogen?

Thurnher: Das Zitat ist korrekt, der Kopfpolster literarische Fantasie.

STANDARD: So wie der Schlusssatz Ihrer Kolumne, wonach Sie der Meinung sind, dass "der Mediamil-Komplex zerschlagen werden muss"?

Thurnher: Absolut. Der Satz ändert ja nichts an der Wirklichkeit. Aber er beeinflusst das Denken vieler Menschen.

STANDARD: Vor allem Ihres.

Thurnher: Nein, viele Leute kontrollieren zunächst, ob der Schlusssatz noch da ist. Dann können sie weiterblättern.

STANDARD: Sie schreiben das, weil Sie gegen die Medienkonzentration sind, die es seit der profil-News-Verlagsfusion gibt. Die wird doch nie zerschlagen?

Thurnher: Sicher nicht auf die Art und Weise, wie ich mir das vorstelle: Das Kartellgericht fällt ein Urteil, die Anteile werden über den Markt verkauft. Mittlerweile will ja sogar Krone-Chef Hans Dichand das wieder teilen, weil er sich mit Mitgesellschafter WAZ so zerstritten hat.

STANDARD: Leider haben Sie mit der Polster-Lüge meine Fragenplanung zerstört, ich wollte wissen, wie gläubig Sie sind. Also anders: Woran glauben Sie?

Thurnher: An die Poesie zum Beispiel. Ich würde mir lieber Verse von W. H. Auden auf den Polster sticken lassen. Etwa den Schlussvers aus seinem wunderschönen Gedicht "The Fall of Rome".

STANDARD: Passt auch zu Cato, der ja seine Reden im römischen Senat stets mit dem "cetero censeo" beendet hat, Karthago müsse zerstört werden. Er hat die Zerstörung aber nicht mehr erlebt, ist um drei Jahre zu früh gestorben.

Thurnher: Ja, Cato, der Ältere, und ich habe keinen Jüngeren. Jedenfalls ist der Satz eher Psychohygiene für mich, so etwas wie meine Marke. Da komm' ich nicht mehr raus, das ist wie beim Klopapier: Man braucht nicht unbedingt ein Zeichen drauf, aber wenn die Hersteller einmal damit angefangen haben, können sie nicht mehr aufhören.

STANDARD: Sie glauben an die Macht der Wiederholung. Woran glauben Sie bei der Poesie?

Thurnher: Die Wiederholung appelliert an simple Bedürfnisse: Die Freude, etwas Bekanntes wieder zu haben, erspart das Denken, beruhigt. Die Poesie berührt dagegen Körper und Geist. Es gibt ein menschliches Grundbedürfnis, Dinge zu beobachten, Gedanken festzuhalten und daraus ein dichtes, neues Exemplar von sprachlicher Schönheit zu machen, eben ein Gedicht. Das wirkt: Man erfährt die Welt dann anders.

STANDARD: Erfahrung passt: Ich will ja übers Altern mit Ihnen reden. Der "Falter" ist vor genau 30 Jahren mit dem Ziel angetreten, die Menschheit zu verbessern. Wo stehen Sie denn da?

Thurnher: Na, Sie haben Fragen. Wir haben die Menschheit bereits verbessert. Es gibt zwar anthropologisch betrachtet das Böse noch immer, das ist dem Menschen nicht so leicht auszutreiben. Aber man kann zivilisatorisch versuchen, die Sache in Griff zu bekommen. Uns ist es wahrscheinlich gelungen, die österreichische Presselandschaft zu verbessern. Kleine Wirkung, aber immerhin.

STANDARD: Sie selbst gelten seit immer als Mahner ...

Thurnher: ... bitte nicht, ich bin doch kein Mahner. Ich will Österreich und die internationale Szene kommentieren, mit literarischen Mitteln und mit Distanz.

STANDARD: Sie reden so viel von Literatur und Poesie; wenn Sie keine Leitartikel mehr schreiben, geben Sie dann Ihre Gedichte heraus?

Thurnher: Ich schreibe schon jetzt Gedichte, aber ich veröffentliche nur die unernsten. In der Presse habe ich ein langes veröffentlicht, zum Thema: Was ist bürgerlich? Ist Ihnen das entgangen?

STANDARD: Ertappt. Ja.

Thurnher: Es ist leider vielen entgangen.

STANDARD: In Reimen?

Thurnher: Ja. Ich habe versucht, was sonst, W. H. Auden zu imitieren, der ein wunderschönes, tänzerisches Gedicht geschrieben hat: "Tell Me The Truth About Love." Meine Frage war: "Oh sag mir, was ist bürgerlich?" Ich habe mein Gedicht recht lustig gefunden, es ist angekommen: Die Bürger haben sich sehr aufgeregt.

STANDARD: Sicher hat Ihnen Andreas Khol von der ÖVP in Hexametern geantwortet.

Thurnher: Nein, er hat geschwiegen. Aber Rudolf Bretschneider hat geschrieben, dass ich mich nicht zu Dingen äußern soll, von denen ich nichts verstehe.

STANDARD: Meinungsforscher Bretschneider kann ja sehr lustig sein, er singt auch so gut.

Thurnher: In dem Fall war er nicht lustig. Es war ja auch eine Spitze gegen seinen Freund Kanzler Schüssel.

STANDARD: Ich wollte noch einmal zu Ihrer Rolle des älteren Leitartiklers zurück, die nützt sich doch ab. Im Jubel-"Falter" gratulierte Ihnen ein Banker namens Gottfried Schamschula, zählt sie aber längst zum Establishment: "Thurnher lebt am Land und hat einen Hund."

Thurnher: Dieser Mann ist kein Hundeliebhaber. Meine Frau und ich haben aber einen Hund, weil sie während der Woche allein auf dem Land lebt. Und der Hund bellt brav, wenn wer kommt. Übrigens ein prächtiger, gelber Labrador mit Namen Cato.

STANDARD: Sehr passend. Hundeliebhaber Hans Dichand wird sich geehrt fühlen. Warum haben Sie ihn nach dem "Krone"-Chef genannt, der seine Glossen mit Cato zeichnet?

Thurnher: Laut Züchterin musste der Hund einen Namen bekommen, der mit C beginnt. Und Caesar kann man einen Hund nicht nennen.

STANDARD: Apropos Caesar und Cato: Christian Konrad, Chef des Raiffeisen-Sektors, dem mit der WAZ der Mediamil-Komplex gehört, war einer der Ersten, der dem "Falter" zum Jubiläum gratuliert hat. Die Mediaprint hat den "Falter" 1995 mit einer Klage fast umgebracht, sind Sie wieder versöhnt?

Thurnher: So etwas vergisst man nie. Aber zu Christian Konrad habe ich ein freundlich-distanziertes Verhältnis, wir reden etwa einmal im Jahr.

STANDARD: Sicher beim traditionsreichen Sauschädel-Essen.

Thurnher: Da war ich noch nie eingeladen, aber ich würde glatt hingehen.

STANDARD: Soll ja was Gutes sein, so ein Sauschädel.

Thurnher: Ja, und obwohl ich nicht Gesundheitsminister bin, hätte ich damit kein Problem. Ich finde Christian Konrad übrigens recht witzig - solange er nicht mein Chef ist.

STANDARD: Die Raiffeisen-nahe Monika Lindner wurde als ORF-Chefin abgewählt, Sozialdemokrat Wrabetz ist ihr gefolgt. Enttäuscht vom ORF neu?

Thurnher: Ja. Es hätte die fast einmalige Chance gegeben, den ORF gleichsam neu zu gründen; das haben sie total versemmelt mit der überhasteten Programmreform. Der ORF glaubt, den Grat zwischen Kommerzialisierung und Öffentlich-Rechtlichem wandern zu müssen und ruiniert sich so selbst. Dabei hätte er viel journalistische Power, aber die selbstlähmenden Kräfte in so einem großen Betrieb sind enorm. Da hat eine Ameise keine Chance; weiß ich aus meiner Studienzeit.

STANDARD: Sie waren im ORF?

Thurnher: Hab's kurz probiert, war dann Kostenrechner bei Shell.

STANDARD: Dabei wollten Sie Schriftsteller werden; waren ja schon gut unterwegs, das Theaterstück "Stoned Vienna" von Ihnen und Heinz Rudolf Unger wurde sogar bei den Festwochen aufgeführt, 1969.

Thurnher: Ja, und Schriftsteller wäre ich immer noch gern. Ich habe sogar noch ein paar Hörspiele in der Lade, die habe ich einst mit Christian Martin Fuchs geschrieben, einem der Falter-Gründer.

STANDARD: Er hat die Redaktion aber im Streit verlassen, mit der Nietzsche-Parodie "Alle Last will Ewigkeit". Sie spüren die Gültigkeit seines unlustigen Satzes noch?

Thurnher: Ja, ich schon. Übrigens, "Stoned Vienna" war erfolgreich, bekam gute Kritiken, können Sie nachlesen.

STANDARD: Habe ich. Dieter Haspel, heute Chef des Wiener Ensembletheaters, hat es zur Aufführung gebracht, im Zwanz'gerhaus.

Thurnher: Oh. Ja, ich war damals zwanzig, und ich war völlig verdutzt über den Erfolg. Es war im Frühling 1969, wir sind nach Amsterdam gefahren und haben das dort in zwei Wochen geschrieben, es war ja ein Auftragswerk.

STANDARD: In Amsterdam?

Thurnher: Dort hatten in einem Bauernhaus am Land, dem Mickeri-Theater, die US-Avantgarde-Theatergruppen Station gemacht. Der Unger, der Haspel und ich sind in meinem VW, Baujahr 56, hingefahren, haben uns etwas Rauschmittel besorgt und losgearbeitet.

STANDARD: Und nicht inhaliert.

Thurnher: Nein, wir haben das natürlich nicht inhaliert, sondern aufs Nachtkasterl gelegt und das Stück geschrieben. Es war sehr lustig, aber letztlich erschien es mir zu leicht, auf diese Weise Erfolg zu haben. Ich habe das Theater dann sein lassen.

STANDARD: Sie haben davor in New York studiert, sagen, das habe Sie sehr geprägt. Wie?

Thurnher: Das war eine große Sache, die Zeit der Studentenrevolte, Hippie-Bewegung ...

STANDARD: ... Jung-Thurnher mit Blumen im Haar.

Thurnher: So weit hab ich's nicht getrieben, aber g'streiftes T-Shirt und Jesus-Sandalen waren schon drin.

STANDARD: Wow.

Thurnher: Sie ätzen, aber es hat gereicht, dass mich meine Eltern, als ich wieder zurückkam, nicht erkannt haben.

STANDARD: 40 Jahre später wohnen Sie in einem Schloss im Waldviertel, spielen Klavier, gehen Fischen.

Thurnher: Das ist doch herrlich: Man schaut dabei so lange aufs Wasser, bis man in eine meditative Trance verfällt. Für mich ist das, als säße ich in einer abgeschlossenen Welt, in einer Glaskugel.

STANDARD: Ganz etwas Profanes noch, aus der echten Welt: Karl-Heinz Grasser ist derzeit Manager in Meinls Reich, das wegen der Causa MEL in Bedrängnis ist. Wie sehen Sie denn diese Verquickungen?

Thurnher: Als abgestufte Phänomene der Gier. Man zeigt den österreichischen Anlegern das Bild des Ex-Finanzministers und Traumschwiegersohns der Nation, der vom Schwiegervater der Nation in der Krone quasi adoptiert ist. Dann gehen die kleinen Sparer vom Land in die Bank und sagen, sie möchten gern ihr Geld dort abgeben. Das Geld wird nach Jersey transferiert, es werden einmal fette Management-Fees abgezogen, weiter wird zunächst einmal nichts getan. Das kann man getrost als Abzocke bezeichnen, das ist nicht einmal ein krimineller Tatbestand.

STANDARD: Wie viel Gewinn macht eigentlich Ihr "Falter"?

Thurnher: Wir veröffentlichen unseren Gewinn nicht, sitzen aber nicht auf Jersey.

STANDARD: Ah ja. Letzte Frage: Worum geht's im Leben?

Thurnher: Möglichst lange mit Würde durchzuhalten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13./14.10.2007)

Zur Person
Armin Thurnher (58), stammt aus "kleinbürgerlicher" Familie in Bregenz, studierte Anglistik, Germanistik, Theaterwissenschaften. 1977 gründet er mit Freunden und im Kollektiv die Wiener Stadtzeitung Falter, deren Chefredakteur und Mitbesitzer er ist. Der linksliberale Lese-, Literatur- und Lyrikfreak ist leidenschaftlicher Kämpfer gegen die Medienkonzentration, ebenso leidenschaftlicher Koch und Angler.
  • Publizist Armin Thurnher war Hippie (ohne Blume), Theaterautor und Kostenrechner bei Shell. Heute wie damals wäre er gern: Schriftsteller.
    foto: standard/regine hendrich

    Publizist Armin Thurnher war Hippie (ohne Blume), Theaterautor und Kostenrechner bei Shell. Heute wie damals wäre er gern: Schriftsteller.

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