Wünsche Dir weniger

19. Oktober 2007, 14:29
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Tom Hodgkinson hat ein Buch über "Die Kunst, frei zu sein" geschrieben

Ein Konsument entleert die Welt, isst sie auf, stopft sie sich ins Gesicht, lässt sie verdorren, trocknet ihre Quellen aus, baut all ihre Reichtümer ab – kurz, er tötet sie." (Tom Hodgkinson)

Der knapp 40-jährige Journalist und Schriftsteller Tom Hodgkinson nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Und er ist konsequent: Als er Anfang der 90er-Jahre gekündigt wurde, gründete er, statt zu jammern oder sich anderswo ausbeuten zu lassen, lieber die Zeitschrift Idler ("Müßiggänger"), deren Chefredakteur er seitdem ist. Seitdem stemmt er sich in teils halsbrecherisch wirkender Manier simultan gegen eine Armee von Riesen: gegen Banken, die Pharmaindustrie, Regierungen, Supermärkte, Versicherungen und Zeitungen. Hodgkinson stellt dabei die zentralen Paradigmen unserer Zeit – bedingungslosen Fortschritt, permanentes Wachstum und ständige Kontrolle – radikal infrage. Warum, wo doch, wie er selbst einräumt, das Konsumzeitalter "viele Bequemlichkeiten" bietet?

Weil der Welt "Freiheit, Frohsinn und Verantwortung abhanden gekommen", ihr die Werte des Puritanismus aufgezwungen worden sind. Und weil der Output unserer Wirtschaft nichts mehr mit den realen Bedürfnissen der Menschen zu tun hat. Wir brauchen "eine radikale Neudefinition menschlicher Beziehungen, die nicht der Gier des globalen Kapitalismus, sondern den lokalen Bedürfnissen dient", lautet sein Credo.

Das klingt, angesichts der Ausbeutung der Natur, des Klimawandels und einer drohenden Erhöhung des Pensionsalters, vernünftig und sympathisch. Aber hat Hodgkinson auch Alternativen zum Status quo anzubieten? Er hat, wie sein neues Buch Die Kunst, frei zu sein eindrucksvoll beweist. Hodgkinson legt dreißig gehaltvolle Kapitel vor. Und weil er offenbar ungern halbe Sachen macht, verpasst er allen programmatische Titel, füllt sie mit wunderbaren Zitaten aus der Weltliteratur und stellt ans Ende jeweils noch plakativ Rat in Großbuchstaben:

"Wirf die Fesseln der Langeweile ab – SPIEL UKULELE", "Pfeif auf die Karriere und all ihre leeren Versprechungen – FINDE DEINE BEGABUNG", "Raus aus der Stadt – PACHTE EINEN SCHREBERGARTEN", "Hör auf mit dem Konkurrenzkampf – GRÜNDE EINE GILDE", "Entkomme den Schulden – ZERSCHNEIDE DEINE KREDITKARTE", "Flucht aus dem Gefängnis der Konsumsucht – WIRF DEN FERNSEHER WEG", "Stürze die Tyrannei des Reichtums – WÜNSCHE DIR WENIGER". So lauten einige dieser humorvoll verpackten Vorschläge, für die sich Hodgkinson Anregungen im gar nicht so finsteren Mittelalter, bei den englischen Romantikern und bei Leuchten des letzten Jahrhunderts, wie etwa G. K. Chesterton, geholt hat.

"Wünsche Dir weniger": Damit bringt Hodgkinson seine Idee vom begrüßenswerten Fortschritt der Gesellschaft auf den Punkt. Da stellt sich natürlich die Frage: Sind seine Empfehlungen nun die eines anarchistischen Aufrührers oder eines reaktionären Konservativen?

Diese Frage führt aber, weil sie hier auf eine rückwärtsgewandte Utopie bezogen ist, in die Irre: So wie die Magnetnadel, wenn man direkt am Nordpol steht, liefert sie kein eindeutiges Resultat.

(Und sollten wir, im Zeitalter der Quantenphysik läge es nahe, nicht ohnehin auch bei diesen sozialwissenschaftlichen Fragen dem simplen "Entweder-oder" ein "Sowohl-als-auch" zur Seite stellen?)

Hodgkinson, der ergiebige Quellen sowohl bei Franz von Assisi als auch bei Friedrich Nietzsche zu erschließen versteht, ohne dass sich dabei der Verdacht des kritiklosen Eklektizismus erhärtet, lässt sich als Autor ganz einfach nicht eindeutig einordnen. Auch in den Buchhandlungen nicht, wo man sein neues Buch sowohl im Bereich "Lebenshilfe" als auch in der Wirtschaftsabteilung findet.

Revolutionärer Aufrührer, soviel lässt sich aber sagen, ist Hodgkinson keiner. Diesen Verdacht entkräftet er mit der Feststellung, er sei zwar ein Feind der Unterdrückung und der Ausbeutung, aber es liege ihm "nichts ferner, als alle Klassenschranken beseitigen zu wollen". Lässt sich mit seinen romantisch klingenden Ideen Realität verändern? Zumindest in kleinem Maßstab, und darauf, auf evolutionäre Änderungen, zielen seine Anleitungen primär auch ab. Hodgkinson selbst ist ein gutes Beispiel: Vor ein paar Jahren ist er aus London ins ländliche Devon übersiedelt, betreibt dort neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit Gemüseanbau und setzt auch den Rest seiner Vorschläge selbst um. Und er kann seine Ideen gut verkaufen, schon einmal hatte er mit einem einschlägigen Werk Erfolg: Seine "Anleitung zum Müßiggang", eine mit Witz und philosophischem Tiefgang gewürzte kulturgeschichtliche Rechtfertigung der Faulheit, wurde ein Bestseller und steht noch immer in den Regalen.

Hodgkinson gelang darin das Kunststück, elegant darzulegen, dass "müßig zu sein" nicht generell gleichbedeutend mit "nichts tun" ist. Manchmal ist es zwar geboten, die Hände in den Schoß zu legen. "Kluge Gärtner", zum Beispiel, "tun in einem Garten einmal ein Jahr lang nichts, um zu sehen, was dort von alleine wächst".

Auch die besten Ideen kommen nicht selten beim Bummeln oder im Bett. Oft aber erzeugt Untätigkeit später Aufwand: "Weil man keine Lust zum Aufräumen hat", vergeudet man dann Stunden, "Socken oder das richtige Messer zu finden. Um wirklich müßig zu sein, muss man paradoxerweise auch rationell sein."

Müßiggang führt also nicht zu lähmender Untätigkeit. Und die Freiheit nicht zu Chaos, sondern zu Verantwortung. Hodgkinson poltert zwar deutlich zu heftig, wenn er diese Überzeugungen vertritt. Aber die Argumente für seine gewagt klingenden Thesen sind luzid und stimmig, und er trifft mit seinem Buch genau ins Schwarze. Wer im Gelderwerb nicht das Hauptziel des Lebens sieht, wird also seine Freude mit diesem Autor haben. (Peter Jungwirth, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 13.10/14.10.2007)

Tom Hodgkinson, "Die Kunst, frei zu sein. Handbuch für ein schönes Leben". € 24,50/ 382 Seiten, Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Berlin 2007. Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter. Die Originalausgabe erschien 2006 unter dem Titel "How to be Free" bei Penguin Books Ltd, Großbritannien.

Tom Hodgkinson, "Anleitung zum Müßiggang." € 8,95/ 368 Seiten, Heyne, München 2007. Die Originalausgabe erschien 2004 unter dem Titel "How to be idle" bei Penguin Books Ltd, Großbritannien.
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    cover: rogner & bernhard
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