Nachruf auf einen Junkie

19. Oktober 2007, 14:29
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Katja Lange-Müller erzählt in "Böse Schafe" vom Glück einer großen Liebe - Ein präziser Blick auf die Projektionen einer großen Liebe

Noch keine zwölf Monate lebt die 39-jährige Soja in West-Berlin, als sie am 17. April 1987 an der U-Bahn-Station Nollendorfplatz aussteigt und sich freut, dass sie bloß ihr Portemonnaie mit Kleingeld, aber nicht ihr Dokument verloren hat, das einen über Marienfelde eingereisten DDR-Flüchtling berechtigt, ein Jahr kostenlos sämtliche öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Die gelernte Setzerin ist arbeitslos, verdient an den Wochenenden ein wenig Geld als Blumenverkäuferin an einem Kiosk. Diesen Job verdankt sie ebenso wie die Benützung einer Badewanne in einer Wohngemeinschaft dem bayerischen Sozialarbeiter Christoph.

Auf dem Weg zur Badewanne laufen ihr zwei schöne Männer über den Weg, einer von ihnen ist Harry. Seine Augen betören sie vom ersten Blick an wider jede Vernunft, denn seine "großen blaßgrauen Augen" ähneln denen "eines alten Karpfens". Der Grund für seine extrem geweiteten Pupillen stellt sich erst später heraus: Harry ist zwei Wochen vorher aus dem Gefängnis in eine "Therapie-statt-Strafe-Maßnahme nach Paragraph 35 des Betäubungsmittelgesetzes" entlassen worden, aus der er gemeinsam mit seinem Kumpel abgehauen ist.

Dieser buchstäblich auf den ersten Blick geliebte Harry wird bis zu seinem Lebensende und darüber hinaus Sojas Schicksal bestimmen, weil sie seine Hinterlassenschaften erbt, die sie erst Jahre nach seinem Tod durchstöbert. In den Kartons findet sich ein Schulheft mit undatierten Eintragungen, genau neunundachtzig Sätze, in denen der Name Soja nicht einmal auftaucht. Aus der Distanz vermutet sie, dass nicht edle Motive dafür verantwortlich sind, sondern "daß ich dir so gleichgültig war wie alles auf der großen weiten Welt, außer deinem Lebenselixier und der Angst davor, wieder im Knast zu landen". Und sie muss sich eingestehen, dass sie ihm "keine geschriebene Silbe wert" war.

Katja Lange-Müllers neuer Roman Böse Schafe ermöglicht es Soja, ihren ungehaltenen Abschiedsmonolog zu halten, der kein Blick zurück im Zorn ist, sondern ein präziser Blick auf die Projektionen einer großen Liebe, die den Blick Sojas getrübt und ihr Helfersyndrom aktiviert hat. Doch obwohl Soja verraten und getäuscht wurde, bleiben für sie Bilder von Erfahrungen wichtig, "die ich empfand und immer wieder erneut empfinde, die ich, seit ich sie zum ersten Mal erlebte, Glück nenne, ein betörend undramatisches Glück, das zu mir zurückkehrt, mit jeder Erinnerung daran".

Lakonisch beschreibt Katja Lange-Müller sehr direkt die körperliche Beziehung zwischen Soja und Harry, etwa die Beiläufigkeit und Selbstverständlichkeit des gemeinsamen Kopf-an-Kopf-Liegens auf den beiden Matratzen, das Nebeneinander ohne das Bedürfnis der Umarmung. Ihre Wünsche nach Sexualität sind stärker als seine, erst spät bemerkt sie, dass seine sexuelle Zurückhaltung nicht nur der Drogensucht geschuldet ist. Denn dass er sie immer wieder von seiner "Palme" herunterholt – wie es im gemeinsamen Jargon genannt wird – begründet sich in seiner verschwiegenen HIV-Infektion. Erst ein halbes Jahr nach dem Beginn ihrer Beziehung erfährt Soja, die gemeinsam mit mühsam überredeten Freunden und Bekannten bereit ist, Harry während einer weiteren Therapiemaßnahme zu unterstützen, von seiner Infektion.

Diese Erfahrung irritiert selbst Soja, die zwar solidarisch bleibt, aber nur mehr halbherzig: "Halbherzig ist ohnehin das Wort, mit dem sich immer noch am besten fassen läßt, wie mir zumute war. Ich wollte bei dir bleiben, dir nahe, aber nicht ganz nahe sein."

Soja hilft weiter, hinterlegt eine Kaution für eine neue Wohnung als vorletztes Therapieziel, ahnt aber schon, dass damit kein freies Leben, sondern nur "ein freies Sterben" verbunden sein wird.

Dies bestätigt sich spätestens dann, als er wieder zu dopen und dealen beginnt, was sie aber nicht sehen will, "nicht mit ansehen", obwohl es unübersehbar ist. Nach einem kalten Entzug und Rückfall landet er schwerkrank im Krankenhaus und schließlich in der DIK ("Daheim im Kiez"), einer Pension für Todkranke, in der sie ihn immer seltener besucht: "weil du mir das Herz brachst; eine andere Metapher wäre vielleicht weniger kitschig, doch auch weniger wahr." Mitleid, Verzweiflung und Trauer ohne jede Sentimentalität und Pathos sind Konstanten in den sechs schmalen Büchern von Katja Lange-Müller, in denen die Meisterin der knappen Form und der genauen und dem Doppelsinn der Wörter vertrauenden Sprache, die vor Witzen und Kalauern nicht zurückschreckt, ihre eigenen Erfahrungen mit Gehörtem und Erfundenem zu wunderbaren Sprachkunstwerken verdichtet.

Auch in ihrem jüngsten Roman ist sie eine Chronistin von Menschen, die an den Rändern leben. Und so ist Böse Schafe ein überaus gelungener Berlin-Roman, der die Stimmung der Wendejahre präzise erfasst, in der etwa die Hälfte der Bevölkerung vor etwas "geflohen" ist und auf letzte Züge wartet, doch wie Soja feststellt: "Der letzte ist nie losgefahren; seither sind wir auf dem Bahnhof unterwegs, und der heißt Westberlin – Zoologischer Garten." Soja und Harry treiben perspektivlos durch die Stadt, aber Soja ahnt, dass sie mehr als das Geschlecht das politische System trennt, auch wenn sie vielleicht beide "böse Schafe" sind. Nach dem Mauerfall überrumpelt beide die Auflösung West- und Ostberlins.

Katja Lange-Müllers Roman Böse Schafe ist nicht nur ein todtrauriger, berührender Roman über das Glück einer Liebenden und ein melancholischer Roman über die Wendezeit in Berlin, sondern auch ein Glücksfall von Roman. (Christa Gürtler, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 13.10/14.10.2007)

Katja Lange-Müller, "Böse Schafe". Roman. € 17,40/205 Seiten, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007.
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    cover: kiepenheuer & witsch
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