Krieger und Hygieniker

19. Oktober 2007, 14:29
posten

E. L. Doctorows Meisterroman über den Sezessionskrieg (1861–1865): "Der Marsch" - Kühle Meisterschaft

Zum US-amerikanischen Sezessionskrieg (1861–1865) fände man europäische Parallelphänomene zuhauf. Im "Bruderringen" zwischen dem agrarischen, überwiegend auf Sklavenarbeit gestützten Süden und den industrialisierten Staaten des Nordens lässt sich der Konflikt zweier Zeitzonen exemplarisch besichtigen.

Die Aristokratengesellschaft beginnt den Krieg frohgemut, quasi romantisch inspiriert. Rasch werden den "Yankees" ein paar empfindliche Niederlagen beigebracht – nach dem Eröffnungsscharmützel von Bull Run liegt sogar Washington in Sichtweite der konföderierten Generäle, und es bedarf beispielloser Anstrengungen vonseiten Abraham Lincolns, um das Pfund der Hochrüstung in die Waagschale zu werfen, jeden Anflug von Kriegsmüdigkeit abzuwehren und die Südstaaten in einen Strudel zäher Abnützungsschlachten zu verstricken.

Abgesehen von der Frage, welche (auch) eigennützigen Motive Lincoln dazu bewogen haben mögen, die "Negerfrage" mit seiner Emanzipationsproklamation eindeutig zu klären – im Sezessionskrieg, und daran lässt E. L. Doctorows Kriegsprosa in dem Roman Der Marsch keinen Zweifel, hält die Moderne unwiderruflich Einzug in den Bellizismus. Ab nun erhöht sich die Feuerwirkung – mit verheerendem Effekt insbesondere auf die Schwarmlinien der jeweils vorrückenden Infanteriebataillone.

Repetiergewehre erhöhen die Schussfrequenz. Zugleich wird die umweltgestützte Verpflegung moderner Massenheere zur Heimsuchung "friedlicher" Anwohner. Die Unterscheidung zwischen Kriegsführenden und Zivilisten verschwindet. Der gesamte lokalgesellschaftliche Umraum unterliegt den nicht immer rationalen Kalkülen planerischer Umsicht – zugleich avancieren Feldherren wie der Yankee-General William T. Sherman zu befristeten Diktatoren, deren Befugnisse sich unmittelbar auf die Zivilgewalt erstrecken.

Alles das vorausgeschickt, wird man Doctorows Genie (in der formidablen Übertragung Angela Praesents) erst zu ermessen wissen: Weder hat der Amerikaner den ersten "modernen" Kriegsroman geschrieben – noch aber unterschlägt er die "romantischen" Anteile, die das niederschmetternde Kriegsgeschehen an der Epochenschwelle bis zum Irrwitz prägten.

Gerade wer sich gegen jeden Bellizismus nachdrücklich verwahrt, wird die "Faszinosa" dieser Massenschlächterei nicht ohne weiteres unterschlagen können. Krieg ist nicht bloßer Unfug; in ihm gelangen die "Zweckrationalität", die Modellierkunst von "Sinnangeboten" sozusagen erst zur vollen Blüte. In Der Marsch wird der letzte große Feldzug 1864/65 als Prosapanorama gemalt: Sherman marschiert mit 60.000 Unionssoldaten im Hinterland des Südens ein. Er fällt quasi mit der Hintertür in das Haus der Plantagenbesitzer, und er durchquert in fiebrigen Eilmärschen Georgia, South und North Carolina, ehe General Lees Kapitulation dem Verwüstungszug eine Ende setzt.

Zugleich wird eine Pforte zur Hölle aufgerissen: Der Roman setzt mit der überstürzten Flucht einer Besitzerfamilie ein, ehe die zum "Furagieren" bestimmten Vorhuten der Yankees heransprengen. Das Requirieren von Essbarem dient diesen als Vorwand, das eigene Elend abzureagieren und die oftmals verwaisten Siedlungen zu plündern. In der schmalen Zone dazwischen stehen unbehaust, ja verdattert die eigentlichen Subjekte dieser angeblich moralisch inspirierten Kampagne: afroamerikanische Baumwollpflücker, die über Nacht "in die Freiheit entlassen" werden, die sich daraufhin voller Zutrauen Shermans Heersäulen anschließen – und von diesen abgeschüttelt werden wie lästige Krabbeltiere.

Fast möchte man es militärisch ausdrücken: Doctorows gewiss nicht zwangsoriginelle Meisterschaft besteht in der entschlossenen Besetzung dieser Fuge, in der die eine Kultur (des Südens) zu Staub zerfällt, während die moralischen Prämissen der anderen (des Nordens) noch nicht greifen können. Die Figuren, denen er als allwissender Erzähler assistiert, sind solche Verlorene: ein Südstaaten-Sklavenmädchen, dessen Haut weiß ist, weil sich der Gutsherr höchstselbst an einer seiner Pflückerinnen vergangen hat. Zwei Deserteure, die wie Glasmurmeln zwischen den kippenden Fronten hin und her gestoßen werden – und durch das ohrenbetäubende Mahlen der Kriegsmaschine verrückt werden, ehe sie – jeder auf seine überraschende Weise – elendiglich krepieren.

Als Hauptfigur fungiert Sherman selbst: Ein bis zur Störrischkeit kriegsversehrter Kauz, der mit rasselnden Lungen unter dem sternenklaren Himmel liegt, während seine umherschweifende Kavallerie die Landstriche ringsum verödet. Der das Niederbrennen blühender Metropolen wie Columbia wie biblische Plagen erlebt – deren Entfesselung er aber auch nicht zu verhindern weiß. Man hat Doctorows Prosaunternehmung im angelsächsischen Diskurs mit naheliegenden Meisterwerken wie Tolstois Krieg und Frieden verglichen. Das mag in dem einen oder anderen Detail zutreffen – unterschlägt jedoch den eigentlich verblüffenden Gehalt dieser finsteren Ode auf den Krieg: In Der Marsch wirft kein Pierre den entgeisterten Blick auf ein ihm letztlich unverständlich bleibendes Geschehen. Die Stimme der Intellektualität gehört ausgerechnet einem deutschstämmigen Regimentsarzt, der unter der Stars-and-Stripes-Fahne des Nordens nach Art eines Schlachtermeisters den angeschossenen Soldaten die Gliedmaßen amputiert.

Das Feld der Reflexion verengt sich für diesen Doktor Wrede auf das Gebiet der, philosophisch gesprochen, Immanenz. Er drillt und bohrt und schabt – und Doctorow erspart dem Leser nichts, wenn er beschreibt, wie die unzähligen abgenommenen Glieder als Unrat entsorgt werden. In seinen wenigen Mußemomenten sinnt dieser Elendsbeseitigungstechniker über hygienische und allgemeinmedizinische Verbesserungen nach. Krieg, lehrt manche grausame Episode in diesem Buch, dient als Testgebiet für jenen Aufschwung, der die endgültig – und "für immer" – befriedete Weltgesellschaft in einen Taumel der Prosperität versetzen soll.

Vor allem aber ist unser Feldmediziner ein Vorläufer der allseits geschätzten Systemtheoretiker. Er vergleicht – übrigens um vor einer Südstaatenschönheit zu imponieren! – vom "Organismus", den ein Heer wie dasjenige Shermans bis in seine allerletzte Versorgungszelle hinein bilde. Für die Romantik einer Florence Nightingale bleibt da kein Platz mehr im Verschleißprozess der im Überfluss vorhandenen Arbeitskraft namens Mensch. Vom frohgemuten Zukunftsoptimismus der siegesgewissen Nordstaatler führt eine dünne Linie des Absurden hin zu den Panegyrikern des "totalen Kriegs" – zu einem Ernst Jünger etwa, der den Sturmangriff aus einem Schützengraben des Ersten Weltkriegs heraus allen Ernstes als "Moment der Geselligkeit" erlebt haben will.

E. L. Doctorows kühle Meisterschaft erweist sich zur Gänze erst in einer trauten Episode: Sherman, der sich beinahe zu Tode siegt, während ringsum der Süden in Schutt und Asche versinkt, wird zu Abraham Lincoln gerufen. Er trifft auf einen langen, dürren, abgezehrten Menschen, der das Elend seines unheilbar zerrissenen Landes tapfer verschluckt –, um als Wrack und "moralische Instanz" wenige Tage später in einem Theater in Washington in den Kopf geschossen zu werden. Die amerikanische Wachstums- und Friedenskultur basiert, trotz aller schöner Visionen ihrer gottesfürchtigen Gründerväter, auf unabgegoltenen Verheerungen der Menschlichkeit. Da ist dann fast schon etwas zu viel des Guten, dass das befreite Sklavenmädchen "Pearl" in eine hoffnungsvolle Zukunft entschwindet. Doctorows Bilder aber brennen nach. (Ronald Pohl, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 13.10/14.10.2007)

E. L. Doctorow, "Der Marsch." Roman. Aus dem Amerikanischen von Angela Praesent. € 22,90/412 Seiten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007.
  • Artikelbild
    cover: kiepenheuer & witsch
Share if you care.