"Ständig lese ich irgendetwas nicht"

14. Oktober 2007, 10:00
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Passionierte Büchermenschen und ihr persönlicher Umgang mit dem Nichtlesen: Schuh, Scmidt-Dengler, Schmidt, Keul, Nüchtern, Jeller, Deutschbauer

Franz Schuh, Philosoph

Im Wort "Nichtlesen" liegt "in unserer Kultur", also auf diesen Zeitungsseiten, etwas Pejoratives; es gab auch Kulturen, kleinbürgerliche und proletarische, in denen es umgekehrt war: Der Sprössling soll nicht lesen, lesen macht ihn lebensuntüchtig (Ich sage "gab", weil heute im Kulturkonsum eine Promiskuität herrscht, vor der mir graust). Hinter all dem Trubel ums Lesen (man denke, diese Perversen halten eine "Buchmesse" ab) steckt so eine Meinung, dass Nichtlesen etwas Substanzielles wäre und Lesen ebenfalls. Die beiden Substanzen wären einander höchstens geschäftlich verbunden: Aus Nicht-Lesern muss man Leser machen! Das ist die Buchhändler-Parole, die auch viele, von den Händlern vorgeschobene Professoren, Dichter und andere Pädagogen auf den Lippen führen.

Lesen hat in meinen Augen nur Sinn, wenn es sich auf Nichtgelesenes bezieht: auf Welterfahrung als Spracherfahrung. Wenn ich höre, es wird schon wieder einer dieser Lektüregeistlichen mit den Worten gelobt, er liebte wie kein anderer die Literatur, weshalb er hochstehend sei, dann hege ich den Verdacht, dass mit solchen Slogans das Lesen als Einschränkung auf ein selbstreferenzielles System propagiert wird: Lektüre sei sich selbst genug. In meiner Vorstellung bezieht sich das Lesen auf Nichtgelesenes, erst in der Dialektik des Einschließens von Lektüre in die Lebenserfahrung und von Lebenserfahrung in die Lektüre, erst in dieser Wechselwirkung macht das Lesen, wenn überhaupt, "einen gebildeten Menschen".

Weder ist das Lesen von vornherein löblich noch das Nichtlesen verdammenswert. Wenn jemand alles nur im Kopf hat und gegen das Angelesene nichts mehr selber findet, ist das ein Jammer. Wenn jemand eine Abwehr gegen alles bloß Fiktive hat, ist er unter Umständen auf diese Art der Idee der Literatur näher als der belesene Schmock. Es stimmt auch geschäftlich, dass das Nichtlesen nicht von vornherein verdammenswert sein kann: Wirklich berühmt (und Millionäre) können Schriftstellerinnen und Schriftsteller nur werden, wenn sie die Aufmerksamkeit der Nichtleser haben; Schriftsteller müssen in aller Munde sein. Leser allein sind nicht in der Lage, den besten Künstlern jenen Status zu verleihen, den sie verdienen.

Die Spracherfahrung, die man durch Lektüre macht, ist nicht weltfern. Die Metapher von "der Lesbarkeit der Welt" sagt das, aber sie erinnert auch daran, dass "die Welt" heute nicht bloß in Büchern dargestellt wird. Ein einigermaßen adäquates Weltverständnis kommt ohne Bücher ebenso wenig zustande wie allein mit Büchern. Mancher Lektürefreak trägt ein Museum mit sich herum und sollte aufpassen, dass ihn die Patina nicht auffrisst. Aber Bücher, die diesen Namen verdienen, sind so klug, dass sie über die eigene "Medialität" hinausweisen.

Ich lese mehr oder weniger immer – mein bewusstes Leben lang. Ich verbiete mir nur zu lesen, was an Büchern täglich in der Zeitung steht. Da bin ich kindisch "counterdependent". Wenn man lesen will, muss man seine Bibliothek – auch bei allen willkommenen Einflüssen – selbst erfinden und finden. Man muss zu einer eigenen Auswahl kommen, das gehört zur Kultur von Lektüre. Ja, Lesen hat einen Suchtcharakter, der im Alter möglicherweise zurücktritt. Dieser Suchtcharakter hängt nämlich mit den ersten Büchern zusammen, die man gelesen hat. Wenn man zum ersten Mal in seinem Leben als Leser ein wahrhaftig literarisches Niveau vor Augen hat, dann ist man selber erhoben und glücklich. Bei mir war das, als ich zum ersten Mal Musil las. Das war eine solch erfüllte Zeit, dass man sie immer wieder haben will. Diese Zeit verblasst mit der Zeit, lang, lang, ist’s her, andrerseits aber schöpft man nicht zuletzt aus ihr jene Begeisterungsfähigkeit, durch die ein Leser die Literatur mit auf die Welt bringt.

Ich selbst hatte eine lange Periode des Nichtlesens, als ich beim Militär war. Als Soldat hatte ich weder die Kraft noch die Lust, zu lesen. Das waren immerhin elf Monate (in meinem Fall, in dem vieles länger dauert als geplant). Als ich dann vom militärischen Druck befreit war, konnte ich wieder mit großer Freude lesen. Die Kultur des Lesens gehört nämlich zu einer Kultur der Distanz: Kaum einer liest, wenn ihm das Leben zu nahe rückt. Wer Menschen verdummen will, braucht sie nur so zu hetzen, dass sie keine Distanz, vor allem zur Hetze, einnehmen können. Aber ich erinnere mich – vage – an ein Gedicht von Enzensberger, das die Gründe, sein Gedicht nicht zu lesen, eingearbeitet hatte: Es genügt eine kleine Magenverstimmung und schon ist der Sinn für Lyrik verschwunden. So schmal kann der Grat von Lesen und Nichtlesen sein.

Wendelin Schmidt-Dengler, Literaturprofessor

Das Thema Lesen erfreut sich derzeit einer Beliebtheit, die mich bedenklich stimmt. "Österreich liest" heißt eine dieser (gewiss verdienstvollen) Aktionen – aber täuscht das nicht darüber hinweg, dass es mit dem Lesen eben Probleme gibt. Es gibt zu viele Bücher, und einen Überblick nur über die österreichische Produktion ist kaum möglich. Wir leben in der Zeit der extensiven Lektüre, die Zeiten der intensiven Lektüre, da es ein Buch war, meist die Bibel, dem man sich ein Leben lang widmete, ist vorbei, es sei denn man denkt an jenen Niederösterreicher, der freiwillig bekannte, nur ein Buch, nämlich Karl Mays Schatz im Silbersee gelesen zu haben. Ein Bekenntnis von stupender Ehrlichkeit. In diesem Sinne ist Erwin Pröll auch der letzte intensive Leser. Man liest ja heute keine Bücher mehr, sondern hat sie gelesen.

Dass mein Beruf als einer, der Literatur unterrichten darf, und sich auch als Kritiker betätigt, ein Privileg ist, möchte ich betonen. Ich habe das, was mich in meinen frühen Jahren am meisten beschäftigte, zu meinem Beruf machen können und werde dafür auch noch bezahlt. Da entsteht leicht die Aura, man habe eben alles gelesen; ich zerstöre sie nicht, aber wenn mich wer nach einem Buch fragt, das ich nicht gelesen habe, werde ich sofort geständig. Es gibt nur eine Möglichkeit, diesem Dilemma zu entkommen: intensiv zu lesen, und das, was einem einmal gefallen hat, immer wieder, also Homer und Shakespeare, Cervantes und Tolstoi, Baudelaire und Celan usw. Und sich dem widmen, was das persönliche Fachgebiet ist. Darüber hinaus ist ein Wildern quer durch den Bücherwald zu empfehlen und sich von niemanden etwas aufschwatzen lassen.

Martina Schmidt, Verlagsfrau Deuticke

Als Kind habe ich, darüber war sich meine Umgebung einig, eindeutig zu viel gelesen. Ich habe kaum etwas anderes getan. Gelesen habe ich praktisch alles; die Bibliothek meiner Eltern war längst nicht genug, ich hatte auch noch Ausweise für diverse Büchereien und, zum Schrecken aller, ein Fix-und-Foxi-Abonnement. Ich kann nicht sagen, dass sich an meiner Begeisterung für das Lesen nichts geändert hätte, seit mir der Postbote von Montag bis Freitag werktags verlässlich mehrere Kilo Lesestoff auf den Schreibtisch kippt.

Wenn man sowieso nie alles lesen kann, was man gelesen haben sollte, ist das, ganz ehrlich, ein wenig lähmend. Es entsteht ein Gefühl der Überforderung, das ich übrigens seit neuestem mit einigen mir nicht persönlich bekannten, noch ein wenig unerfahrenen Kollegen teile: Als unlängst wieder einmal bei uns im Verlag eingebrochen wurde, haben die frustrierten Täter aus Mangel an raubbarem Material den einzigen Schrank aufgebrochen, der dank eines übereifrigen Praktikanten sorgfältig versperrt war. Er enthielt die unverlangt eingesandten Manuskripte. Die ermittelnden Beamten gehen davon aus, dass nichts gelesen wurde.

Thomas Keul, Herausgeber der Literaturzeitschrift "Volltext"

Neunzigtausend Neuerscheinungen versuchen sich jedes Jahr durch das Nadelöhr meiner Aufmerksamkeit zu pressen. Die allermeisten davon lese ich klarerweise nicht. Auf jedes Buch, das ich lese, kommen mindestens tausend, die ich nicht lese. Während mir früher die Stapel ungelesener Bücher, die sich auf, vor und neben meinem Schreibtisch türmen, ein schwer erklärbares Schuldgefühl verursacht haben, sehe ich mich heute zu souveräner Ignoranz herangereift. Die Liste der Bücher, die ich mit großer Gelassenheit nicht lese, scheint mir dabei mit zunehmendem Alter immer länger zu werden.

Der neue Grass, der neue Mosebach, der neue Botho Strauß – mir wurscht. Generell wird der Wert des Nichtlesens unterschätzt. Eine Reihe von Literaturkritikern etwa könnte ihre Medikamente absetzen, wenn sie all die Bücher, die ihnen hinten vorbeigehen, einfach nicht lesen würden.

Klaus Nüchtern, Literaturkritiker und stv. Chefredakteur der Wiener Stadtzeitung "Falter"

Ständig lese ich irgendetwas nicht. Zurzeit lese ich zum Beispiel schon wieder und noch immer nicht Jean Paul. Ich könnte den Titan, den Siebenkäs, zumindest aber Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz oder Dr. Katzenbergers Badereise lesen, aber dann reicht es nicht einmal fürs Wochenend-Feuilleton. Die Aktualität ist der Tod der Potenzialität, und der Literaturbetrieb hat uns Kritiker nicht nur an die Rezensentengaleere gekettet, sondern gibt auch ein gnadenloses Tempo vor. Als Ausgleich lese ich dann in den Ferien oft nix, nur Zeitung. Das vernachlässige ich unterm Jahr, weil ich einen Arbeitstag ja schwer mit so Firlefanz wie Zeitunglesen beginnen kann. Dafür hat man mich nicht eingestellt. Bezahlt werd’ ich nicht fürs Lesen, sondern fürs Schreiben. Wer Zeitung liest, schreibt aber nicht wirklich, er schreibt bloß ab! Ist praktisch unvermeidlich. So kommt es, dass Zeitungslesen für mich Urlaub ist; und dass ein Urlaubstag dann oft mit intensivem Nichtlesen der heißesten Herbstneuerscheinungen und der Lektüre des Falter beginnt: Jetzt, wo ich ihn nicht schreibe, kann ich ihn endlich lesen. Ist übrigens gar nicht schlecht!

Anna Jeller, Buchhändlerin

Da Lesen meine Leidenschaft und Profession ist, und ich im Halbjahrestakt von einer Flut von Verlagsvorschauen und Leseexemplaren "heimgesucht" werde, gibt es für mich keine lesefreien Zeiten. Im Lauf der Jahre habe ich aber meine persönliche Überlebensstrategie gefunden und die sieht folgendermaßen aus:

Ich lese zwischendurch Unmengen von sinnfreien Texten, die sich in allerlei Hochglanzmagazinen finden. Bei den Anleitungen für ein geglücktes Frauenleben, das sich, glaubt man diesen Zeitschriften, mit der Wahl der ultimativen Wimperntusche erfüllt und damit auch schon erschöpft, erhole ich mich prächtig. Allein der Umstand, dass das Umblättern ja viel schneller geht, vermittelt mir ein Gefühl der "Befreiung". Und wenn ich den Großteil der mir wichtig erscheinenden Novitäten gelesen habe, dann gönne ich mir zum Saisonabschluss immer einen Klassiker. Diesmal ist es Walter Serners Letzte Lockerung, ein ungemein erfrischendes, witziges Buch, das endlich wieder neu aufgelegt wurde.

Julius Deutschbauer, Künstler

Besser gut gelogen, als langweilig die Wahrheit gesagt. Besser trefflich über Ungelesenes fabuliert, als einschläfernd Gelesenes nacherzählt.

Wie funktioniert das? In der "Bibliothek ungelesener Bücher" wird ausschließlich über Bücher gesprochen, die man nicht gelesen hat. Diese werden dort gesammelt und zusammen mit den aufgezeichneten Interviewgesprächen archiviert – buchgelehrtenhaft und pedantisch. Als Archivar des Ungelesenen halte ich mich an den "Wer sich auf den Inhalt einlässt, ist als Bibliothekar verloren!" – und den "Ich lese niemals eines von den Büchern!"-Bibliothekar aus Robert Musils Mann ohne Eigenschaften. So bestimme ich von Anfang an meine Distanz zu den Büchern. Diese erhalte ich mir, indem ich vorwiegend ideell lese. Das geht einfach. Wenn ich zum Beispiel ein Buch einmal doch lese, lese ich das nächste und übernächste, das vierte und fünfte in einem Zug, allerdings ideell, das heißt in der Vorstellung, das heißt, ich lese aus purer Willenskraft das zweite, dritte, vierte, fünfte in einem Zug nicht. Diese Eigenschaft teile ichmit vielen anderen. So ist die "Bibliothek ungelesener Bücher" nun zehn Jahre alt geworden und lädt zum 10-JAHRESFEST am 18.10., 19 Uhr, brick-5, 15., Fünfhausgasse 5, www.bibliothek-ungelesener-buecher.com

(Mia Eidlhuber, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 13.10/14.10.2007)

  • Bücher als existenzielle
Herausforderung:
Candida Höfer hat für
den Bildband "Bibliotheken"
Büchersammlungen
aus aller Welt
aufgesucht und macht
in 137 Aufnahmen
eine faszinierende
Bestandsaufnahme
dieser Welten, wie
rechts im Istituto
Universitario di Architettura
di Venezia.
    foto: candida höfer, "bibliotheken", 2005

    Bücher als existenzielle Herausforderung: Candida Höfer hat für den Bildband "Bibliotheken" Büchersammlungen aus aller Welt aufgesucht und macht in 137 Aufnahmen eine faszinierende Bestandsaufnahme dieser Welten, wie rechts im Istituto Universitario di Architettura di Venezia.

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