der schönste Tag der Woche: Ein Verdrängungserlebnis in Salzburg

27. Oktober 2007, 10:00
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Unlängst war ich in Salzburg. Das Publikum hält den Atem an und fragt sich, wie dieser an Spannung kaum mehr zu überbietende Einleitungssatz wohl weitergehen werde

Na gut, dann fangen wir halt so an: Ausgerechnet in Salzburg wurde mir unlängst auf schonungslose Weise demonstriert, wie Verdrängung funktioniert. Und das kam so: Nach einer Marx-Lesung erzählte mir ein Freund aus gemeinsamen Studientagen in Salzburg, dass ich ihn während einer Italienreise aus Anlass seines Geburtstags zum Essen eingeladen hatte. Und zwar auf eine halbe Pizza Margarita.

Die andere Hälfte hatte ich gegessen, und das Getränk musste er auch selbst bezahlen. Mir war diese Geschichte so peinlich, dass ich ihn sofort auf einen Pfiff Bier (oder sagt man ein Pfiff Bier?) einlud, zumal mir seine Frau erzählte, dass er dieses traumatische Erlebnis bis heute nicht überwunden hätte.

Bei mir aber funktionierte die Verdrängung so perfekt, dass ich mich an diese zugegebenermaßen nicht gerade ruhmreiche Episode in meinem Leben nicht und nicht erinnern kann. Also könnte man sagen, dass die Verdrängung doch auch ihre guten Seiten hat. Oder habe ich da den alten Dr. Freud völlig missverstanden? Sie werden es mir sicher sagen.

Überhaupt möchte ich mich an dieser Stelle einmal pauschal bei allen Damen und Herren bedanken, die so regen Anteil an meiner Kolumne nehmen. Herr Candussi aus Graz zum Beispiel schickte mir nach meiner Würdigung des segensreichen Wirkens Kaisers Karl I. den Ableger eines Ablegers jenes Weidenbaums, der hinter einer Mülltonne am Parkplatz des Friedhofes von Vilesse steht, an dem sich eine kranzgeschmückte Tafel mit folgender Aufschrift befindet: "Das Bäumchen ist ein Ableger vom Weidenstrauch, an dem sich Kaiser Karl am 10. 11. 1917 aus den Fluten des Torrente Torre gerettet hat." Womit das nächste Ausflugsziel der "Kaiser-Karl-Gebetsliga" wohl schon feststehen dürfte.

Viel Freude bereitet hat mir auch die (das) Mail, die (das) ich von Herrn oder Frau "Tuttiquanti" bekam, in der (dem) es als Reaktion auf meine Mitteilung, dass ich Tuttendörfl wohl nie einen Besuch abstatten werde, heißt: "Extra Tuttendörfl non est vita, et, si est, non est ita." Zu Deutsch: "Außerhalb Tuttendörfls gibt es kein Leben, und wenn doch, ist es nicht so." Ich denke, dass wir dieses Diktum so im Raum stehen lassen können, auch wenn es bedeuten würde, dass sich außerhalb Tuttendörfls das "leere Nichts" befände, womit wir direkt bei Adalbert Stifter gelandet wären, dessen Werk ja genau um dieses "leere Nichts" kreist.

Aber bevor es jetzt zu kompliziert wird, wollen wir im Gedenken an den 202. Geburtstag des Würstel-Freaks Stifter am 23. Oktober ein Paar Frankfurter verspeisen und nicht unerwähnt lassen, dass der Film "Der Schnitt durch die Kehle oder Die Auferstehung des Adalbert Stifter" ab sofort als DVD erhältlich ist. "Amen". (Adalbert Stifter: "Katzensilber", S. 28)

(Kurt Palm, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 27./28.10.2007)

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    foto: michaela mandl
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