Wer bestimmt, was politisch korrekte Sprache ist? Eine Wortschatzanalyse aus der
Sprachwissenschaft
Wie kommt es, dass Worte, die noch die Elterngeneration ohne Probleme in den Mund
nehmen konnte, heute verpönt sind? Dieser Frage widmete die Sprachwissenschafterin
Ulrike Kramer ihre Diplomarbeit. Schon der Titel macht Lust aufs Weiterlesen: "Von
Negerküssen und Mohrenköpfen". Im Untertitel wird dann erklärt, worum es in dieser
Arbeit tatsächlich geht: Begriffe wie "Neger" und "Mohr" im Spiegel der Political Correctness.
Wörter wie "Nigger", "Neger", "Mohr", "Farbiger", "Schwarzer", "Afrikaner" und "Schwarzafrikaner"
werden einer Wortschatzanalyse unterzogen. Darüber hinaus wird der
Bedeutungswandel, den diese Lexeme im Lauf der Jahrhunderte erfahren haben,
ausführlich behandelt.
Die Autorin spannt einen gelungenen Bogen vom ersten Teil der Arbeit, der sich mit
Geschichte und Theorie beschäftigt, zum zweiten Teil, der die ausgewählten Begriffe analysiert.
Kultivierte und primitive Exoten
Kurz zum Inhalt: "Im Lauf der Geschichte wurde die dunkle Hautfarbe des Afrikaners
immer wieder zu seinem Nachteil ausgelegt." (Zitat S.9). Auch die Tatsache, dass vor
allem die Nordafrikaner keine Christen, sondern Muslime waren, was für europäische
Christen das selbe bedeutete wie Ungläubige, wurde ihnen als Nachteil ausgelegt. Die
erstmalige Begegnung mit Westafrikanern, die unbekleidet waren, hat die Europäer in
ihrem Glauben bestärkt, dass Afrikaner ungebildet und kulturlos seien. Im 18.
Jahrhundert wurden die Schwarzen zunehmend als "Neger" bezeichnet, "was im Gegensatz
zu dem kultivierten Exoten eine primitive Kreatur zeichnete, der die menschlichen
Eigenschaften abgesprochen wurden" (Zitat S. 11). Im Zuge der Aufklärung entstehen
die ersten Rassentheorien, die dann gegen Ende des 19. Jahrhunderts, vor allem jedoch
während des Nationalsozialismus ihre furchtbare Wirkung entfalteten.
Politisch korrekt
Die Kapitel drei und vier sind der Political Correctness gewidmet. Es wird sowohl die
Bedeutung im anglo-amerikanischen als auch im deutschen Sprachraum beleuchtet, da
der Terminus im deutschen Sprachraum eine eigenständige Entwicklung genommen hat.
Gemeinsam ist dem deutschen und dem amerikanischen Political Correctness-Begriff,
dass sie mit einer linksorientierten Gesinnung in Beziehung gebracht werden. Die
linguistischen Grundlagen von Political Correctness werden sehr ausführlich dargelegt.
In der Analyse der lexikalischen Einheiten "Nigger", "Neger", "Mohr", "Farbiger", "Schwarze" und
"Afrikaner" benützt Ulrike Kramer eine repräsentative Anzahl an Wörterbüchern als
Untersuchungsgrundlage, um den Bedeutungswandel darzustellen. Das Lexem "Neger"
wird inzwischen in jedem von ihr untersuchten Wörterbuch als abwertend
gekennzeichnet. Sie weist jedoch darauf hin, dass das Wort "Neger" sogar im
Schimpfwörterbuch (!) verzeichnet ist.
Sprachalltag
Im Kapitel "Ausblicke und Konsequenzen" wirft die Autorin noch einmal die Frage auf, wie
mit dem Wort "Neger" (und auch den anderen hier behandelten lexikalischen Einheiten) im
Alltag umgegangen werden soll.
Die Diplomarbeit ist sehr ausführlich und umfassend ausgearbeitet. Ulrike Kramer hat
hervorragend recherchiert und auch den gendergerechten Sprachgebrauch der Lexeme
untersucht.
Die Ausblicke und Konsequenzen scheinen mit etwas zu kurz beziehungsweise einseitig
beleuchtet, da die Autorin nur die Schule als Stätte für Sensibilisierung für den
Sprachgebrauch vorschlägt. Es stellt sich die Frage, wie man bildungsferne oder auch
ältere Menschen erreichen kann, um sie ebenfalls für dieses Thema zu interessieren.
Diese Problematik würde zugleich den Rahmen der Diplomarbeit sprengen, deshalb ist es
wünschenswert, über dieses Thema populärwissenschaftliche Bücher zu schreiben, um es
so vielen Menschen wie möglich zugänglich zu machen.
Die Arbeit "Von Negerküssen und
Mohrenköpfen. Begriffe wie Neger und Mohr im Spiegel der
Political Correctness - Eine Wortschatzanalyse" (Ulrike Kramer, 2006) ist im Volltext nachzulesen.
Die AutorinUlrike Kramer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für
Österreichische Dialekt- und Namenlexika der Österreichischen Akademie
der Wissenschaften.
Die RezensentinIngeborg Lux ist Mitarbeiterin beim
Verein
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