Mit der Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut erlebte Deutschland den Höhepunkt des RAF-Terrors - Baader, Ensslin und Raspe begingen daraufhin Selbstmord
Am 13. Oktober 1977 wird die
Lufthansa-Maschine Landshut entführt,
der RAF-Terror in Deutschland erlebt seinen Höhepunkt. Heute werden Parallelen zum islamistischen Terror diskutiert, die RAF-Opfer leiden noch immer.
* * *Die meisten der 86 Passagiere der Lufthansa-Maschine Landshut sind am 13. Oktober 1977 auf dem Weg nach Hause. Der Urlaub auf Mallorca ist beendet, und nun geht es mit zwei Piloten und drei Flugbegleiterinnen nach Frankfurt am Main. Doch dort kommen sie nicht an. Noch bevor die Boeing 737 französischen Luftraum verlässt, wird sie von einem vierköpfigen palästinensischen Terrorkommando entführt und zunächst nach Rom umgeleitet – der Beginn eines fünftägigen Irrfluges voller Qualen für die Passagiere.
Die Nachricht schlägt im politischen Bonn wie eine Bombe ein, markiert sie doch den nächsten fürchterlichen Höhepunkt jenes blutigen Herbstes, der als Deutscher Herbst in die Geschichte eingeht. Zuvor, am 5. September, war schon Arbeitgeber-Präsident Hanns-Martin Schleyer von der RAF entführt worden, wobei sein Fahrer und drei Leibwächter erschossen wurden. Ziel der Aktion: die Freipressung der ersten RAF-Generation aus dem Gefängnis.
Staat reagiert hart
Vier Stunden nach der Schleyer-Entführung gab der damalige Kanzler Helmut Schmidt (SPD) eine Erklärung ab. Deren Kernsatz: „Der Staat muss darauf mit aller notwendigen Härte antworten.“ Doch der Staat war auch überfordert und stand enorm unter Druck. Immer wieder veröffentlichten die Medien Bilder vom gedemütigten Schleyer, die sich in das kollektive Gedächtnis der Deutschen einbrannten und Symbolbild für das Morden der RAF wurden. Dazu Schleyers schleppende, von Geiselhaft gezeichnete Stimme im TV: „Ich habe immer die Entscheidung der Bundesregierung, wie ich ausdrücklich schriftlich mitgeteilt habe, anerkannt. Was sich aber seit Tagen abspielt, ist Menschenquälerei ohne Sinn.“ Die Polizei findet Schleyer nicht, die Lufthansa-Maschine Landshut irrt tagelang umher, da bittet der verzweifelte Schmidt seine Leute, „doch jetzt auch einmal exotische Gedanken auszusprechen, was wir machen sollen“. Im Raum steht eine Grundgesetzänderung, wonach Terroristen erschossen werden dürfen. Der Plan wird verworfen.
Die zweite Generation
Die Verzagtheit in Bonn ist auch deshalb so groß, weil im Deutschen Herbst schon die zweite Generation der RAF am Morden ist. Auf das Konto von Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar, der heute immer noch in Haft sitzt und erst 2009 entlassen wird, gehen nicht nur die Schleyer-Entführung, sondern auch die Morde an Generalbundesanwalt Siegfried Buback (7. April 1977) und an Dresdner Bank-Chef Jürgen Ponto (30. Juli 1977).
Die erste Generation hingegen sitzt sicher verwahrt im eigens geschaffenen Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses Stuttgart-Stammheim. Dazu zählen die RAF-Gründer Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe, die im Herbst 1977 hoffen, durch die Landshut-Entführung freizukommen.
Drei der vier Entführer werden erschossen
Doch die Regierung bleibt hart und schickt die Spezialeinheit GSG 9 ins somalische Mogadischu, wo die Lufthansa-Maschine seit 17. Oktober steht, nachdem zuvor Pilot Jürgen Schumann erschossen worden ist. In der Nacht zum 18. Oktober werden bei der „Operation Feuerzauber“ alle Geiseln durch die GSG 9 befreit, drei der vier Entführer erschossen. Schmidt weint, als er es erfährt. Doch die RAF tötet Schleyer umgehend, er wird im Elsass gefunden. Das blutige Finale des Deutschen Herbstes findet in Stammheim statt: Dort begehen Baader, Ensslin und Raspe am 18. Oktober Selbstmord. (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, Printausgabe 12.10.2007)