Von denen, die kein Geld zum Horten haben und Zinsen nur als Kosten kennen

12. Oktober 2007, 13:22
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(Soll)Zinsen verschärfen die finanziell ausweglose Situation von vielen Haushalten, ihre Wohlfahrt wird negativ beeinträchtigt - Von Karin Heitzmann

Professor Mathias Binswanger erinnert daran, dass "es in einer Wirtschaft eine ganze Menge unterschiedlicher Zinsen [gibt]". Nicht nur das. Zinsen haben für Wirtschaftssubjekte unterschiedliche Bedeutung. Die einen kennen Zinsen vor allem als Erträge, die anderen kennen Zinsen vor allem als Kosten. Wird Geld gehortet, gebühren Habenzinsen. Wird Geld allerdings geliehen, sind Sollzinsen als Preis für das geborgte Geld zu bezahlen. In meinem Beitrag zum Kettendiskurs geht es mir um eine Gruppe, die Zinsen nur als Kosten kennt, nämlich verschuldete und überschuldete Personen bzw. Haushalte.

Das Ausmaß der privaten Haushaltsverschuldung ist in Österreich enorm. Nach Informationen der Österreichischen Nationalbank hatten private Haushalte im Jahr 2006 Kreditverpflichtungen in Höhe von knapp 138 Milliarden Euro. Der Übergang von einer Verschuldung zu einer Überschuldung ist oft fließend: unter einer Überschuldung versteht man die faktische Unmöglichkeit von Haushalten, Schulden aus dem laufenden Einkommen in einer angemessenen Frist zu begleichen. Dass Überschuldung für viele Menschen in Österreich ein drastisches Problem ist, zeigen folgende Kennzahlen eindrucksvoll auf, die im SCHULDENREPORT 2007 veröffentlicht wurden: allein im Jahr 2006 wurden mehr als 943.000 Fahrnisexekutionen (das ist die gerichtliche Pfändung und Verwertung von beweglichen Sachen) und mehr als 762.000 Forderungsexekutionen (über den Weg der Lohnpfändung) beantragt.

Die bevorrechteten Schuldenberatungsstellen Österreichs, deren KlientInnen vor allem aus überschuldeten Haushalten kommen, sind im Jahr 2006 knapp 50.000 Personen mit Schuldenproblemen mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Die Zahl der hilfesuchenden Personen hat im Übrigen in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen – was auf eine Zunahme der Überschuldungsproblematik hinweist. Professionelle SchuldenberaterInnen stellen immer wieder fest, dass Menschen, die in Zahlungsverzug geraten, in den meisten Fällen nicht zahlungsunwillig, sondern tatsächlich zahlungsunfähig sind – umso verwunderlicher ist die Praxis vieler Banken, aber auch anderer kommerzieller Unternehmungen, Kredite (beispielsweise Konsumkredite) relativ leichtfertig zu vergeben.

Die Median-Verschuldung der KlientInnen der Schuldenberatungsstellen belief sich im Jahr 2006 auf über 38.000 Euro. Gleichzeitig verdiente mehr als die Hälfte der KlientInnen monatlich weniger als 1.000 Euro (siehe SCHULDENREPORT 2007). Eine Schuldensanierung gestaltet sich unter diesen finanziellen Umständen dementsprechend schwierig bzw. ist sie aus eigenen Mitteln kaum bewältigbar. Nicht nur, weil das Geld für die Tilgung des geschuldeten Betrags schlicht fehlt, sondern auch, weil der geschuldete Betrag auf Grund der Zinsbelastung kontinuierlich weiter ansteigt. So werden beispielsweise bei Zahlungsverzug zusätzlich zum vereinbarten Sollzinssatz Verzugszinsen fällig. Dies kann dazu führen, dass sich der Schuldenbetrag innerhalb von wenigen Jahren allein auf Grund der kumulierten Zinsbelastungen vervielfacht.

Einen möglichen Ausweg aus der Überschuldungsproblematik bietet seit 1995 die Einleitung eines Schuldenregulierungsverfahrens, umgangssprachlich auch als ‚Privatkonkurs’ bekannt. Im besten Fall führt der Privatkonkurs zu einer vollständigen Entschuldung nach sieben Jahren. Bis zur Entschuldung lebt der Schuldner oder die Schuldnerin allerdings mit seiner oder ihrer Familie am bzw. vom (nicht mehr pfändbaren) Existenzminimum. 2006 wurden in Österreich 7.509 Anträge für ein Schuldenregulierungsverfahren eingeleitet – eine Anzahl, die im Vergleich zum Ausmaß der im selben Jahr beantragten Fahrnis- und Forderungsexekutionen verhältnismäßig bescheiden wirkt.

Mathias Binswanger fragt in seinem Beitrag, "ob die Zinsen im heutigen Geldsystem einen negativen Einfluss auf die Wirtschaft haben". Ich frage, ob die Zinsen im heutigen Geldsystem einen negativen Einfluss auf die Wohlfahrt der Menschen haben? Denn frei nach Nobelpreisträger Amartya Sen ist es nicht Zweck des Menschen der Ökonomie zu dienen. Vielmehr ist es Zweck der Ökonomie, den Menschen zu dienen. Wie im Hinblick auf die Überschuldungsproblematik gezeigt worden ist, verschärfen (Soll)Zinsen die finanziell ausweglose Situation von vielen Haushalten. Ihre Wohlfahrt wird negativ beeinträchtigt, ihr Armutsrisiko deutlich erhöht bzw. prolongiert. Dass Zinserträge, die für das Horten von Geld bezahlt werden, einen negativen Einfluss auf die Wirtschaft haben, ist umstritten. Dass Zinsen als Kostenfaktor die Existenz vieler überschuldeter Menschen und Haushalte bedrohen, ist demgegenüber unbestritten. Wird die Idee des „sozialen Wirtschaftens“, die Basis dieses Kettendiskurses ist, ernst genommen, müssen daher nicht nur die Zinseffekte bei Geldhortung, sondern auch die Zinseffekte bei Überschuldung in der Analyse mit berücksichtigt werden.

Zur Person
Karin Heitzmann (1970) ist Assistenzprofessorin am Institut für Sozialpolitik an der Wirtschaftsuniversität Wien. Sie verfasste Arbeiten zu den Themen "Armut" und "Soziale Ausgrenzung" und beschäftigt sich mit feministischer Armutsforschung.
  • Artikelbild
    foto: unterguggenberger.org
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