Lady für eine Runde

14. Oktober 2007, 12:00
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Die Mode gibt sich derzeit formaler und blickt zurück auf eine Zeit, als Kleidungsstücke aufwändig genähte Kunstwerke waren - Eine Londoner Ausstellung dokumentiert, dazu passend, "Die goldene Zeit der Couture"

Die Länge der Rocksäume dürfte etliche Meter betragen haben. Riesige Mengen an Tüll wölbten sich unter den mächtig ausgestellten Röcken, die Taille war eng zusammengeschnürt, Schleifen zierten die Dekolletés. Die Kleider, die Besucher am Ende der jüngsten Modeschau von Dolce & Gabbana zu sehen bekamen, waren nichts anderes als Ungetüme. Eine Strafe für jene Damen, die sich hin und wieder auch bewegen möchten. Aufschrei ging keiner durch die versammelte Modepresse.

Vor rund sechzig Jahren, als Christian Dior mit ebensolchen Kleidern eine neue Epoche in der Mode einläutete, war das anders. Frauen gingen auf die Straße, weil sie einen Rückfall in jene Zeiten befürchteten, als sie selbst als Kleiderständer mit Korsett fungierten. Dem Erfolg des "New Look", wie die neue Mode nach einem Ausspruch einer Redakteurin des Harper's Bazaar genannt wurde, tat das keinen Abbruch. Im Gegenteil: Im restaurativen Nachkriegsklima traten Diors Sanduhrensilhouetten einen Siegeszug sondergleichen an. Nach Jahren rationierter Mode verlangte es Kundinnen nach aufwändigen, in Stoff schwelgenden Kreationen. Couturiers wie Cristóbal Balenciaga, Jacques Fath, Pierre Balmain oder eben Dior stiegen zu Superstars auf.

Manche von ihnen haben auch heute noch klingende Namen. Jene, die ein wenig ins Abseits gerückt sind, werden derzeit wieder in Erinnerung gerufen. "Die goldene Zeit der Couture" erlebt nämlich eine Renaissance - auf den Laufstegen (unter anderem bei Dolce & Gabbana) und auch abseits davon.

Nach einer großen Balenciaga-Ausstellung im Pariser Louvre im vergangenen Jahr hat jetzt das Londoner Victoria and Albert Museum die Jahre zwischen 1947, der "Erfindung" des New Look, und 1957, dem Tod Diors, in den Mittelpunkt einer Modeausstellung gerückt. Sie dokumentiert die Entwicklungen sowohl in Paris als auch in London - auch wenn sich die relevante Mode damals fast ausschließlich in der französischen Hauptstadt abspielte.

Hier war (und ist) das Zentrum der Couture

Das mussten auch die Nazis erfahren, als sie während ihrer Besatzungszeit die Produktion nach Berlin und Wien auslagern wollten und mit ihrem Plan scheiterten. Der Markt war in den 50er-Jahren aber alles andere als auf Paris beschränkt. Für die USA wurden eigene Kollektionen hergestellt, Modehäuser gründeten Filialen in London, eine Art Puppentheater ("Théâtre de la Mode"), in dem kleine Mannequins die neuesten Kreationen vorführten, schickte man auf Reisen. Eine Art modische Kolonialisierung, unterstützt von den immer wichtiger werdenen Modemagazinen, die die besten Fotografen der Zeit unter Vertrag hatten, und dem aufkommenden Prêt-à-porter. In London stellten sich dem die Schneider der Savile Row, Couturiers wie Charles Creed und Hardy Amies, entgegen. Mit den vom Staat unterstützten Pariser Häusern konnten sie aber kaum konkurrieren.

Erst die Abkehr von der händischen Fertigung begünstigte einen schlichteren Zugang in der Mode. 1954 öffnete Gabrielle Chanel wieder ihr Modehaus. Die aufwändig strukturierten, die Bewegungsfreiheit einengenden Kleider widersprachen all dem, wofür sie in der Mode stand - und wonach bald auch der Zeitgeist hechelte. Mit Diors Tod und der Übernahme der Designagenden durch Yves Saint Laurent ging eine Epoche zu Ende, die den demokratischen Bestrebungen der Mode zuwiderlief. Nicht mehr die Schneiderateliers waren das Zentrum der Mode, sondern die Straße. Es ging weniger um die Betonung des Weiblichen als um jene der Emanzipation.

Damit hatte Christian Dior wenig zu schaffen - auch wenn im Victoria and Albert Museum überraschend ein Catsuit und ein Babydoll-Kleidchen des Meisters aus dem Jahre 1950 zu sehen sind. Sie traten erst viel später ihren Siegeszug durch die Kleiderschränke der jüngeren Generation an. Zu Symbolen des New Look wurden diese Kleidungsstücke nie. Ansonsten hätte man die Geschichte der Mode längst umschreiben müssen. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/12/10/2007)

The Golden Age of Couture
Paris and London 1947-1957
bis 6. Jänner im Londoner Victoria and Albert Museum zu sehen
www.vam.ac.uk
  • Von Richard Avedon stammen die beeindruckendsten  Modebilder der 50er-Jahre. Hier ein Beispiel aus der  amerikanischen Zeitschrift "Harper's Bazaar". Das Modell Sunny Hartnett trägt ein Kleid von Madame Grés.
    foto: katalog

    Von Richard Avedon stammen die beeindruckendsten Modebilder der 50er-Jahre. Hier ein Beispiel aus der amerikanischen Zeitschrift "Harper's Bazaar". Das Modell Sunny Hartnett trägt ein Kleid von Madame Grés.

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