Wie im Film

14. Oktober 2007, 17:00
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Was Wände und Leuchten aus ganz einfachen Materialien mit den Dogma-Filmen der 90er-Jahre zu tun haben, zeigen Architekturstudenten der TU Graz im Az West

Der Schauplatz ist schlecht ausgeleuchtet, das Bild ist schief, 90 Minuten lang wackelt die Handkamera auf der Leinwand herum. Die Dogma-Filme von Lars von Trier, Thomas Vinterberg, Kristian Levring und Søren Kragh-Jacobsen haben Mitte der 90er-Jahre einen cineastischen Einschnitt hinterlassen. Mit ihrem Manifest "Dogma 95" forderten die dänischen Regisseure eine Rückkehr zur Abbildung des normalen Lebens: keine Kulissen, keine künstliche Beleuchtung, keine Spezialeffekte.

"Wenn wenig Mittel zur Verfügung stehen, steigt die Qualität", sagt Architekturkritiker Oliver Elser, der gemeinsam mit Markus Bogensberger und Andreas Hild eine Lehrveranstaltung an der TU Graz abgehalten hat und des Weiteren meint: "die Erfahrung hat uns gelehrt, dass die Ergebnisse umso besser ausfallen, je strenger die Vorgaben sind. Das trifft auf jeden Bereich des Lebens zu." Was im Film funktioniert, kann daher auch in der Architektur so schlecht nicht sein. Universitätsprofessor Andreas Hild und seine Kollegen haben das dogmatische Manifest auf die Architektur übertragen und verfassten zehn dogMax-Punkte: Gebaut werden darf nur mit Materialien von bauMax. Beim Zeichnen wird kein Strom verbraucht. Es werden ausschließlich Handzeichnungen präsentiert. Die Osterferien sind Arbeitszeit. Und so weiter.

Mit nur knappem Budget ausgestattet, wurden die Studenten aufgefordert, zum nächstbesten bauMax zu fahren und dort nach passendem Baumaterial für Low-Budget-Lampen zu suchen. Zurück kamen sie mit Plastikschöpfern, Samtpolstern und Abtropfgittern, mit Fliegenklatschen und Fußabstreifern. Die erleuchtenden Kreationen - die billigsten Lampenschirme kamen gerade einmal auf 20 Euro - sind Beweis dafür, dass billiges Bauen keinesfalls schäbig aussehen muss.

In der zweiten Phase der Übung ging es darum, sich Wandaufbauten für Häuser einfallen zu lassen. Hier war das Repertoire des Materialeinsatzes noch verrückter: Die Studenten bauten Wandmodule aus Marmeladegläsern und Isolierschaum, aus Plastikplatten, Mistkübeldeckeln usw. "Natürlich wäre es vermessen, zu sagen, dass die Lampen und Wandentwürfe bereits durchoptimiert sind, doch darum geht es nicht", sagt Elser, "wir wollten lediglich die Beobachtungsgabe schärfen und schauen, wie weit wir mit dem gezielten Missbrauch von Baustoffen und Haushaltswaren kommen können."

Normalerweise arbeiten Studenten für die Schublade, und es gibt keine Berührung mit der Realität. In diesem Fall war das anders. Die Studenten waren aufgefordert, im Maßstab 1:1 zu denken und die Lampen- und die Wandentwürfe tatsächlich zu bauen. Möglich war dies nicht zuletzt durch das Materialsponsoring aus dem Baumarkt. Elser: "bauMax hat uns immens unterstützt und hat dieses Projekt überhaupt erst ermöglicht. Doch als wir ihnen den Namen unseres Projekts und dann auch noch das Logo präsentiert haben, sind ihre Nerven blank gelegen." Wie man sieht, haben die angehenden Architekten gute Überzeugungsarbeit geleistet. (Wojciech Czaja/Der Standard/rondo/12/10/2007)

Ausstellung
Bis 18. November 2007 im Az West
Flachgasse 35-37, 1150 Wien
Mi - So, 14 - 20 Uhr
www.dogmax.at, www.azw.at.

  • Materialien aus dem Baumarkt, Zeichnungen nur mit Bleistift und einige Auflagen mehr mussten die Entwerfer einhalten.
    foto: az w

    Materialien aus dem Baumarkt, Zeichnungen nur mit Bleistift und einige Auflagen mehr mussten die Entwerfer einhalten.

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