Worauf die Jungen pfeifen

24. April 2008, 11:21
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Die junge Gestaltertruppe Buchegger, Denoth, Feichtner betreibt ein erfolgreiches Studio für Werbung, Webauftritte und Design - In der Formgebung verzichten die drei auf so ziemlich jede gängige Tradition

DER STANDARD: Wie definieren Sie den Begriff "neu"?

Thomas Feichtner: Neu ist der Fluch unserer Generation. Alles muss immer neu sein. Neu bedeutet für mich Faszination und Verzweiflung in einem. Im Design etwas Neues zu machen ist eine Frage des Studiums von Vorangegangenem. Karl Lagerfeld meinte einmal: "Kreativität ist eine Frage des Wissens." Im Prinzip kommen alle Menschen auf der ganzen Welt zu denselben oder zumindest ähnlichen Ideen. Je vernetzter wir sind, desto ähnlicher werden auch diese Ideen. Das ergibt eine Art globalen Kreativitätsbrei. Dem zu entkommen ist die Faszination, die ich als neu beschreiben würde.

DER STANDARD: Gerade im Design heißt es ja: Alles schon da gewesen. Wann ist ein Sessel neu?

Thomas Feichtner: Bei einem Sessel zählt für mich nicht, dass dieser besonders leicht oder stapelbar ist. Es geht um formale Innovation. Technisch gesehen bewegen wir uns sehr schnell, im Formalen geht's sehr langsam vorwärts. Wenn ich die Moderne des Bauhaus betrachte und den heutigen Anspruch an Design sehe, muss ich sagen: Wir stecken da jetzt schon 100 Jahre drinnen. Daraus tatsächlich wieder herauszukommen, ohne sich alter Stilelemente zu bedienen, darin liegt für mich der Reiz des Neuen.

DER STANDARD: Gibt es ein gelungenes Beispiel dafür?

Thomas Feichtner: Für mich ist die Maschinengewehrlampe, die Philippe Starck für Flos gemacht hat, ein Meilenstein in der Designgeschichte. Das ständige, massenhafte Produzieren geht auf Kosten der Ressourcen - der menschlichen und der Umwelt. Das lässt sich abstrahieren bis zu Mord und Totschlag, so wie es Philippe Starck mit dieser Leuchte gemacht hat. Sie ist ein philosophisches Produkt, das gleichzeitig auch leuchtet. Das ist für mich neu.

DER STANDARD: Wie suchen Sie nach "Neuem"?

Thomas Feichtner: Wir waren zum Beispiel auf der Kunstmesse Art/Basel/Miami in Florida und haben zufällig Ron Arad am Strand getroffen, mit ihm viele Wodkas getrunken und am nächsten Tag seine Installationen im Design District studiert. Da haben wir uns gedacht: "Lass uns etwas mit ihm gemeinsam machen." Anschließend haben wir uns mit ihm in London und Zürich getroffen, letztlich entstand daraus ein gemeinsames Buch, das kürzlich in New York präsentiert wurde. Ohne Suche findet man keine spannenden Projekte. Sich nur zu informieren, ist zu wenig.

DER STANDARD: Aber man kann schlecht sagen, ich würd' jetzt gern den Ron Arad auf ein paar Wodkas am Strand treffen und das klappt dann schon.

Thomas Feichtner: Stimmt, aber die Wahrscheinlichkeit, ihn an der Uferpromenade in Linz zu treffen, ist doch deutlich geringer. Man muss dem Zufall ein bisschen helfen, damit er eintritt.

DER STANDARD: Wie halten Sie es mit Vorbildern, was kann man von den "Alten" lernen?

Bernhard Buchegger: Mich würde es eher behindern, die Arbeit eines so genannten Vorbildes zu analysieren und dann krampfhaft zu versuchen, in dessen Fußstapfen genauso erfolgreich zu werden. Wesentlicher ist, sich seine eigene Leidenschaft zu erhalten.

DER STANDARD: Ihre unter dem Titel "Axiome" entstandenen Objekte sollen Gegenstrategien zu einem ökonomisch begründeten Designverständnis aufzeigen. Wie sehen diese aus?

Thomas Feichtner: Wir fragten uns: "Was hat Design in Österreich, in Europa eigentlich überhaupt verloren?" So viele wollen heute als Designer arbeiten. Das ist total inflationär und endet in einem Chaos. Und: Es gibt immer weniger Unternehmen, die tatsächlich in Europa produzieren, im Prinzip wird eigentlich nur mehr Handel betrieben.

DER STANDARD: Aber das ist ja alles ökonomisch bedingt. Wie kann man sich als Designer dagegen wehren, aber trotzdem wirtschaftlich überleben?

Thomas Feichtner: Wenn diese unglaubliche Masse an Alltagsgegenständen in Fernost oder Indien produziert wird, können wir uns nur mehr auf das Eigene, das Besondere konzentrieren. Die Gegenstrategie: nicht mehr großindustriell, sondern in kleinen Serien, als Manufaktur zu fertigen.

DER STANDARD: Das kostet aber viel mehr Geld.

Thomas Feichtner: Ja, hurra. Soll es doch. Diese Güter sind dafür kulturell ganz anders positioniert. Es geht um eine spezielle Geschichte, um etwas, das hier in Europa verstanden wird. Ich glaube nicht, dass sich unsere Möbel in China besser verkaufen lassen. Ganz im Gegenteil: Persönliche und regionale Identität sind entscheidend.

DER STANDARD: Klingt nach einem Antiglobalisierungs-Statement.

Bernhard Buchegger: Wir haben ja auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Es geht darum, nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen Dinge so auszusehen zu lassen, wie sie aussehen. Wir wollen keinen Bestseller entwerfen.

Thomas Feichtner: Unsere Arbeit ist sicher auch Protest. Wir haben etwa ein Besteck gemacht, das schlecht in der Hand liegt. Vom ergonomischen Standpunkt her eine Katastrophe.

DER STANDARD: Ein künstlerischer Zugang?

Thomas Feichtner: Gerade bei einem Objekt wie einem Besteck schaut einfach alles gleich aus. Alles dreht sich um Ergonomie. Von der gestalterischen Seite gibt es also kaum noch einen Zugang. Deshalb zäumten wir das Pferd verkehrt herum auf und machten ein Besteck, bei dem wir auf Ergonomie und Funktion weit gehend pfeifen.

Michael Denoth: Das Schöne ist: Es gibt durchaus Traditionsunternehmen, die sich auf solche Dinge einlassen.

DER STANDARD: Ich kauf mir das Objekt also, weil ich seine Form und den Zugang dazu schätze, nicht aber, weil ich es benutzen will.

Thomas Feichtner: Die Funktion von Design ist nicht, dass man es verkaufen muss. Ob Design produziert oder verkauft wird, lässt nicht unbedingt Rückschlüsse über seine Qualität zu.

DER STANDARD: Mit dem Sager "form follows function" sind Sie eindeutig auf Kriegsfuß.

Thomas Feichtner: Der Satz ist ein riesengroßes Missverständnis! Form follows function ist ein schlechter Witz, den sich Produktmanager für ihre Verkaufsphilosophie zurechtgeschneidert haben. Der Satz stammt von Louis Sullivan, der eigentlich sehr ornamental gearbeitet hat. Gemeint war er im Sinne von: Die Blume hat ihre Funktion, die Biene anzulocken. Verstanden wird der Satz in der Regel aber so: Zuerst lass uns die Funktion checken, dann machen wir das Design darum herum. Das ist die Katastrophe. Eine Entwicklung kann es nur durch eine freie Gestaltung vor dem eigentlichen Produkt geben.

DER STANDARD: Würden Sie den Satz umdrehen?

Thomas Feichtner: Es gibt keine Prinzipien im formellen Design. Ich würde eher sagen: "form follows nothing."

DER STANDARD: Wenn ich einen Sessel machen will, gibt es die Regel, dass ich mich draufsetzen können muss, richtig?

Thomas Feichtner: Jein. Unser Sessel wird sehr unterschiedlich beurteilt. Also: Die einen bewerten ihn durch Anschauen, die anderen durch Sitzen. Um einen Sessel zu machen, auf dem man gut sitzen kann, brauch ich keinen Designer, sondern einen Ergonomen. Die Funktion ist ja längst geklärt. Wie aber löst man diese Aufgabe, wenn sich bereits tausende Designer über Jahrhunderte dieser Aufgabe gewidmet haben?

DER STANDARD: Wieso entwerfen Sie dann überhaupt noch einen Sessel?

Thomas Feichtner: Weil wir zeigen wollen, dass wir etwas Neues denken können - und zwar in der Königsdisziplin. Das würden wir nicht tun, wenn es um einen hochkomplexen Gegenstand aus der Medizintechnik ginge, weil sich der kaum vergleichen ließe.

DER STANDARD: Anders gefragt, warum schaut der Sessel so aus, wie er ausschaut?

Thomas Feichtner: Die Frage nach dem Warum drückt genau dieses klassisch funktionale Denken aus. Wenn man nicht erklären kann, warum ein Ding so oder so aussieht, sind viele Betrachter verloren. Design kann doch frei sein, Spaß, Lust oder sonst was bedeuten. (Michael Hausenblas/Der Standard/rono/12/10/2007)

  • Funktion ist Neben-, die Form Hauptsache.
    foto: hersteller

    Funktion ist Neben-, die Form Hauptsache.

  • "Axiome"-Objekte von Michael Denoth, Thomas Feichtner und Bernhard Buchegger.
    foto: hersteller

    "Axiome"-Objekte von Michael Denoth, Thomas Feichtner und Bernhard Buchegger.

  • Michael Denoth (*1973 in Innsbruck)
    foto: hersteller

    Michael Denoth (*1973 in Innsbruck)

  • Thomas  Feichtner (*1970 in Vitoria, Brasilien)
    foto: hersteller

    Thomas Feichtner (*1970 in Vitoria, Brasilien)

  • Bernhard Bucheggger (*1973 in Linz)

Bernhard Bucheggger, Michael Denoth und Thomas  Feichtner leben und arbeiten in Linz und Wien. Die einstigen  Studenten der Kunstuniversität Linz (Bernhard  Buchegger und Michael Denoth, Studienrichtung Graphic Design. Thomas Feichtner, Studien- richtung Industrial Design) gründeten 2001  ein Designbüro für zwei- und dreidimensionale Gestaltung in Linz und zwei Jahre später ein  weiteres in Wien.

Buchegger, Denoth, Feichtner wurden mit zahlreichen Designpreisen, darunter dem IF-Design Award, red dot design award, Designpreis Schweiz, Josef Binder Award und dem Designpreis der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.  Das Designbüro arbeitet mit circa 20 ständigen Mitarbeitern in den drei Bereichen visuelle Kommunikation, neue Medien und Produktgestaltung.
    foto: hersteller

    Bernhard Bucheggger (*1973 in Linz)

    Bernhard Bucheggger, Michael Denoth und Thomas Feichtner leben und arbeiten in Linz und Wien. Die einstigen Studenten der Kunstuniversität Linz (Bernhard Buchegger und Michael Denoth, Studienrichtung Graphic Design. Thomas Feichtner, Studien- richtung Industrial Design) gründeten 2001 ein Designbüro für zwei- und dreidimensionale Gestaltung in Linz und zwei Jahre später ein weiteres in Wien.

    Buchegger, Denoth, Feichtner wurden mit zahlreichen Designpreisen, darunter dem IF-Design Award, red dot design award, Designpreis Schweiz, Josef Binder Award und dem Designpreis der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Das Designbüro arbeitet mit circa 20 ständigen Mitarbeitern in den drei Bereichen visuelle Kommunikation, neue Medien und Produktgestaltung.

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