Junge Migrantinnen: Zurück zur Tradition?

11. Oktober 2007, 07:00
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Viele Mädchen aus Zuwandererfamilien orientieren sich wieder an traditionellen Frauenrollen. Ein neues Projekt in Graz versucht, ihren Blick zu weiten

Graz – Junge Migrantinnen, besonders jene der zweiten Generation, wenden sich verstärkt wieder althergebrachten Geschlechterverhältnissen zu. Dies beobachten SozialarbeiterInnen, PädagogInnen und andere, die beruflich mit ihnen zu tun haben, ebenso wie ZuwanderInnen selbst. "Bei jungen Frauen verstärkt sich die Tendenz, dass sie ihre ganze Lebenserfüllung in der Ehe sehen und die klassische Frauenrolle erfüllen wollen", beobachtet Irene Windisch, Leiterin der Migrantinnen-Qualifizierungseinrichtung "Danaida" in Graz. Und die Sozial- und Unternehmensberaterin Sharareh Gharari-Diakiese, gebürtige Iranerin, die seit Jahren mit MigrantInnen arbeitet, bestätigt: "Viele sagen: 'Ich werde wie meine Mutter heiraten, mein Mann wird mich versorgen'."

Zuwanderinnen: Gefühle der Minderwertigkeit

Die Ursachen dafür fasst Windisch so zusammen: "Perspektivenlosigkeit, Lebensunsicherheit, Mangel an Unterstützung und die schwierige Rechtssituation: "Was haben sie denn sonst für Alternativen?" Schließlich finden Migrantinnen besonders schwer Jobs. Gharari-Diakiese stellt bei Mädchen aus Zuwandererfamilien oft ein sehr niedriges Selbstvertrauen fest. "Viele fühlen sich gegenüber Inländerinnen minderwertig und denken, dass sie beruflich keinen Erfolg haben können." Schuld daran sei auch die starke Diskriminierung, vor allem durch andere Jugendliche. Nicht selten würden Migrantinnen beschimpft oder ausgelacht, speziell wenn sie ein Kopftuch tragen. Eine typische Situation: Eine Frau mit Tuch steigt in einen Bus und hört sofort jemanden raunen: "Was macht die hier? Die soll in ihr Land heimgehen." Dazu kommt noch, dass Zuwanderinnen, die ihren Ehemännern aus dem (Nicht-EU-)Ausland nachziehen, von diesen aufenthalts- und arbeitsrechtlich mehrere Jahre lang abhängig sind.

Retro-Orientierung

Prinzipiell betreffen Orientierungslosigkeit und Retraditionalisierung beide Geschlechter und verstärken sich, wenn eine Gruppe nicht gut integriert ist, sind sich ExpertInnen einig. Dann nimmt die Wichtigkeit der eigenen Landsleute zu, Regeln werden enger gesehen und ihre Einhaltung genauer kontrolliert, meint der Grazer MigrantInnenberater Ali Ocak. Einige Eingewanderte verhielten sich in Österreich traditioneller als früher in ihrer Heimat. Diese Retro-Orientierung begünstigt laut Ocak auch, dass Eltern Ehen arrangieren und es sogar zu Zwangsehen kommt – und viele junge Leute mitspielten: Manche halbherzig, viele aber auch "scheinglücklich", wie Ocak das nennt.

Zwangsehe: Die Jüngeren sollen Schluss damit machen

Mehrere Organisationen arbeiten daher an der Bewusstseinsbildung zu Fragen der Geschlechterrollen und der eingefädelten und Zwangsverheiratungen. Besonders wichtig sei es, die Eltern junger Mädchen und Buben zu erreichen, sagt Gharari-Diakiese. "Allerdings gibt es auch für junge Mädchen viel zu wenige Angebote." Auch deshalb hat Danaida eben wieder ein neues Projekt gestartet: Seit drei Wochen läuft das "Girls Intercultural Video Project". Dabei können Mädchen und junge Frauen über ihre Zukunftsvorstellungen nachdenken und sich auch coachen lassen – und zwar Österreicherinnen und Migrantinnen gemeinsam. "Wir wollen das Eis zwischen den beiden Gruppen schmelzen", sagt Projektleiterin Gharari-Diakiese, "und ihren Blick weiten".

Bislang sind Frauen aus Afghanistan, Albanien, Nigeria und Österreich dabei. Bildung, Jobmöglichkeiten und wie sich Familie und Beruf vereinbaren lassen können sind dabei große Themen. Zwangs- und arrangierte Ehen kamen bisher nicht explizit auf den Tisch, nach und nach kommen sie aber sehr wohl zum Vorschein. Hat Gharari-Diakiese doch mit einer Frau zu tun, deren 17-jährige Tochter nun verheiratet werden soll, ginge es nach dem Willen des Vaters – aber gegen jenen der Mutter. Gharari-Diakiese: "Das Projekt gibt auch Hoffnung, dass die jüngere Generation ihren Kindern so etwas einmal nicht antut." (Gerlinde Pölsler, dieStandard.at, 11.10.2007)

Link

www.danaida.at

Girls Intercultural Video Project, Infos: 0316/71-06-60, E-Mail

  • Sharareh Gharari-Diakiese: "Viele sagen: 'Ich werde wie meine Mutter heiraten, mein Mann wird mich versorgen'."
    Sharareh Gharari-Diakiese: "Viele sagen: 'Ich werde wie meine Mutter heiraten, mein Mann wird mich versorgen'."
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