"Dein Hirn bist du"

9. Oktober 2007, 21:30
posten

Eine Uni-Tagung über Bewusstseinsforschung

"Sind Hirn und Geist von einander unterscheidbar, ja oder nein?" Um seinen Zuhörern Fragen wie diese zu stellen, unterbrach Steven Laureys mehrmals seine Präsentation. Der Lütticher Neurologe insistierte, dass selbst der Vorsitzende seine Antworten auf einem weißen Blatt notieren musste. Am Ende ließ Laureys die Blätter einsammeln. Ein Doktorand wird sie auswerten und vielleicht eines Tages mitteilen, ob und inwiefern die Wiener anders über Bewusstsein und komatöse Zustände denken als die frühere Zuhörerschaft des Belgiers.

Der Fachbereich Verhaltensbiologie der Uni Wien hatte zu einer Tagung über das Bewusstsein geladen, und der Hörsaal im Unizentrum Althansstraße war gut gefüllt. Was bis Mitte der Neunzigerjahre eine No-Go-Area für Nichtphilosophen war, erfreut sich nämlich mittlerweile einiger Beliebtheit bei Biologen über Psychologen bis zu Medizinern. Selbst die Quantenphysik hat das Bewusstsein entdeckt. Auch wenn bei diesem Treffen kein Physiker unter den geladenen Sprechern war, kamen unterschiedlichste Disziplinen zu Wort.

Den Schlagabtausch eröffnete Alan Hobson mit einem Abriss über die Traumforschung jenseits der Psychoanalyse. Dass Ängste so einen breiten Raum in unseren Träumen einnehmen, liege an Inkontinuitäten und Inkongruenzen. Diese kommen durch die hohe, aber erratische Hirnaktivität während des genannten REM-Schlaf, in dem wir überwiegend träumen, so der Emeritus aus Harvard.

Unbehagen mitr dem Unbewussten

John Kihlstrom aus Berkeley erklärte das lange anhaltende Unbehagen der Psychologie am Begriff des Unbewussten, weshalb sie für solche Arten von Verhalten, Denken oder Motive Begriffe wie sublim, automatisch oder implizit eingeführt hat. Jedem der Hauptredner folgten vier teils aus den Natur-, teils aus den Geisteswissenschaften stammende Kommentatoren. Die begnügten sich allerdings nur zum Teil mit dem Kommentieren. Einige nutzten ihre akademische Freiheit lieber, um aus dem eigenen Gemüsegärtchen zu erzählen wobei sich Geisteswissenschafter von den Naturwissenschaftern rhetorisch haben abhängen lassen.

Die Ehre der Philosophie versuchte jedenfalls Peter Kampits zu retten, indem er sich beredt auf die ethischen Implikationen der Funde der Hirnforschung konzentrierte. Doch eine Philosophin beharrte auf der traditionellen Trennung von Hirn und Geist und nötigte Steven Laureys, sich ebenfalls zu erklären. So kam der Belgier dazu, das beklatschte Schlusswort der Tagung zu sprechen: "Dein Hirn bist du." (stlö/DER STANDARD, Printausgabe, 10.10.2008)

  • Der Arzt Robert Fludd hat sich im 17. Jahrhundert eine heute überholte Vorstellung von Bewusstsein gemacht.
    foto: wikipedia

    Der Arzt Robert Fludd hat sich im 17. Jahrhundert eine heute überholte Vorstellung von Bewusstsein gemacht.

Share if you care.