"Werden wohl Fabriken abdrehen"

9. Oktober 2007, 21:10
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Der Umweltchemiker Wilfried Winiwarter im STANDARD-Interview darüber, wie man Luftverschmutzung begegnen kann

Rauchende Schlote, stinkende Autos, kranke Lungen und kaputte Herz-Kreislaufsysteme. Wie man der Luftverschmutzung begegnen kann, erklärt der Umweltchemiker Wilfried Winiwarter im Gespräch mit Andreas Feiertag.

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STANDARD: Was kann man gegen Luftverschmutzung tun?

Winiwarter: Zuerst braucht es ein entsprechendes Bewusstsein, sonst geht nichts. Erkennt man in einem Staat aufgrund statistisch erhöhter Krankheits- oder gar Todesfälle oder Hinweisen von Außen, dass es ein Problem mit der Luftqualität gibt, muss man flächendeckend Luftgütemessungen und Datenanalysen durchführen. Und das kann schon dauern.

STANDARD: Wie lange denn?

Winiwarter: Vor 15 Jahren wurde in den USA erstmals der Beweis dafür erbracht, dass die Emissionen von Feinstaub aus einem Stahlwerk mit Spitalseinweisungen und Todesfällen zusammen hängen. Doch erst seit 2001 wird in der EU flächendeckend die Luft gemessen.

STANDARD: Also misst man. Und dann kann man etwas tun?

Winiwarter: Ganz so einfach ist das nicht. Es müssen Mess- und Analysesysteme global standardisiert, Netzwerke für Datenaustausch und -abgleich errichtet werden. Dann müssen die Messdaten in Verbindung mit möglichen Verursachern gebracht werden. Dafür kann ich mit Hilfe statistischer Daten die Freisetzung von Luftschadstoffen ermitteln. So verwende ich beispielsweise die Fahrleistung von LKWs und kombiniere sie mit Prüfstandsdaten über Schadstoffkonzentrationen im Abgas, und ich erhalte die Emissionen.

Oder ich verwende Messdaten, die ich mit Atmosphärenmodellen oder statistischen Modellen analysiere. Aus typischen Schadstoffverhältnissen lassen sich "Fingerabdrücke" von Verursachern ablesen. Beide Wege führen dazu, die jeweiligen Beiträge von Verursachern der Luftverschmutzung abzuschätzen. Weiß ich das, kann ich etwas dagegen unternehmen.

STANDARD: LKW-freie Wochentage oder höhere Spritpreise?

Winiwarter: Die Vergangenheit hat gezeigt, dass so genannte End-of-the-Pipe-Maßnahmen längerfristig am effizientesten sind. Lenkungsmaßnahmen brachten lange nicht so viel wie Staubfilter in Kraftwerksschlote und Katalysatoren in die Auspuffe einzubauen.

STANDARD: Und was heißt das für den Luftverpester China?

Winiwarter: Ich bin mir sicher, dass der gute Wille vorhanden ist und dass China schon einiges in die Wege geleitet beziehungsweise umgesetzt hat. Aber technisch ist da noch mehr drin. Bis zu den Olympischen Spielen geht sich das wohl nicht mehr aus. Also vermute ich, dass die Verantwortlichen in der betreffenden Zeit nächstes Jahr wohl Fabriken und große Anlagen in und um Peking abdrehen und den Autoverkehr durch Verbote reduzieren werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.10.2008)

Zur Person
Umweltchemiker Wilfried Winiwarter (45) ist Senior Scientist bei den Austrian Research Centers in Seibersdorf für das Thema Luftchemie und Emissionen.
  • Umweltchemiker Wilfried Winiwarter (45).
    foto: der standard

    Umweltchemiker Wilfried Winiwarter (45).

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