Dänemark plant, Heroin auf Staatskosten abzugeben

11. Oktober 2007, 18:03
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Kritiker meinen, Süchtige sollten so nur ruhig gestellt werden - Erfahrung aus anderen Ländern

Kopenhagen - Das "statsheroin" (Staatsheroin), wie es die Dänen seit Beginn der Diskussion nennen, scheint nun Wirklichkeit zu werden. Im dänischen Parlament hat sich vor Kurzem erstmals eine Mehrheit für die Gratisabgabe von Heroin statt Methadon an schwer Abhängige gebildet. Die rechtspopulistische Dänische Volkspartei (DF), die normalerweise die bürgerliche Minderheitsregierung unter Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen stützt, hat den Oppositionsparteien im dänischen Folketing überraschend Unterstützung in der Frage signalisiert. Sie war bislang strikt dagegen.

Ein Beschluss für die Abgabe von Heroin gegen den Widerstand der Regierung ist nur noch eine Frage der Zeit. Denn alle Oppositionsparteien einschließlich der Sozialdemokraten sind dafür. Ein Gesetzesvorschlag sei bereits in Arbeit und werde bald dem Parlament vorgelegt werden, sagte Birthe Skaarup, gesundheitspolitische Sprecherin der DF. An einer Gruppe von Süchtigen, die von Sozialarbeitern betreut werden, soll getestet werden, ob die Vergabe von Heroin sinnvoll ist. Bei positivem Ergebnis ist eine Ausweitung denkbar.

Methadon greift kaum

Grund für den Vorstoß der Opposition ist die Erfahrung mit den konventionellen Drogenentzugsprogrammen. Ersatzdrogen wie Methadon wirken bei sehr schweren Fällen kaum. Dazu kommt, dass bei kontrollierter (Gratis-)Heroin-Abgabe Beschaffungskriminalität und die Übertragung von Krankheiten wegfielen. "Wir haben mehrere Jahre verschiedene Programme für die am schwersten belasteten Drogenabhängigen getestet - also für die, bei denen nichts anderes zu helfen scheint", sagt Skaarup. Das Ziel sei, dass diese Menschen wieder ein normales Leben führen und vielleicht wieder arbeiten gehen können, so die Politikerin.

Für den Richtungswechsel bei der Dänischen Volkspartei steht die Parlamentarierin und Lehrerin Karin Nödgaard. Die Politikerin ließ sich von guten Erfahrungen in anderen Ländern und von ihren eigenen Besuchen bei Heroinsüchtigen überzeugen und trug dieses Anliegen von Experten in die DF.

Hinter dem Wechsel steht jedoch auch die Erfahrung, dass es schwer ist, Heroinabhängige überhaupt zu heilen. Die Therapie mit "Staatsheroin" konzentriert sich darauf, Fixern ein halbwegs normales Leben mit kontrollierten Heroindosen zu ermöglichen.

Sucht bleibt

Nicht alle Fachleute sind von diesem Ansatz überzeugt. "Wer staatliches Heroin verteilt, hat die Hoffnung aufgegeben, dass Drogenabhängige tatsächlich rehabilitiert werden können", sagt Mats Svensson, der Chef der MethadonPraxis im südschwedischen Lund. Den Dänen gehe es nur darum, die Fixer ruhig zu stellen, damit sie kein Problem für die Gesellschaft sind, statt sie zu heilen. "Mit legalem Heroin brauchen die Fixer nicht mehr zu stehlen, Menschen auszurauben, zu morden oder sich zu prostituieren", sagt Svensson. Aber die Abhängigkeit selbst bleibe bestehen, kritisiert er. (André Anwar, DER STANDARD Printausgabe, 10.10.2007)

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    In Dänemark möglicherweise bald Realität: der Staat als Heroin-Verteiler

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