Bruch, Distanz und Entfremdung

16. Oktober 2007, 13:06
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Französischer Tanz in Wien zu Gast: Gibt es eine "Neue Welle" in der zeitgenössischen französischen Choreografie?

Wien - Immerhin haben Tanzschaffende aus Frankreich den entscheidendsten Beitrag zur ästhetischen Tanzwende der 1990er-Jahre geliefert: Jérôme Bel, Xavier Le Roy, Myriam Gourfink und Boris Charmatz. Das Tanzquartier präsentiert zurzeit mit "FranceDanse Europe/Autriche" Stücke, die Indizien für neue Entwicklungen enthalten könnten.

Damit führt das Tanzquartier eine Untersuchung nach Wien, die zukunftsorientierte Diskursarbeit im internationalen avancierten Tanz ermöglicht. Guter Stoff also für das Publikum und auch für die heimische Kunstszene. Voraussetzung für die beiden ersten Arbeiten, die in der laufenden Reihe (bis 14. Oktober) zu sehen waren, ist der Konzeptualismus der 1990er.

Vincent Dupont etwa verbannt in "Jachères improvisation" seine beiden Tänzer in einen vorne im Breitwand-Format geöffneten Raum-im-Bühnenraum, in eine Art Wohnzimmer. Den dazu parallel "gebauten" akustischen Raum (Thierry Balasse) empfängt das Publikum via Kopfhörer. Die sich mit Gourfink'scher Langsamkeit bewegenden Tänzer folgen einer Choreografie, die Bruch, Distanz und Entfremdung vermittelt.

Der Raum-im-Raum ist zugleich Bühne, Bild und Projektionsleinwand, ein Hybrid, das erst durch Yves Godins tolle Lichtchoreografie zu einer Zone der Verunsicherung wird. Ein weiterer Bruch entsteht, sobald Darsteller ihre Isolation aufgeben und, einen Text sprechend, auf das Publikum zugehen. Eine faszinierend konsequent gebaute Arbeit. Mit einer ähnlichen Konsequenz hält es Julia Cima in ihren "Visitations" von Tanzikonen des 20. Jahrhunderts.

Ihr Versuch, unter anderen Tatsumi Hijikata, Isadora Duncan, Valeska Gert und Merce Cunningham zu tanzen, muss scheitern. Denn kein Tänzer ist fähig, all deren grundverschiedene Körperkonstiutionen so umfassend zu speichern, dass er sie "originalgetreu" wiedergeben kann. Cima weiß das und arbeitet offensiv mit der Unmöglichkeit der tänzerischen Reproduktion. Das macht ihren Abend zu einer Art Schaubild, das die einsame Position einer Solofigur in den Strukturen des Historischen bestimmt. Eine Trinkzelle

Außerhalb des FranceDanse-Programms, das heute mit Anne Nguyen im Dschungel weitergeht, stand zur Langen Nacht der Museen im Auftrag des Tanzquartiers "Der einsame Schlucker" seinen Mann im Haupthof des Museumsquartiers. Er wurde als österreichischer Agent von der gallischen "nouvelle vague" gleichermaßen umspült wie von den Sehnsuchtstränen des Singletums. Ein einmaliges, zwölfstündiges Freiluft-Meisterwerk von Julius Deutschbauer mit Selbstgesprächsecke, Einzeltrinkerzelle und Selbstinterviewautomaten, das durch seine absolute Ironie restlos überzeugte. (Helmut Ploebst, DER STANDARD/Printausgabe, 10.10.2007)

  • Anspruchs-volle Positionen im Sinne der Erneuerung mit Julia Caime.
    foto: tanzquartier

    Anspruchs-volle Positionen im Sinne der Erneuerung mit Julia Caime.

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