Krise mit Mehrwert

9. Oktober 2007, 16:46
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Welche Verantwortung an den aktuellen Tur­bulenzen übernehmen die Immobilienbewerter? Ein Gespräch mit Alfons Metzger

Was bisher falschlief, und was sich ändern sollte, besprach Bewerter Alfons Metzger mit Gerhard Rodler.

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STANDARD: Seit Monaten müssen tausende Anleger um ihre in Immobilienaktien investierten Ersparnisse zittern. Ist da in auch in der Immobilienbewertung etwas schief gelaufen?

Metzger: Da muss man schon die Kirche im Dorf lassen! Die aktuellen Turbulenzen sind keine Krise der Immobilien, sondern lediglich der Immo-bilienfinanzierung, ausgelöst von schlecht besicherten und notleidend gewordenen Hypothekenkrediten in den USA. Dass nahezu gleichzeitig die problematischen Rückkäufe von MEL-Aktien an die Öffentlichkeit gekommen sind, hat in dieser Kombination allen geschadet.

STANDARD: Welche Verantwortung müssen dabei die Immobilienbewerter auf sich nehmen?

Metzger: Sicherlich hat das alles dem Ruf der Immobilienbewerter schwer geschadet. Das muss explizit gesagt werden. Dennoch möchte ich hervorheben, dass die aktuellen Probleme definitiv nicht durch falsche Bewertung verursacht worden sind. Es geht nicht darum, dass irgendwelche Immobilien zu hoch bewertet wurden, es geht schlicht und einfach um eine Vertrauenskrise.

STANDARD: Die Bewerter sind also völlig schuldlos?

Metzger: Sicher sollte man den Anlassfall dazu nutzen, auch darüber nachzudenken, was man bei der Bewertung besser machen kann. Es gibt sicherlich einige Punkte, die verändert und optimiert werden müssen.

STANDARD: Welche?

Metzger: Es sollten Mindestqualitätsstandards nicht nur eingeführt, sondern auch eingehalten werden - wenn es sein muss, sogar unter Sanktionsandrohung. Um die Qualitätsstandards nachvollziehbar zu machen, müssten die Mindestinhalte und die Vorgehensweisen für den Bewerter und für die Bewertung exakt definiert werden. Eine solche Qualität bringt Sicherheit für Anleger und Investoren. Daher wird sie auch entsprechend honoriert.

STANDARD: In welcher wirtschaftlichen Abhängigkeit befinden sich denn Auftraggeber und Bewerter?

Metzger: Genau diese wirtschaftliche Anhängigkeit, die Sie ansprechen, darf es eigentlich gar nicht geben. Die Expertisen müssen völlig unabhängig sein. Dies schließt jede andere Tätigkeit des Bewerters ausdrücklich aus. Die Praxis sieht jedoch anders aus, denn oft ist der Auftrag zur Gutachtenserstellung ein Anker für Folgegeschäfte. Meines Erachtens ist das absolut unzulässig und mit ethischen Grundsätzen nicht vereinbar. Leider muss man auch zugeben, dass Gutachten nicht immer fundiert sind. Manchmal sind sie eher eine nachträgliche Kaufpreisbestätigung.

STANDARD: Solche Gefälligkeitsgutachten sind Betrug am Anleger. Wie können da die Anleger durchblicken?

Metzger: Hier haben wir Handlungsbedarf. Der Staat hat seine Bürger vor derartigen Gefälligkeitsgutachten zu schützen. Bis vor kurzer Zeit hat es in der Finanzmarktaufsichtsbehörde de facto kein Know-how über Immobilienbewertung gegeben. Die Immobilie ist zwischenzeitlich ein wichtiges Produkt des Finanzmarktes geworden, und daher sind die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen.

STANDARD: Wie sollte Ihrer Meinung nach so eine Qualifizierung aussehen? Eine zusätzliche Ausbildung?

Metzger: Nein, es gibt eine genügend und ausreichend gute Ausbildung für Immobilienbewertung. Es geht eher um den Nachweis besonders hoher Qualifikation und Erfahrung im Bereich der Immobilienprodukte des Finanzmarktes.

STANDARD: Wie viele Bewerter haben diese Qualifikation?

Metzger: Es gibt 20 bis 30 international akkreditierte Immobilienbewerter. Das reicht aus, um die österreichischen Produkte zu bewerten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6./7.10.2007)

  • Alfons Metzger: "Die aktuellen Probleme auf dem Immobilienmarkt wurden nicht durch falsche Bewertung verursacht. Doch man sollte in diesem Zuge einige Punkte optimieren."

    Alfons Metzger: "Die aktuellen Probleme auf dem Immobilienmarkt wurden nicht durch falsche Bewertung verursacht. Doch man sollte in diesem Zuge einige Punkte optimieren."

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