Sie "krochen" durch die Stadt

17. Juni 2008, 11:33
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Ihre Kappen haben sie weit nach hinten gerückt, sie tragen "Playboy"-T-Shirts, und ihre Haut ist solariumgebräunt: Die Gabber kommen nach Österreich

Sie tanzen mit Sprüngen zum Bassrhythmus und sprechen so, dass kein Laie sie mehr verstehen kann.

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Wien - 1977 sang die US-Punkband Ramones bereits den Schlachtruf "Gabba Gabba Hey". Doch mit dem Begriff "Gabber" hatte das nichts gemein - selbst wenn im Osten Deutschlands die Schreibweise "Gabba" verwendet wird. "Gabber" ist harter und schneller Techno, der seinen Ursprung in der niederländischen Hooligan-Szene von Rotterdam in den 90ern hat.

Die "Gabber" werden in Wien zunehmend häufig bei U-Bahn- und Busstationen gesichtet. Laut spielen sie mit ihrem Handy "Hardcore Techno" ab und üben sowie filmen ihre Choreografien: das "Gabbern" oder die "Hakke". Beim Hakken bewegt man sich ruckartig, der Fuß wird - im Takt der Basslinie - hinter den anderen gestellt. Auf Außenstehende wirkt es wie eine Art Marschieren oder ein Auf-der-Stelle-Treten. Es ist mehr als das: Denn die Geschwindigkeit der Bewegungen hängt von der Beatanzahl pro Minute ab, im Normalfall wird ein Tritt pro Bassschlag ausgeführt.

Ein etwas sportlicheres "Gabbern" ist der "Jumpstyle" unter den Tanzstilen. Dabei geht es darum, mit seinen Füßen vor- und zurückzuspringen und während des Balanceausgleichs mittels der Hände in die Luft zu treten.

Auch die Stilfrage ist in Gabberkreisen geklärt. Sie rührt teils von der Herkunft der Szene ab: "Pflichtprogramm" sind die Nike-Air-Max-Schuhe, die mit einem Luftpolster versehen sind, zudem engere Jeans (auf keinen Fall zu verwechseln mit Röhrenjeans), T-Shirts der Marken Umbro, Kappa oder Fred Perry und Bomberjacken.

Seit Kurzem haben männliche Gabber die Vokuhila wieder modern gemacht, die aus der weit nach hinten gerückten Kappe hervorlugt. Die Mädchen färben ihre Haare schwarz oder blond und fallen durch "Playboy"-T-Shirts auf. Bei allen gilt: natürliche Sommerbräune ade. Sie gehen ins "Soli" oder "Tsoli" (kurz für Solarium), um eine künstlich gebräunte Haut zu haben.

Buccä, du bist bombä

Die Szene hat ihre eigene Sprache entwickelt, die für "Amateure" schwer zu verstehen ist. So wird "Party machen" als "krochen" bezeichnet. Die "Krocha" oder "Pazienten" (Partygeher) treffen sich bei so genannten "Krocha-Dancebattles" in der Discothek Nachtschicht in Wien oder der SCS ("Schicht"). Mit "bombä" wird "Wie war dein Abend?" beantwortet. "Fiix" steht für sicher, und "braQ" ist ein Ausruf von Überraschung. Gabber schreiben abwechselnd mit Groß- und Kleinbuchstaben und ersetzen das "z" durch ein "c" und das "a" durch ein "i", "ä" oder "y". Das Ergebnis: Aus "Bussi" wurde "Buccä".

Politisch wird Gabbern eine Nähe zum rechten Rand zugeschrieben. Im Ruhrgebiet, den Niederlanden und Mittelitalien wurden ihre Veranstaltungen von auffällig vielen Rechtsradikalen besucht. Die Szene verucht sich davon streng zu distanzieren. Aus diesem Grund wurde in Deutschland "United Gabbers Against Racism and Fascism" (Vereinigte Gabber gegen Rassismus und Faschismus) gegründet. In der Szene ist man auch gespalten, wer als echter Gabber gelten darf: Als "Voki-Krocha" werden die Gabber mit Vokuhila bezeichnet - sie würden die Gabber-Lebensweise verflachen. Denn Gabber sind heute mehr als eine kleine Jugendkultur - in Wien prägen sie weit gehend das Bermuda-Dreieck oder die "Nachtschicht". Und online sind Hunderte von Videos, auf denen Gabber "schranzen" (Wortmix aus "schreien" und "tanzen"), zu sehen. Die bewundernden Postings darunter: "Du bist bombä." (Hannah Tiefengraber/DER STANDARD Printausgabe, 9. Oktober 2007)

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