Geschmuggelte Marlboro, stolze Polizisten

27. Februar 2008, 22:33
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Ungarn bereitet sich auf seinen Beitritt zu "Schengen" vor - ein STANDARD- Lokalaugenschein an der EU-Außengrenze

Eine junge Ukrainerin mit falschem Visum und Moldawier, die durch die Theiß schwimmen: Ungarn bereitet sich auf seinen Beitritt zu "Schengen" vor. Und die Ukraine rückt damit ein Stück weiter ostwärts.

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Attila Kovács würde den Pass fälschen. Über den Fluss würde er nicht kommen. Davor hat er Angst. Gesehen hat er schon alles. Sie schwimmen, kommen mit selbst gebastelten Booten, laufen übers Eis oder hängen sich an Züge.

Es sind die Ukrainer, die sich falsche Visa in die Pässe kleben. Die Moldawier und Armenier, die von einem besseren Leben im Westen träumen und dafür bereit sind, ihr Leben zu riskieren. Kovács soll sie alle aufhalten. Er befehligt die ungarische Grenzwache bei Záhony, im Dreiländereck zur Ukraine und der Slowakei. Hier, wo der Fluss Theiß den Westen vom Osten trennt und dabei an manchen Stellen gerade einmal 100 Meter breit ist. Noch vor Weihnachten soll Ungarn mit acht weiteren EU-Staaten Schengen beitreten. Ab dann werden sich Kovács und seine 240 Polizisten nicht mehr nur für zehn Millionen Ungarn, sondern für hunderte Millionen Europäer verantwortlich fühlen.

"Es ist ein Kampf, schließlich ist keine Grenze der Welt ist völlig dicht", sagt der 38-jährige Kovács. Erst vergangene Woche gab es wieder so einen "Zwischenfall" entlang der grünen Grenze. 28 Moldawier kamen mit Booten über die Theiß. "Ob arm oder reich, die Illegalen müssen abgefangen werden", sagt Kovács. Die Moldawier wurden geschnappt. Zwei mussten aus dem Fluss gerettet werden. In den 90er-Jahren wagten mehr Menschen den Fluss heimlich zu queren. Heute sind es vor allem ungarische Schmuggler, die mit billigen Marlboro und Benzin aus der Ukraine etwas dazuverdienen wollen.

Schengen-Abc

An der Grenze sind die Ungarn gerüstet. Und das mit EU-Geldern. Es gibt Röntgengeräte und CO2-Sonden, um Lkws zu kontrollieren. Vor Kurzem wurden protzige Polizeijeeps für die Patrouillenfahrten angeschafft. Es gibt neue Mikroskope, um gefälschte Pässe zu erkennen. Und für die Grenzwächter gab es Einschulungen ins Abc des Schengenbeamten. Wenn die Ungarn auch bald dazugehören, so rückt die Ukraine doch ein Stück weiter weg. Etwa für Andrea. "In Zukunft werde ich meine Mutter nicht mehr so oft sehen", sagt sie.

Die junge Ukrainerin stammt aus Uschgorod, das nur 20 Kilometer von der Grenze entfernt ist. Andrea studiert auf der Eisenbahnerschule in Záhony. Fast die Hälfte der Einwohner Záhonys arbeitet für die Bahn. Die Schienen in der Ukraine sind breiter als im Westen, also muss hier die Spurweite der Züge umgerüstet werden. Wer nicht bei der Bahn sein Geld verdient, ist beim Grenzschutz. Andreas Mutter konnte bisher gratis auf Besuch kommen - die ungarischen Visa waren kostenlos. Mit Schengen ist das vorbei.

35 Euro kostet ein dreimonatiges Schengenvisa dann, mehr als die Hälfte eines durchschnittlichen ukrainischen Monatseinkommens. Es geht nicht nur ums Geld, sondern um die langen Wartezeiten. Über fünf Stunden kann die Überfahrt aus der Ukraine schon dauern. Das liegt allerdings vor allem am Zoll: Auf der Suche nach geschmuggelten Zigaretten und Treibstoff nehmen die ungarischen Zöllner die Autos förmlich auseinander. Auch an diesem Abend warten hunderte ukrainische Minibusse in Záhony auf die Einreise. Die Passagiere sind Gastarbeiter: Männer und Frauen, die nach Italien wollen, um für mehr Lohn zu putzen und zu kellnern.

Geschätzte 200.000 bis eine halbe Million Ukrainer arbeiten in Italien. Sie kommen immer in Wellen, erzählen die Grenzpolizisten. Am Donnerstag und Freitag rollen sie an, damit die Menschen am Montag rechtzeitig in der Arbeit sind. 100 Euro kostet die Fahrt, nennt Vitaliy, einer der Fahrer, seinen aktuellen Tarif nach Rom. Rund um die Gastarbeiter hat sich inzwischen ein Gewerbe entwickelt. Hinter den Fahrern stehen auch die Unternehmen, die Jobs ins Ausland vermitteln, sagt Oberstleutnant Kovács.

Fingerabdrücke

Bis vor einigen Stunden saß Julia in einem dieser Busse. Die junge Ukrainerin, die natürlich anders heißt, sitzt im Büro der Grenzwache. Von ihr werden Fingerabdrücke genommen. Sie wollte mit einem französischen Visum einreisen. Es war gefälscht. Sind die Formalitäten erledigt, werden sie die Ungarn den Ukrainer übergeben. Sie wird dann per Autostopp heimfahren müssen.

László Molnar kann sie verstehen. Jeder sucht schließlich ein besseres Leben, sagt Molnar, der Leiter der ungarischen Grenzpolizei im Osten. Das war vor Schengen so, das wird so bleiben. 317 Kilometer sind die neuen Schengen-Außengrenzen Ungarns lang. Die Grenze zu Rumänien bereite wenig Probleme. Durch die Verhaftung einer Vielzahl von Menschenschmuggler sei aber auch die Grenze zur Ukraine ruhiger geworden. An jedem Tag im Jahr werden in Molnars Abschnitt bis zu drei Menschen wie Julia mit gefälschten Dokumenten angehalten. Für sie ist der Schengenraum für ein Jahr Sperrzone. Es sei "ein Menschenrecht, sich frei zu bewegen", sagt Molnar. "Solange man über die notwendigen Dokumente verfügt", fügt er hinzu. (András Szigetvari/Solmaz Khorsand/DER STANDARD, Printausgabe, 9.10.2007)

  • Sie kommen immer donnerstags und freitags: Hunderte Kleinbusse warten an der ungarischen Grenze. Die Passagiere sind Gastarbeiter auf dem Weg nach Italien.
    foto: khorsand

    Sie kommen immer donnerstags und freitags: Hunderte Kleinbusse warten an der ungarischen Grenze. Die Passagiere sind Gastarbeiter auf dem Weg nach Italien.

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